Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Rätsel um mysteriöse Löcher im Eis gelöst
Forscher präsentieren natürliche Erklärung für ungewöhnliches Phänomen auf Berliner Seen
Auf zugefrorenen Seen in der Berliner Region war in letzter Zeit ein ebenso seltenes wie rätselhaftes Phänomen zu beobachten: Löcher im ufernahen Eis. Spekulationen über die Ursachen reichten von Tauwasser in Spannungsrissen über Methangasaufstieg bis hin zu den Folgen eines Meteoritenregens. Jetzt haben Berliner Wissenschaftler eine natürliche Erklärung für die Eislöcher vorgelegt.

Eisloch in einem Berliner See
Eisloch in einem Berliner See
© Gesine Wiemer / FVB Eisloch in einem Berliner See
Danach gibt es im Winter meistens einen allmählichen Temperaturrückgang, bei dem auch der Seegrund in flachen Bereichen auskühlt. Dieser Winter war zum Jahresende jedoch noch recht mild und der Boden des Sees nicht sehr kalt. Zum Jahreswechsel kam es dann zu einer abrupten Abkühlung, so dass sich in den ersten Januartagen schnell eine circa 20 Zentimeter starke Eisdecke gebildet hat, die kaum von Schnee abgedeckt war.

Der ohnehin recht warme Grund des Sees ist durch die Sonnenstrahlung, die durch das schneefreie Eis eindringen konnte, in den flacheren Seebereichen zusätzlich erhitzt worden, so dass sich das Wasser unmittelbar über dem Seeboden auf über 4°C erwärmte. Damit entstand im gesamten Freiwasser unter dem Eis eine so genannte Konvektionsströmung, die das wärmere Wasser im Zentrum der Konvektionszellen beständig nach oben transportiert, so die Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Man kann diesen äußerst effektiven Transportprozess auch in einem von unten erwärmten Wasserkochtopf beobachten.

„Warmwasser“-Strahl schmilzt sich durch das Eis
Der aufwärtsgerichtete „Warmwasser“-Strahl schmilzt sich von unten durch die Eisdecke. Daher stammt auch das charakteristische sternförmige Muster auf der Eisoberfläche, das die konvektive Strömung unter dem Eis widerspiegelt. Ähnliche Muster kann man, so die Wissenschaftler, auch in einem ganz einfachen Experiment zuhause reproduzieren: Man gießt einen Schluck kalter Milch in eine Tasse heißer Schokolade und sieht die Konvektionszellen, wenn sich die Schokolade nur langsam mit der Milch vermischt.

Das bei milden Lufttemperaturen offene symmetrische Loch kann je nach Ausmaß der Konvektionszellen eine Größe von wenigen Zentimetern bis wenigen Metern erlangen und bei starkem Frost auch wieder zufrieren.

Ungewöhnliche „Dampflöcher“
Die wohl erste dokumentierte Beobachtung solcher Strukturen stammt aus dem Jahr 1909 von dem Österreichischen Limnologen Götzinger, der dem Phänomen den Namen „Dampflöcher“ gegeben hat - ein deutscher Begriff, der auch heute noch in der englischsprachigen Fachliteratur auftaucht.

Wie die Löcher aber entstehen, war lange unklar, bis schließlich Meteorologen auf die richtige Spur gestoßen sind. Sie zogen Parallelen zur Entstehung von Wolken in der unteren Atmosphäre und damit kam das Stichwort „Konvektion“ ins Spiel.

Einer der Ersten, der die Schmelzstrukturen von Flachgewässern wissenschaftlich abgehandelt hat, war der Geophysiker Alfred Woodcock, in dessen Arbeit von 1965 ein Foto abgebildet ist, das den Bildern vom ufernahen Eis in Berlin im Januar 2009 völlig gleicht.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Eis, Wasser, Seen, Eislöcher, Konvektion, Sonnenstrahlung, Physik
Weitere News zum Thema
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Gechlechter: Keine Sprachanpassung beim Eisprung (10.02.2012)
Wie fruchtbar eine Frau gerade ist, beeinflusst die Ausdrucksweise ihres Gesprächspartners
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Arktis
Antarktis
Lake Wostok
Meereis
Dossiers zum Thema
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Regen, Sonne, Wolken
Wie entsteht die Wettervorhersage?
Klimakiller Methan
Landwirtschaft als Treibhausgas-Schleuder?
Meteoriten
Gefahr aus dem All
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
Gletscherseen
Imposante Naturphänomene oder tickende Zeitbomben?
100 Jahre Plattentektonik
Alfred Wegener und seine Theorie
Aralsee
Chronik einer anthropogen verursachten Katastrophe
Totes Meer
Vom Salzsee zum Sandsee?
News des Tages
Gedächtnis des Immunsystems entschlüsselt
Nanokugeln: Wasserbad als Ordnungshilfe
Rätsel um mysteriöse Löcher im Eis gelöst
Proteine beim Falten beobachtet
Lebensmittel: Nanopartikel kein "Allheilmittel"
Ohnmacht beim Fliegen häufiger als gedacht
Bücher zum Thema
H2O
Biographie des Wassers von Philip Ball
Die Erde im Visier
Die Geowissenschaften an der Schwelle zum 21. Jahrhundert von Hans-Peter Harjes und Roland Walter
Wie wird das Wetter?
von Jörg Kachelmann und Siegfried Schöpfer
Gletscher im Treibhaus
Eine fotografische Zeitreise in die alpine Eiszeit von Wolfgang Zängl
Wetter und Klima
Das Spiel der Elemente - Atmosphärische Prozesse verstehen und deuten von Harald Frater (Hrsg.)
Armageddon
Der Einschlag von Nadja Podbregar, Ralf Blasius, Harald Frater und Stefan Schneider
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes