Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Genmais verändert Kuhmilch nicht
Langzeitversuch findet keine negativen Folgen von Genmais-Fütterung
Kann gentechnisch veränderter Mais bedenkenlos an Tiere verfüttert werden, die uns Lebensmittel liefern? Viele Verbraucher sind hier skeptisch. Die Ergebnisse eines zweijährigen Experiments könnten diese Sorgen nun entkräften – zumindest was Milchkühe betrifft. Denn Forscher haben herausgefunden, dass die Fütterung von Kühen mit gentechnisch modifiziertem Mais deren Milch offenbar nicht verändert.

Genmais
Genmais
© IMSI MasterClips
Nach Angaben der Molekularbiologen der Technischen Universität München (TUM) verdauten die Tiere den Genmais genauso wie herkömmlichen Mais und es existieren keinerlei Hinweise auf einen Transfer transgener Komponenten in das Lebensmittel Milch.

MON810, dieses Kürzel steht für transgenen Mais: In das Erbgut einer Sorte wurde ein Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis eingeschleust, das so genannte cry1Ab-Gen. Dieses ursprünglich artfremde Gen lässt die Maispflanze ein Protein produzieren, dass ihren ärgsten Feind tötet - den auch in Bayern verbreiteten Maiszünsler.

Befürworter halten diesen GM-Mais - GM = genetically modified - für eine elegante Art, auf klassische Insektizide zu verzichten. Doch die Gegner sind skeptisch: Sie befürchten, dass das für den Maiszünsler giftige Cry1Ab-Protein auch Mensch und Säugetier schadet.

36 Kühe im Dauertest
Ein Team um Professor Heinrich H.D. Meyer vom TUM-Lehrstuhl für Physiologie hat dieses Unbehagen gemeinsam mit Kollegen von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) ab Mai 2005 zur entscheidenden Frage einer Fütterungsstudie gemacht: Wie wird das Cry1Ab-Protein und die cry1Ab-DNA aus transgenem Mais von Milchkühen abgebaut?

Um das Futter für die Studie vergleichbar zu halten, baute die LfL herkömmlichen und transgenen Mais speziell an - gesondert, doch unter gleichen Bedingungen. Anschließend wurden auf der LfL-Versuchsstation Grub große Mengen des GM-Mais nach einem festgelegten Plan an 18 Milchkühe verfüttert, 25 Monate lang. Parallel dazu bekam eine Kontrollgruppe von weiteren 18 Kühen konventionelles Maisfutter in gleicher Menge.

Während der über zweijährigen Fütterungsperiode nahmen die Forscher monatlich Proben von Blut, Milch, Exkrementen sowie wöchentlich vom jeweiligen Futter. Zur Analyse entwickelten sie spezielle DNA-Extraktionsverfahren und eine besonders empfindliche Methode zum Aufspüren des Cry1Ab-Proteins. „Aufgrund dieser Verbesserungen der Methodik konnten wir die Nachweisgrenzen viel niedriger ansetzen als alle Wissenschaftler bisher“, betont Meyer.

Kühe
Kühe
© Patrick Gürtler / TUM Kühe
38.000 Datensätze ausgewertet
Insgesamt haben die Forscher von TUM und LfL über 38.000 Datensätze von 36 Milchkühen ausgewertet. Dabei zeigte sich zunächst: Die verfütterte Maissorte macht in der körperlichen Entwicklung der Tiere keinen Unterschied. Egal, was die Tiere im Langzeit-Experiment fraßen, Milchleistung, Kondition und Gewicht waren bei allen 36 Tieren vergleichbar.

Auch bei näherem Hinsehen scheinen Gesundheit und Fruchtbarkeit - getestet anhand diverser Stoffwechselparameter und dem Gehalt von Schwangerschaftshormonen - stabil: Trotz der relativ hohen Aufnahme an Cry1Ab-Protein von rund 5,3 Milligramm (mg) pro Tag zeigten die mit GM- Mais gefütterten Kühe weder in der Organfunktion noch in der Fruchtbarkeit Unterschiede zur Kontrollgruppe.

Doch kann das Cry1Ab-Protein oder die cry1Ab-DNA aus dem gentechnisch veränderten Mais vielleicht in den Organismus der Kuh übertreten - und damit auch in das Lebensmittel Milch? Nein, so die Forscher nach Analyse der Datenlage: Das Protein ist nicht „stabiler“ im Tier als andere Eiweiße, sondern sogar eher leichter verdaulich.

Kein DNA-Transfer zum Tier
Keine der insgesamt 450 Blutproben ergab Hinweise auf einen Transfer der fremden cry1Ab-DNA oder des Cry1Ab-Proteins vom GM-Mais zum Tier. Insgesamt 900 Milchproben beider Versuchsgruppen bestätigen den Befund: Die Milch der Kühe war zu keinem Zeitpunkt unterscheidbar, auch nicht mit der derzeit besten Technologie.

„Ein Gefährdungspotential von gentechnisch verändertem Mais MON810 in der Verfütterung an Milchkühe ist aus unseren Studienergebnissen nicht ersichtlich“ - davon ist Meyer überzeugt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gentechnik, Genmais, Kühe, Milch, Landwirtschaft, Ernährung, Gesundheit, Viehfutter, Pflanzen
Weitere News zum Thema
Gentech-Mikrobe erzeugt Biokraftstoff aus Seetang (20.01.2012)
Bakterium baut Zucker in Braunalgen effektiv zu Ethanol um
Forscher erzeugen die ersten Affen-Chimären (06.01.2012)
Affenbabys tragen Zellen von bis zu sechs verschiedenen genetischen Individuen in sich
Neuartiger Impfstoff tötet Tuberkulose-Erreger (05.09.2011)
Injektion mit genmanipulierten Bakterien verleiht langanhaltenden Schutz
Gentechnik hilft gegen niederländischen "Superkeim" (16.08.2011)
Modernste Sequenzierungsmethoden ermöglichen schnelle Entwicklung eines Tests
Enzym aus heißer Quelle eröffnet neue Chancen für Biotreibstoff-Produktion (06.07.2011)
Mikroben-Zellulase baut Pflanzenmaterial noch bei 109 Grad Celsius effektiv ab
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Genetik
DNS-Scanner
Dossiers zum Thema
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
Alles öko, oder was?
Landwirtschaft im Wandel
Genpatente
Wem gehört das Leben?
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Wissenschaft auf dem Prüfstand
Wie weit darf die Forschung gehen?
Personalisierte Ernährung
Maßgeschneiderte Ernährung oder Allerweltskost?
Functional Food
Fitmacher oder Mogelpackung?
News des Tages
Kanaren-Hotspot speiste Atlas-Vulkane
Nervenzellen mit eingebauter „Feuer-Bremse“
Ötzi starb nach Henkersmahlzeit
Zuckerketten vom Fließband
Genmais verändert Kuhmilch nicht
Druck lässt Kohlendioxid "mutieren"
Bücher zum Thema
Gentechnik bei Pflanzen
von Frank Kempken, Renate Kempken und Kerstin Stockmeyer
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Liebling, Du hast die Katze geklont!
von Reinhard Renneberg, Jens Reich, Manfred Bofinger
Dolly
Der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter von Colin Tudge, Ian Wilmut & Keith Campbell
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Ingenieure des Lebens
DNA-Moleküle und Gentechniker von Huub Schellekens und Marian C Horzinek (Übersetzer)
Die Genomfalle
Versprechungen der Gentechnik, ihre Nebenwirkungen und Folgen von Ursel Fuchs
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes