Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Pflanzen: Elektro-Signale statt "Hormongeplapper"?
Forscher weisen Aktionspozentiale in der Wurzelspitze nach
Lange Zeit herrschte unter Botanikern Einigkeit, dass Pflanzenzellen ausschließlich mittels chemischer Signale kommunizieren. Neuere Studien stellen dies jedoch zunehmend in Frage. Der jüngste Anhaltspunkt stammt von Forschern der Universitäten Florenz und Bonn: Sie konnten in der Wurzelspitze von Mais spontan auftretende elektrische Signale nachweisen, die von Zelle zu Zelle weiter geleitet wurden. In vielerlei Hinsicht ähneln diese Aktionspotenziale denen niederer Tiere, berichten die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).

Mais
Mais
© IMSI MasterClips
Die Forscher spekulieren, dass die Wurzel auf diese Weise Informationen über ihre Umgebung wahrnimmt und weiter gibt. Diese könnten dann beispielsweise an anderer Stelle in Wachstumssignale umgesetzt werden. Die Wurzelspitze kann so beispielsweise auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen sensorische Information wahrnehmen und bearbeiten. Sie ist aber auch in der Lage, auf toxische Substanzen im Boden zu reagieren, indem sie in eine andere Richtung wächst.

Dass Pflanzen Aktionspotenziale bilden, wusste vor über 130 Jahren bereits Charles Darwin. Nach der Entdeckung der so genannten Pflanzenhormone im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts konzentrierten sich die Botaniker jedoch mehr und mehr auf die chemischen Signalwege. Die Elektrophysiologen unter den Pflanzenforschern fristen seitdem allenfalls ein Nischendasein.

Signalgeschwindigkeit wie bei niederen Tieren
Das könnte sich aber ändern: In jüngster Zeit häufen sich nämlich die Berichte, dass Pflanzen tatsächlich zu elektrischer Kommunikation fähig sind. In dieser Hinsicht scheinen sie sehr viel mehr den niederen Tieren zu ähneln als bislang angenommen. Die neue Studie belegt dies noch einmal: „Wir haben nachgewiesen, dass in der Wurzelspitze von Mais immer wieder spontane elektrische Entladungen stattfinden“, erklärt František Baluška von der Universität Bonn. „Diese Aktionspotenziale werden von Zelle zu Zelle weiter geleitet, und zwar mit einer ähnlichen Geschwindigkeit wie bei Quallen oder manchen Würmern.“

Außerdem beobachtete das deutsch-italienische Team, dass die Zellen ihre elektrische Aktivität synchronisieren: Es gab Phasen, in denen an verschiedenen Stellen der Wurzelspitze gleichzeitig Aktionspotenziale entstanden. Danach folgte eine mehrsekündige wurzelweite Funkstille. „Wir können nicht sagen, wozu das dient“, gibt Baluška zu. „Die Spekulation liegt aber nahe, dass die Zellen auf diese Weise ihr Verhalten koordinieren. So weiß man, dass bestimmte Transportvorgänge in der Wurzel oszillieren, und zwar zellübergreifend. Dafür könnten die elektrischen Signale verantwortlich sein.“

Hormone sind zu langsam
Der Botaniker ist sicher, dass die Bedeutung der elektrischen Signalwege in der Wurzelspitze bislang völlig unterschätzt wurde. „Die Kommunikation mittels Aktionspotenzialen läuft viel schneller als die mittels Hormonen“, sagt er. „Das war auch lange das Argument mancher Kritiker: So einen schnellen Signalweg braucht eine Pflanze gar nicht. Wir wissen heute jedoch, dass die Wurzelspitze kontinuierlich rund 20 Bodenparameter scannt. Wenn sie beispielsweise auf Giftstoffe stößt, ändert die Wurzel blitzschnell ihre Wuchsrichtung.“

Besonders flott reagieren Wurzeln auf Änderungen ihrer Lage. Die Maiswurzel verfügt dazu über Schwerkraftsensoren in ihrer Wurzelhaube. Deren Signale führen zu einer entsprechend geänderten Wuchsrichtung. Erste Reaktionen lassen sich mit empfindlichen Messinstrumenten bereits nach zwei Sekunden nachweisen. „Die Wachstumszone liegt aber relativ weit von dem Schwerkraftsensor in der Wurzelhaube entfernt“, betont Baluška. „Eine Signalübermittlung mittels chemischer Botenstoffe wäre viel zu langsam, um bereits nach wenigen Sekunden messbare Effekte zu erzeugen. Die hohe Geschwindigkeit der Signalübertragung spricht in diesem Fall eindeutig für elektrische Signalwege.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Pflanzen, Natur, Kommunikation, Zellen, Hormone, Botenstoffe, Aktionspotenziale, elektrische Signale, Wurzelspitze, Mais
Weitere News zum Thema
Keine Gletscherschmelze durch Entwaldung (07.02.2012)
Schwindende Bergwälder haben geringeren Klimaeffekt als gedacht
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Hitzewellen schädigen Weizen mehr als gedacht (30.01.2012)
Neue Sorten müssen zukünftig gezielt an heiße Tage angepasst werden
Neu angelegte Feuchtgebiete können natürliche nicht ersetzen (26.01.2012)
Renaturierte Flächen speichern auch Jahrzehnte später noch weniger Kohlenstoff
Rätsel um Bienen- Fortpflanzung gelöst (24.01.2012)
Forscher finden ersten Beweis für genetische Steuerung
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Pflanzen mit Gefühl
Gliazellen
Dossiers zum Thema
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Pflanzen mit Gefühl
Streit um die Neurobiologie von Sonnenblume, Salat und Co.
Phytohormone
Überlebenswichtige Botenstoffe im Pflanzenreich
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
News des Tages
Singvögel fliegen schneller als gedacht
Atomkern mit Heiligenschein
Mars bringt Asteroiden-Sonde auf Kurs
Neuronen-Netzwerke dechiffrieren Geruchsinformationen
Besser Wedeln mit dem digitalen Skilehrer?
Arbeitsweise eines Alzheimer-Proteins enthüllt
Pflanzen: Elektro-Signale statt "Hormongeplapper"?
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Sechs Pflanzen verändern die Welt
Chinarinde, Zuckerrohr, Tee, Baumwolle, Kartoffel, Kokastrauch von Henry Hobhouse
Pflanzenjäger
In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies von Kej Hielscher, Renate Hücking
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway