Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Neuronen-Netzwerke dechiffrieren Geruchsinformationen
Forscher entschlüsseln weitere Schritte der Geruchsverarbeitung im Nervensystem
Wissenschaftler haben zum ersten Mal gezeigt, wie verschiedene Gerüche verarbeitet und auf zellulärer Ebene koordiniert ins Gehirn weitergeleitet werden. Wie die Forscher in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) am Modell des Krallenfrosches demonstrieren, existieren im Gehirn Netzwerke von Nervenzellen, die ihre Aktivität synchronisiert an verschiedene Gerüche anpassen können.

Rätsel Riechen
Rätsel Riechen
© SXC Rätsel Riechen
„Dadurch werden die eintreffenden Geruchsinformationen vor der Weiterleitung in andere Gehirnregionen gebündelt und leichter verständlich gemacht“, erklärt der Leiter der Studie, Professor Detlev Schild vom Göttinger Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns und vom Exzellenzcluster „Mikroskopie im Nanometerbereich“.

Immer der Nase nach - Gerüche lösen bei uns Emotionen und Erinnerungen aus, warnen uns vor Gefahren und sagen uns, wen wir sympathisch finden und wen nicht. Im Gegensatz zu visuellen oder auditiven Reizen dringen Geruchseindrücke häufig gar nicht in unser Bewusstsein. Und erst wenn man nicht mehr riechen kann, wird einem klar, wie wichtig Gerüche eigentlich sind.

Von der Nase ins Gehirn
Die Riechschleimhaut, das so genannte Riechepithel, befindet sich in der Nasenhöhle im Innenraum der Nase. Eingebettet in diese Schleimhaut sind Riechzellen. Dabei handelt es sich um bipolare Zellen, das heißt sie verfügen in Richtung Nasenhöhle über Ausläufer (Cilien), an deren Enden Duftstoffe erkannt und von den Zellen anschließend in elektrische Signale umgewandelt werden. Auf ihrer anderen Seite projizieren sie lange Fortsätze (Axone) zur Verarbeitungsstation von Geruchssignalen im Gehirn, dem Riechkolben.

In den Konvergenzzentren des Riechkolbens, den so genannten Glomeruli, angekommen, wird das Geruchssignal räumlich geordnet. In einem Glomerulus verschmelzen etwa 1.000 Riechzellaxone gleicher Duftstoffselektivität zu einer Mitralzelle. Die Mitralzellen leiten das Signal schließlich in tiefere Gehirnregionen, zum Beispiel dem Sitz der Emotionen und des Gedächtnisses weiter.

Künstlich hergestellte Geruchs-Cocktails im Einsatz
Anhand künstlich hergestellter Geruchs-Cocktails und der Anwendung bestimmter elektrophysiologischer sowie mikroskopischer Methoden konnten Dr. Bei-Jung Lin, Dr. Tsai-Wen Chen und Schild nun zeigen, dass Mitralzellen, die im Riechkolben einem Glomerulus entspringen, synchron das gleiche Aktivitätsmuster erzeugen. Gewährleistet wird diese synchrone Duft-Antwort durch Kontaktstellen der Mitralzellen untereinander.

Diese „gap junctions“ koppeln die Zellen elektrisch aneinander und ermöglichen so eine koordinierte Weiterleitung der Geruchsinformation. Schild: „Verschiedene Geruchs-Cocktails haben dabei zur Ausbildung unterschiedlicher Aktivitätsmuster geführt. Mitralzellen besitzen also die Fähigkeit, Gerüche zu unterscheiden und duft-spezifische Antworten geordnet in andere Gehirnregionen weiterzuleiten“.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Riechen, Gerüche, Duft, Nervenzellen, Gehirn, Emotionen, Gedächtnis, Riechkolben, Mitralzellen
Weitere News zum Thema
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Singvögel erkennen Verwandte am Geruch (05.01.2012)
Zebrafinken bevorzugen Nester mit familiärem Duft
Homo sapiens: Besserer Geruchssinn als der Neandertaler (14.12.2011)
Riechhirn und damit verbundene Hirnbereiche waren bei unseren Vorfahren größer
Erdbeben: Wasser als Schmiermittel (01.12.2011)
Wechsel zwischen Gleiten und Verhaken in der San Andreas-Verwerfung
Riesiges antikes Gewerbegebiet auf Sizilien entdeckt (10.11.2011)
Handwerkerviertel der griechischen Stadt Selinunt war eines der größten der Antike
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Duft
Von der Nase ins Gehirn
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
News des Tages
Singvögel fliegen schneller als gedacht
Atomkern mit Heiligenschein
Mars bringt Asteroiden-Sonde auf Kurs
Neuronen-Netzwerke dechiffrieren Geruchsinformationen
Besser Wedeln mit dem digitalen Skilehrer?
Arbeitsweise eines Alzheimer-Proteins enthüllt
Pflanzen: Elektro-Signale statt "Hormongeplapper"?
Bücher zum Thema
Dem Rätsel des Riechens auf der Spur
Grundlagen der Duft- wahrnehmung von Hanns Hatt
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes