Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 19.03.2010
Gletscher schmelzen immer rasanter
Neueste Zahlen des World Glacier Monitoring Service bestätigen Langzeittrend
Weltweit schmelzen die Gletscher in hohem Tempo weiter. Dies zeigen die neuesten Zahlen des World Glacier Monitoring Service (WGMS) an der Universität Zürich für das Jahr 2007. Danach ist die Eisdicke der „Weißen Riesen“ um durchschnittlich 67 Zentimeter Wasseräquivalent (w.e.) dünner geworden. In den Alpen haben einzelne Gletscher sogar bis 2,5 Meter w.e. an Dicke verloren.

Die „Blaue Silvretta“
Die „Blaue Silvretta“
© GFDL Die „Blaue Silvretta“
„Der durchschnittliche Eisverlust im Jahr 2007 war nicht so extrem wie im Jahr 2006, aber es gibt große Unterschiede zwischen den Berggebieten. Gletscher in den europäischen Alpen haben bis zu 2,5 Meter Wasseräquivalent Eis verloren, während die Eisdicke von maritimen Gletschern in Skandinavien um einen Meter zugenommen hat“, erklärt der Glaziologe Michael Zemp vom WGMS.

Schmelzrate der 1980er- und 1990er-Jahren mehr als verdoppelt
„Trotzdem ist 2007 jetzt das sechste Jahr dieses Jahrhunderts, in dem der durchschnittliche Eisverlust der Gletscher mit langen Messreihen einen halben Meter übersteigt. Damit hat sich die Schmelzrate der 1980er- und 1990er-Jahren mehr als verdoppelt“, so Zemp weiter.

Die neusten, noch vorläufigen Daten von insgesamt mehr als 80 Gletschern bestätigen in der Tat den globalen Trend der Eisschmelze seit 1980. In diesem Zeitraum haben die Gletscher mit Langzeitmessreihen - 30 Gletscher in neun Gebirgsregionen - durchschnittlich mehr als elf Meter w.e. an Dicke verloren. Zwischen 1980 und 1999 ist deren Eis durchschnittlich um knapp 30 Zentimeter w.e. pro Jahr geschmolzen. Seit 2000 ist dieser Wert sogar auf rund 70 Zentimeter w.e. pro Jahr angestiegen.

Dichtemessungen in einem Schneeschacht
Dichtemessungen in einem Schneeschacht
© M. Hoelzle Dichtemessungen in einem Schneeschacht
Dramatische Eisverluste in den Alpen
Für das Beobachtungsjahr 2007 wurden unter anderem in den europäischen Alpen dramatische Eisverluste registriert so zum Beispiel am Hintereisferner (-1,8 Meter w.e.) oder Sonnblickkess (-2,2 Meter w.e.) in Österreich, am Sarennes (-2,5 Meter w.e.) in Frankreich oder Carèser (-2,8 Meter w.e.) in Italien. Auch in der Schweiz wurden Eisverluste von mehr als einem Meter gemeldet, so am Silvretta (-1,3 Meter w.e.) und am Gries (-1,7 Meter w.e.).

In Norwegen dagegen konnten laut den Ergebnissen der Forscher einige küstennahe Gletscher Eis zulegen so z.B. der Nigardsbreen (+1,0 Meter w.e.) oder der Ålfotbreen (+1,3 Meter w.e.) während die Inland-Gletscher wie der Hellstugubreen oder Gråsubreen weiter schmolzen (beide -0,7 Meter w.e.).

Die Massenbilanzen, also der Eisverlust oder Eiszuwachs, waren in Südamerika alle negativ, von -0.1 Meter w.e. am Echaurren Norte in Chile bis zu -2.2 Meter w.e. am Ritacuba Negro in Kolumbien. In Nordamerika sind einige positive Werte zu vermelden aus den North Cascade Mountains und dem Juneau Ice Field - und Eisverluste bei Gletschern in den Kenai Mountains und der Alaska Range wie auch in Canadas Coast Mountains und Canadas Hocharktis.

Messstange auf der Gletscherzunge
Messstange auf der Gletscherzunge
© D. Vonder Mühll Messstange auf der Gletscherzunge
Maßeinheit Wasseräquivalent
Glaziologen drücken die jährliche Massenbilanz, also Dickenzuwachs oder -Abnahme, von Gletschern in Meter Wasseräquivalent (m w.e.) aus. Das Wasseräquivalent gibt an, welchen Wassergehalt die gemessene Dickenänderungen in Eis, Firn und Schnee haben. Ein Meter Eis entspricht dabei ungefähr 0.9 Meter w.e.

World Glacier Monitoring Service
Die internationale Gletscherbeobachtung wurde 1984 nach dem Vorbild des Schweizer Gletschermessnetzes gegründet und seither mehrheitlich durch die Schweiz geführt. Heute ist der World Glacier Monitoring Service (WGMS) verantwortlich für die Sammlung und Publikation von standardisierten Gletscherdaten aus der ganzen Welt. Das Langzeit-Monitoring von Gletschern liefert wichtige Kennzahlen für die globalen Klimabeobachtungsprogramme der großen internationalen Organisationen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gletscher, Eis, Klimawandel, globale Erwärmung, Treibhausgase, Alpen, Monitoring, Schnee, CO2
Weitere News zum Thema
Wie kalt ist der Arktisboden? (12.03.2010)
Forscher optimieren Mess- und Berechnungsverfahren
Neue Belege für “Schneeball Erde” (10.03.2010)
Nachweis von Eis in den Tropen vor 716,5 Millionen Jahren
Sibirische Küstenmeere als Methanschleudern enthüllt (08.03.2010)
Freisetzungsrate des auftauenden Meeresbodens um bis zu 80 Prozent erhöht
Antarktis: Riesiger Eisberg rammt Schelfeis (23.02.2010)
B15-K 400 Millionen Tonnen schwer
Grönlands Gletscher schmelzen von unten (16.02.2010)
Einstrom von warmem Meerwasser in die Fjorde dezimiert Gletscherzungen
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Arktis
Antarktis
Klimawandel in Deutschland
Klimaforschung
Gletscherseen
Polarforschung
Dossiers zum Thema
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Gletscherseen
Imposante Naturphänomene oder tickende Zeitbomben?
Grönland im Schwitzkasten
Eisiges Naturparadies in Gefahr
Eisberg ahoi!
Vergängliche Kolosse der Polarmeere
Antarktis
Am eisigen Ende der Welt
Klimawandel in Deutschland
Wie verändert sich unser Klima bis 2100?
Gebirge als Lebensraum
Bedeutung und Bedrohung
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
S.O.S. - Ist das Klima noch zu retten?
Klimakonferenz 2006: Zukunft Verhandlungssache
Meereis adé?
Erster internationaler Polartag für eine schwindende Eiswelt
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
News des Tages
Schmelzendes Gestein schuld an tiefen Erdbeben
Gletscher schmelzen immer rasanter
Neues Quantengatter aus drei Qubits realisiert
Biotreibstoffe erhöhen Ölabhängigkeit
Bor gibt Forschern Rätsel auf
Protein-Knockout verhindert Schocksymptome
Bücher zum Thema
Gletscher im Treibhaus
Eine fotografische Zeitreise in die alpine Eiszeit von Wolfgang Zängl
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Wetterkatastro- phen und Klimawandel
Sind wir noch zu retten? von Hartmut Grassl u. a.
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Gebirge der Erde
Landschaft, Klima, Pflanzenwelt von Conradin A. Burga, Frank A. Klötzli und Georg Grabherr
Der Arktis- Klima-Report
von Michael Benthack und Maren Klostermann (Übersetzer)
Die Alpen
Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft von Werner Bätzing
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Licht verbiegt Materie
3. Gehirn liebt keine Überraschungen
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. Neue Belege für “Schneeball Erde”