Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Antarktis: Wilkins-Schelfeis verliert seinen Halt
Stabilisierende Eisbrücke beginnt auseinander zu brechen
Eine ehemals 15 Kilometer breite Eisbrücke des antarktischen Wilkins-Schelfeises, die die beiden Inseln Charcot und Latady verband und stabilisierend auf das Schelfeis wirkte, beginnt auseinander zu brechen. Der Steg war bereits nach dem letzten spektakulären Aufbruch-Ereignis im Sommer 2008 an seiner schmalsten Stelle auf 900 Meter Breite geschrumpft.

Das Eis schmilzt
Das Eis schmilzt
© NOAA
Münsteraner und Bonner Forscher rechnen mit der vollständigen Zerstörung der Brücke und einem weiteren Eisverlust des Wilkins-Schelfeises in nächster Zeit.

Drei Aufbruchphasen im Jahr 2008
Angelika Humbert vom Institut für Geophysik der Universität Münster und ihr Kollege Matthias Braun von der Universität Bonn verfolgen die Entwicklung des Wilkins-Schelfeises anhand von Satellitenaufnahmen seit Jahren, darunter drei Aufbruchphasen im Jahr 2008. Das Forscherteam hat herausgefunden, dass sich durch vergangene Aufbruchereignisse Schädigungszonen entwickelt haben.

„In den letzten Monaten konnten wir durch hoch aufgelöste Aufnahmen des deutschen TerraSAR-X-Satelliten beobachten, dass der Steg sich verbog. Ein Beitrag dazu war das so genannte Fließen des Eises, also die Verformung des Eises unter seinem eigenen Gewicht. Die Form der Eisbrücke und die angrenzende Eismelange bot zudem eine ideale Angriffsfläche für Sturm. Beides führt nun letztendlich zum Zerbrechen des Stegs“, erklärt Humbert.

Eine Eisbrücke zerbricht
Eine Eisbrücke zerbricht
© ESA/ A. Humbert / Universität Münster Eine Eisbrücke zerbricht
Kein Kollaps des Wilkins-Schelfeises zu befürchten
Wie sieht die Zukunft aus? „Wir erwarten in der derzeitigen Phase des Aufbruchs einen Eisverlust von etwa 800 Quadratkilometern. Da sich jedoch bereits Risse weiter südlich als zunächst angenommen gebildet haben, müssen wir damit rechnen, dass sich der Schwund im schlimmsten Fall auf 3.700 Quadratkilometer erhöhen kann“, sagt Humbert voraus. Das Zerbrechen des Stegs bedeutet für das Schelfeis den Verlust einer stabilisierenden Verbindung.

Humbert erklärt: „Ein Schelfeis ähnelt einer eingespannten Membran. Wird eine Verbindung der Membran gelöst, muss sich eine neue Gleichgewichtslage bilden. Dies geschieht auch beim Schelfeis und ist mit Massenverlust verbunden.“

Die nach dem derzeitigen Aufbruch verbleibende Eisfläche, mindestens 8.000 Quadratkilometer, ist jedoch momentan frei von sichtbaren Schädigungszonen, so die Wissenschaftler. Humbert erklärt: „Wir haben derzeit keinen Hinweis darauf, dass es zu einem kompletten Zusammenbruch des Wilkins-Schelfeises kommen wird.“

Klimaerwärmung als Helfer?
Aus Sicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace zeigt das Auseinanderbrechen der Eisbrücke das Potenzial von Schelfeisen, instabil zu werden. Generell dienen diese als Stütze für Inlandeis. Wird das Inlandeis dann nicht mehr zurück gehalten, fließt es schneller ins Meer und trägt somit zum Meeresspiegelanstieg bei.

Laut Greenpeace steht das Wilkins-Schelfeis exemplarisch für die Gefährdung der Schelfeisgebiete in der Antarktis. Forscher vermuten, dass der Zerfall der Antarktischen Schelfeisgebiete mit der Klimaerwärmung zusammenhängt. In der Antarktis-Region wurde in den vergangenen 50 Jahren ein Temperaturanstieg von 2,5 Grad Celsius gemessen.

Das Wilkins-Schelfeis ist rund 13.000 Quadratkilometer (km2) groß und liegt gegenüber von Feuerland, circa 1.600 Kilometer von der Südspitze Südamerikas entfernt. Wissenschaftler beobachten seit Jahren, dass riesige Teile dieses auf dem Meer treibenden Eisgebietes kollabieren. Im März 2008 brach bereits ein 1.800 km2 großer Teil des Schelfs ab.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Antarktis, Wilkins-Schelfeis, Gletscher, Eisberge, Klimawandel, globale Erwärmung, Treibhauseffekt
Weitere News zum Thema
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Meer produziert ozonschädliche Stoffe (02.02.2012)
Halogenverbindungen steigen aus flachen Küstenbereichen auf
Arktisches Ozonloch droht vermutlich öfter (19.01.2012)
Ungewöhnlich tiefe Temperaturen in der Stratosphäre verstärken Ozonabbau
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Antarktis
Arktis
Lake Wostok
Verlierer Mensch?
Klimawandel in Deutschland
Grönland
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
Antarktis
Am eisigen Ende der Welt
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Eisberg ahoi!
Vergängliche Kolosse der Polarmeere
Grönland im Schwitzkasten
Eisiges Naturparadies in Gefahr
Meereis adé?
Erster internationaler Polartag für eine schwindende Eiswelt
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
S.O.S. - Ist das Klima noch zu retten?
Klimakonferenz 2006: Zukunft Verhandlungssache
Das große Sterben
Wie reagiert die Natur auf den Klimawandel?
Verlierer Mensch?
Folgen des Klimawandels für die menschliche Gesellschaft
Klimawandel in Deutschland
Wie verändert sich unser Klima bis 2100?
Satelliten
Augen aus dem All
News des Tages
Mensch stammt nicht vom Schwamm ab
Wie Hawaii um die Ecke gebracht wurde
Antarktis: Wilkins-Schelfeis verliert seinen Halt
Forscher spielen bio-chemisches Origami
Was Stammzellen zu Stammzellen macht
Fußball: Drei-Punkte-Regel ohne Wirkung
Bücher zum Thema
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Logbuch Polarstern
Expedition ins antarktische Packeis von Ingo Arndt und Claus-Peter Lieckfeld
Gletscher im Treibhaus
Eine fotografische Zeitreise in die alpine Eiszeit von Wolfgang Zängl
Der Arktis- Klima-Report
von Michael Benthack und Maren Klostermann (Übersetzer)
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Warnsignal Klima
Gesundheitsrisiken: Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen von Jose L. Lozan, Walter Maier, Hartmut Graßl, Gerd Jendritzky, Ludwig Karbe und Karsten Reise
Globaler Wandel
Die Erde aus dem All von Stefan Dech, Rüdiger Glaser und Robert Meisner
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Wetterkatastro- phen und Klimawandel
Sind wir noch zu retten? von Hartmut Grassl u. a.
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes