Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Arktischer Meteoritenkrater wird angebohrt
Internationales Bohrprojekt am "El'gygytgyn-See" im nordöstlichen Sibirien
Im Nordosten Sibiriens hat vor kurzem ein ebenso ungewöhnliches wie spektakuläres Projekt begonnen: Wissenschaftler des Continental Scientific Drilling Program (ICDP) bohren dort den Lake El'gygytgyn an. Dabei handelt es sich um den einzigen bekannten Meteoritenkrater in vulkanischem Gestein.

Lake El'gygytgyn
Lake El'gygytgyn
© NASA Lake El'gygytgyn
Lake El'gygytgyn ist vor circa 3,6 Millionen Jahren entstanden. Mit seiner 300 Meter langen Sedimentabfolge ist er aber auch ein einzigartiges Archiv für die Klima- und Umweltgeschichte der Arktis. Von der Auswertung der Impakt-Bohrkerne erwarteten sich die Forscher deshalb neue Erkenntnisse zu den Veränderungen in der Arktis mit einer bisher nicht erreichten zeitlichen Auflösung sowie zum Verständnis geschockter Vulkanite.

Das neue Projekt ist sehr anspruchsvoll, da der See nur sehr schwer erreichbar ist. „Bis zum nächstgelegenen Flughafen in Pevek am arktischen Eismeer, das neun Zeitzonen von Moskau entfernt ist, sind es etwa 300 Kilometer ohne Straßen oder Wege. Alle Ausrüstungsgegenstände sind mühsam im Überland-Schneefahrzeugkonvoi oder mit dem Helikopter zum El'gygytgyn-See gebracht worden", berichtet Christian Koeberl vom Department für Lithosphärenforschung der Universität Wien, der die Auswertung der Impakt-Bohrkerne leitet.

Die geplanten Bohrungen
Die geplanten Bohrungen
© S. Quardt / Universität Köln Die geplanten Bohrungen
Sensibel für Klima und Umwelt
Zusammen mit dem Entdecker des Kraters, Professor E. Gurov, hat Koeberl bereits Studien zum El'gygytgyn-See durchgeführt. Andere Arbeiten belegen, dass dieser sehr sensitiv auf Klima und Umwelt reagiert. Diese Veränderungen sind in den Seesedimenten und im umgebenden Permafrost außerordentlich gut abgebildet. Die mächtige Seesedimentabfolge stellt ein einzigartiges Archiv dar, in dem die spätkänozoische Klima- und Umweltgeschichte der terrestrischen Arktis erstmals lückenlos dokumentiert ist.

Die Ergebnisse aus den Bohrkernen versprechen nach Angaben der Wissenschaftler daher neue Erkenntnisse zu den Veränderungen in der Arktis mit einer bisher nicht erreichten zeitlichen Auflösung. Von besonderem Interesse ist, inwiefern die terrestrische Arktis auf die globalen Klimaveränderungen seit dem Pliozän reagiert und – umgekehrt - diese Veränderungen selbst beeinflusst hat. Die Forschungsergebnisse tragen zu einem besseren Verständnis von Ursache- und Wirkungsbeziehungen für Klimaveränderungen bei und sind daher für Prognosen der zukünftigen Klimaentwicklung von großer Bedeutung.

Erforschung der Bohrkerne an der Universität Wien
An der Universität Wien werden die Impaktgesteine federführend für das gesamte internationale Projekt erforscht. Das Besondere an El'gygytgyn ist, dass der Asteroid ein vulkanisches Gebiet getroffen hat. Es ist der einzige auf der Erde bekannte Impaktkrater in so genannten sauren vulkanischen Gesteinen. Dadurch ist es möglich, zum ersten Mal die Schock-Charakteristika derartiger Gesteine zu untersuchen.

Die Lage des Lake El'gygytgyn
Die Lage des Lake El'gygytgyn
© Universität Köln Die Lage des Lake El'gygytgyn
Dass es sich bei El'gygytgyn tatsächlich um einem Impaktkrater handelt, wurde bereits durch das Vorhandensein geschockter Minerale bestätigt. Die Impaktgesteine sind allerdings an der Oberfläche durch Erosion fast völlig zerstört und verschwunden.

„Wir versprechen uns von der Tiefbohrung die einmalige Gelegenheit, die Impaktgesteine 'in situ' zu finden und deren Abfolge untersuchen zu können. Aus diesen Untersuchungen hoffen wir zum einen, eine genaue Studie der geschockten Vulkanite und der Natur des Asteroiden, der den Krater gebildet hat, ableiten zu können. Zum anderen versuchen wir, eine Aussage über die Energieverhältnisse beim Einschlag und dadurch über die Auswirkungen des Einschlages auf die Umwelt zu machen“, beschreibt Koeberl die Ausgangssituation.

Chronologie der bisherigen Forschungsaktivitäten am El'gygytgyn-See
Der momentane Stand der Bohrung ist wie folgt: Im Januar kamen die ersten Techniker und Wissenschaftler am zugefrorenen El 'gygytgyn-See an. Ende Februar waren alle Bauteile, Container, Geräte und Teile der Bohrplattform am See zusammengebaut. Auf Grund von Schneestürmen hat sich der Bohrbeginn verzögert, aber am 18. März 2009 wurden die ersten Bohrkerne mit Seesedimenten an die Oberfläche gebracht.

Nach Ostern erwarten die Forscher bei 180 Metern unter dem Seeboden Übergänge zu Krater-Füllgesteinen wie beispielsweise Impaktbrekzien und Schmelzgesteine. Am 19. April fliegt Koeberl dann nach Sibirien. Ihn erwarten dort Temperaturen von -30 bis -15 Grad - und (hoffentlich) Bohrkerne.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meteoriten, Vulkane, Gesteine, Bohrungen, Bohrkerne, Sibirien, Arktis, Klima, Umwelt
Weitere News zum Thema
Chemie explodierender Sterne enträtselt (23.01.2012)
Meteorit birgt Hinweise für die Bildung von Schwefelmolekülen in den Überresten einer Supernova
Erste Wolkenprobe aus extremer Höhe (05.01.2012)
Probenahme in polaren Stratosphärenwolken hilft bei Erforschung des Ozonabbaus
Größtes Massen-Aussterben dauerte nicht mal 200.000 Jahre (18.11.2011)
Datierung liefert neue Hinweise auf Ursache der Urzeit-Katastrophe
Asteroid Lutetia Zeuge der Geburtsstunde der Erde (14.11.2011)
Himmelskörper entstand in den innersten Bereichen des Sonnensystems
Merkur: Frische Löcher und alten Vulkanismus entdeckt (30.09.2011)
Messenger-Sonde liefert neue Erkenntnisse über den sonnennächsten Planeten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Arktis
Gesteine
Bohrtechnik
Kometenstaub
Die Dawn-Mission
Dossiers zum Thema
Meteoriten
Gefahr aus dem All
Vorstoß in die Tiefe
Warum Wissenschaftler Löcher in die Erde bohren
Tiefbohrungen im Ozean
Spurensuche auf dem Grund der Meere
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
Die Taiga
Vom Naturparadies zum Krisengebiet?
Permafrost
Kalter Boden und seine globale Bedeutung
Kometen
Rätselhafte Vagabunden im Weltraum
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
S.O.S. - Ist das Klima noch zu retten?
Klimakonferenz 2006: Zukunft Verhandlungssache
Dawn – auf dem Weg zum Asteroidengürtel
Start der Weltraummission zur Erkundung von Vesta und Ceres
Rosetta
Auf der Jagd nach dem Kometen
Vulkanismus
Die brodelnde Gefahr
News des Tages
Schimpansen tauschen Fleisch gegen Sex
Quantensprung von „drei“ nach „vier“
Arktischer Meteoritenkrater wird angebohrt
Miniteilchen spielen Schwarm
Körper repariert Arthrose selbst
Nanoröhren sammeln Uran ein
Forstmaschine als Hürdenläufer
Bücher zum Thema
Armageddon
Der Einschlag von Nadja Podbregar, Ralf Blasius, Harald Frater und Stefan Schneider
Chaos im Universum
Astereoiden und Kometen - Fremde Welten - Theorien über das Chaos von Joachim Bublath
Der Schweif des Kometen
Irrtümer und Legenden über das Universum von Neil F. Comins
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Gesteine
Entstehung - Zerstörung - Umbildung von Peter Rothe
Landschafts formen
Unsere Erde im Wandel von Harald Frater
Vulkane
Feuerspeiende Berge in spektakulären Aufnahmen von Donna O'Meara
Vulkanismus
von Hans-Ulrich Schmincke
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes