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Donnerstag, 23.03.2017
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L’Aquila-Erdbeben: Wiederaufbau könnte zehn Jahre dauern

Forscher fordert Erdbeben als Daueraufgabe und Chance zu begreifen

Noch sitzt der Schock tief in den italienischen Abruzzen nach dem verheerenden Erdbeben. Am frühen Montagmorgen des 6. April 2009 hatte ein Erdstoß mit einer Stärke von 6,3 die Region erschüttert, schwere Verwüstungen und zahlreiche Todesopfer waren die Folge. Ein Bonner Erdbeben-Experte hat jetzt erklärt, was beim Wiederaufbau nach der Naturkatastrophe beachtet werden sollte.
Erdbeben in den Abruzzen

Erdbeben in den Abruzzen

Danach gilt: „Nach dem Beben ist vor dem Beben!“ Den Wiederaufbau, der normalerweise rund zehn Jahre dauert, müsse man als eine Daueraufgabe und auch als Chance begreifen.

Mit den Fernsehbildern der Zerstörung schwindet die öffentliche Wahrnehmung der Katastrophe. Dabei steht den Betroffenen in Italien nach der ersten Katastrophenhilfe die eigentliche Aufgabe noch bevor: der Wiederaufbau. „Das Erdbeben in den Abruzzen ist beileibe nicht die erste Katastrophe dieser Art in einer ländlichen Region Italiens“, sagt Professor Jürgen Pohl von der Universität Bonn. „Es hat schon zahlreiche vergleichbare Ereignisse gegeben.“

Provisorisches Alltagsleben


Erfahrung mit dem Wiederaufbau-Management nach schweren Erdbeben hat Pohl selbst bereits vor Jahren gesammelt. Am Beispiel der Wiederaufbauplanung im norditalienischen Friaul erforschte er mit seinen Kollegen Robert Geipel, München, und Mirella Loda, Florenz, die langfristigen Effekte nach einem Erdbeben im Jahr 1976. Der Wiederaufbau erstreckte sich teilweise über Jahrzehnte.


„Der Wiederaufbau nach einem Erdbeben dauert im Regelfall rund zehn Jahre und läuft in vier verschiedenen Phasen ab“, erklärt Pohl. Nach Bergung der Toten und Beseitigung der gröbsten Schäden stellt sich wieder ein provisorisches Alltagsleben ein. Es folgt eine systematische Wiederaufbauplanung, die im vierten Schritt verwirklicht wird und dabei oft nicht nur die Verhältnisse vor der Katastrophe wiederherstellt, sondern den zu einem verbesserten Status führt.

Den Wiederaufbau als Chance begreifen


Trotz all des Leids, das ein Erdbeben für eine Region bedeutet, birgt der Wiederaufbau auch erhebliche Chancen: „Nach Naturkatastrophen neigt die Gesellschaft dazu, das Unglück möglichst ungeschehen machen zu wollen und die alten Strukturen eins zu eins wieder herzustellen.“ Der Geowissenschaftler mahnt: „Es muss im Rahmen des Wiederaufbaus gelingen, die Region widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Erdbeben zu machen.“

Einen weiteren, gerade in diesen Tagen viel beachteten Nebeneffekt hat die Krise auch: „Der Wiederaufbau kann die Konjunktur einer Region beleben, ja sogar einen zukunftsfähigen Strukturwandel bewirken.“ Dies konnte Pohl am Beispiel des Friaul nachweisen: „Die Region wurde von einer traditionellen Abwanderungsgegend zu einer Aufstiegsregion.“

Unerwünschte Nebenwirkungen vermeiden


Der Erdbebenforscher rät darüber hinaus, den Wiederaufbau als Aufgabe der staatlichen Regional- und Sozialpolitik zu begreifen. „Man muss behutsam vorgehen, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Katastrophen sind immer auch Katalysatoren für soziale Prozesse.“

Hier muss der Staat sich positionieren: Erlaubt man daher nur den Wiederaufbau an Ort und Stelle? Oder eröffnet man der Bevölkerung einen Spielraum und nimmt dabei in Kauf, dass sich viele jüngere Bewohner am Ortsrand niederlassen und die historischen Ortskerne zu „Altenghettos“ ohne Geschäfte und Infrastruktur werden oder gar ganz aufgegeben werden?

„Denkbar wäre auch die Stärkung einzelner zentraler Orte als Entwicklungszentren, um ein Gegengewicht gegen Abwanderungstendenzen in Richtung der italienischen Verdichtungsräume zu schaffen“, so Pohl.

Verteilungs- und Gerechtigkeitsaspekte berücksichtigen


Schon bei der Unterbringung in Notunterkünften sei darauf zu achten, dass alle in gleichartigen Unterkünften untergebracht werden, damit keine sozialen Spannungen entstehen. Ebenso gelte es, Verteilungs- und Gerechtigkeitsaspekten bei der Planung des Wiederaufbaus Rechnung zu tragen.

Dass das keine triviale Aufgabe ist, erläutert Pohl an einem Beispiel: „Entschädigt man einen Besitzer zweier Häuser, die zerstört wurden, indem er zwei neue Häuser erhält? Oder zahlt man an alle Betroffenen die gleiche Summe aus mit dem Ziel, soziale Unterschiede zu verringern? Und wie bewertet man historische Bausubstanz, die keinen wirklichen ‚Versicherungswert‘ hat?“

Konsequent und transparent vorgehen


Dabei sei konsequent und transparent vorzugehen, damit Fördergelder nicht durch Mitnahmeeffekte abgeschöpft oder sogar missbraucht werden. So seien etwa es nach einem Erdbeben in der mittelitalienischen Region Basilicata 1980 viele Hilfs- und Spendengelder versickert und die Mafia habe vom Wiederaufbau profitiert. Bedeutend sei nicht zuletzt die Frage der Organisation des Wiederaufbaus. Durch ein eher zentralistisches System können übergeordnete Zielvorstellungen besser verwirklicht werden, es führt aber auch zu mehr Bürokratie und weniger Bürgernähe.

„Dezentrale Organisationsstrukturen, wie sich auch im Friaul zur Anwendung kamen, haben den Vorteil, dass sie den individuellen Bedürfnissen vor Ort besser gerecht werden“, sagt Pohl.
(idw - Universität Bonn, 22.04.2009 - DLO)
 
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