Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Sonntag, 21.03.2010
Wie Hawaii um die Ecke gebracht wurde
Ursache für den Knick in der Hawaii-Emperor-Kette enträtselt
Wie Perlen reihen sich mehr als 80 unterseeische Vulkane und eine Vielzahl von Inseln entlang der Hawaii-Emperor-Kette auf. Ein deutlicher Knick in der Mitte ist der einzige Schönheitsfehler. Lange wurde diese Besonderheit mit einem Richtungswechsel der Pazifischen Kontinentalplatte bei ihrer Wanderung über einen stationären Hotspot - also einen scheinbar ortsfesten Vulkan im Erdinneren - erklärt. Nach den Ergebnissen eines internationalen Forscherteams in „Science“ war der für die Hawaii-Emperor-Kette verantwortliche Hotspot aber nicht fixiert, sondern bewegte sich deutlich nach Süden.

Hawaii, Big Island
Hawaii, Big Island
© NOAA/Landsat7
Vor fast 50 Millionen Jahren blieb er schließlich stehen, während sich die Pazifische Platte auch weiterhin gleichmäßig voranschob - was in Kombination den markanten Knick erzeugte. Die Bewegungen von Hotspots beruhen auf Zirkulationen im Erdmantel.

„Diese Vorgänge sind nicht nur von akademischen Interesse“, betont der Geophysiker Professor Hans-Peter Bunge von der Universität München, der an der neuen Studie beteiligt war. „Mantelzirkulationsmodelle helfen, die Kräfte zu verstehen, die auf tektonische Platten wirken. Das ist wiederum essentiell für die Einschätzung der Stressentwicklung an großen tektonischen Verwerfungen, also der Quelle vieler großer Erdbeben.“

Ein Knick in der Kette
Der ausgeprägte Knick in der Spur der rund 5.000 Kilometer langen Hawaii-Emperor-Kette ist eine der markantesten topografischen Erscheinungen auf der Erde und ein bestimmendes Merkmal bei Darstellungen des pazifischen Meeresbodens. Lange wurde die Entstehung der Hawaii-Emperor-Kette mit einer 80 Millionen Jahre dauernden Wanderung der Pazifischen Kontinentalplatte über einen Hotspot hinweg erklärt. Hotspots sind tief im Erdinneren verwurzelte Vulkanen, aus denen konstant heißes Material an die Oberfläche drängt. Der Knick sei nach diesem veralteten Szenario entstanden, als die Pazifische Kontinentalplatte relativ abrupt ihre Richtung änderte.

In den letzten 30 Jahren haben sich Geophysiker auch bei der Definition eines globalen Referenzsystems für Plattentektonik auf die scheinbar unveränderliche Lage der Hotspots im Erdmantel verlassen. Doch jüngere Untersuchungen ließen vermuten, dass Hotspots weniger ortsfest sind als bislang angenommen. Das internationale Forscherteam untersuchte nun die Hinweise auf eine deutliche Eigenbewegung der unterirdischen Vulkane - und kann diese nun bestätigen.

Hawaii-Inseln
Hawaii-Inseln
© NASA/JSC
Eigenbewegung Richtung Süden
„Auch paläomagnetische Beobachtungen legen nahe, dass der Knick der Hawaii-Emperor-Kette keine Folge einer Änderung in der Relativbewegung der Pazifischen Platte ist“, so Bunge. „Im Gegenteil, es scheint, als hätte sich der Hotspot zwischen 80 und 40 Millionen Jahren einer stark südwärts gerichteten Eigenbewegung unterzogen, bevor er zu einem kompletten Halt kam.“

Wird die Spur des Hotspots für diese Eigenbewegung korrigiert, so ergibt sich eine über die letzten 80 Millionen Jahre weitgehend konstante Bewegung der Pazifischen Platte. In Kombination mit dem langsamer werdenden Hotspot entstand schließlich der Knick.

Treibende Kraft einer Wanderung der Hotspots ist die Zirkulation von Materie unter der Oberfläche unseres Planeten. „Das Erdinnere ist in konstanter Bewegung“, berichtet Bunge. „Über geologische Zeiträume hinweg ist diese Bewegung den Wettermustern unserer Atmosphäre vergleichbar. Diese Muster können leicht zu einer Lageänderung von Hotspots führen. Numerische Simulationen der globalen Zirkulation im Erdmantel erlauben uns heute diese Bewegung in nie zuvor gekanntem Detail nachzuvollziehen."

Pazifisches Becken mit den Hawaii-Inseln
Pazifisches Becken mit den Hawaii-Inseln
© USGS Pazifisches Becken mit den Hawaii-Inseln
Bald bessere Modelle zur Mantelzirkulation?
Die neuen Daten sollen nun auch in Modelle zur Mantelzirkulation einfließen. Denn diese Berechnungen helfen bei der Erklärung der antreibenden und bremsenden Kräfte, die auf tektonische Platten wirken. „Und diese Kräfte müssen wir verstehen, weil sie essentiell sind für die Einschätzung der Stressentwicklung an großen tektonischen Verwerfungen - also der Quelle für viele große Erdbeben auf unserem Planeten“, sagt Bunge.

Die daraus folgenden Erkenntnisse werden den Wissenschaftlern ermöglichen, ihre Computermodelle zu verbessern, indem sie die Berchnungen anhand von Beobachtungen überprüfen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Hawaii, Vulkanismus, Hotspot, Plattentektonik, Gesteine, Erdmantel, Erdkruste, Hawaii-Emperor-Kette, Vulkane
Weitere News zum Thema
Jupiter: Erste Wetterkarte vom Großen Roten Fleck (17.03.2010)
Größter Sturm des Sonnensystems ist komplexer als gedacht
Super-Supernova: Weißer Zwerg sprengt Massegrenze (17.03.2010)
Erster Beleg für Überschreiten des Chandrasekhar-Limits in ungewöhnlich heller Supernova
Galaxien-Explosion stoppte junges Universum (11.03.2010)
Katastrophale Eruptionsserie nahm Sternenbildung die Bausteine weg
Schnellster Doppelstern des Kosmos (10.03.2010)
Zwei Weiße Zwerge laufen in nur fünfeinhalb Minuten umeinander
Blick in die Atmosphäre von Jupiter-Double gelungen (05.02.2010)
Neue Methode erschließt Exoplanetenchemie auch kleineren Teleskopen
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Vulkanismus
Tiefseegräben
Gesteine
Surtsey
Dossiers zum Thema
Hawaii
Tropisches Paradies auf heißem Untergrund
Plattentektonik
Kontinente in Bewegung
Plattentektonik im Zeitraffer
Die Welt am Meeresboden im Wachsmodell
Vulkanismus
Die brodelnde Gefahr
Nie wieder Pompeji?
Frühwarnsysteme bei Vulkanausbrüchen
Den Glutlawinen auf der Spur
Wie funktioniert der Hochrisiko-Vulkan Merapi?
Feuer und Eis
Die Gletschervulkane Islands
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Ein Kontinent zerbricht!?
Das Afrikanische Grabensystem
Die Schlünde der Meere
Eine Reise in die Tiefseegräben
News des Tages
Mensch stammt nicht vom Schwamm ab
Wie Hawaii um die Ecke gebracht wurde
Antarktis: Wilkins-Schelfeis verliert seinen Halt
Forscher spielen bio-chemisches Origami
Was Stammzellen zu Stammzellen macht
Fußball: Drei-Punkte-Regel ohne Wirkung
Bücher zum Thema
Der lange Zyklus
Die Erde in 10.000 Jahren von Salomon Kroonenberg
Die Entstehung der Kontinente und Ozeane
von Alfred Wegener
Vulkane
Feuerspeiende Berge in spektakulären Aufnahmen von Donna O'Meara
Vulkanismus
von Hans-Ulrich Schmincke
Der unruhige Planet
von Richard Dikau und Jürgen Weichselgartner
Plattentektonik
Kontinent- verschiebung und Gebirgsbildung von Wolfgang Frisch und Martin Meschede
Landschafts formen
Unsere Erde im Wandel von Harald Frater
Allgemeine Geologie
Eine Einführung in das System Erde von Frank Press und Raymond Siever
Naturkatastrophen
Wirbelstürme, Beben, Vulkanausbrüche - Entfesselte Gewalten und ihre Folgen von Inge Niedek und Harald Frater
Feuer, Farben und Fontänen
Bilder aus der Welt der Vulkane von Ernst W. Bauer
Minerale und Gesteine
Mineralogie - Petrologie - Geochemie von Gregor Markl
Top-Clicks der Woche
1. Licht verbiegt Materie
2. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
3. Super-Supernova: Weißer Zwerg sprengt Massegrenze
4. „Stein von Rosetta“ der Exoplaneten gefunden
5. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte