Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 19.03.2010
Evolution bringt Doppelgänger-Enzym hervor
Ähnlichkeiten chemischer und elektrischer Nervenzell-Kommunikation
Die Kommunikation zwischen Nervenzellen kann chemisch durch Botenstoffe oder durch elektrische Impulse passieren. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass in beiden Fällen das gleiche Schlüsselenzym beteiligt ist. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der „Proceedings of the National
Academy of Science“ (PNAS) erschienen.


Nervenzelle
Nervenzelle
© NIH
Nervenzellen reden miteinander. Dies geschieht an ihren Kontaktstellen, den Synapsen, von denen es zwei in ihrem Aufbau fundamental unterschiedliche Typen gibt: die chemischen Synapsen, die Botenstoffe in Form von Neurotransmittern benutzen, und die elektrischen Synapsen, die eine Art Kanalsystem zwischen Nervenzellen bilden und eine direkte Übertragung von elektrischen Impulsen ermöglichen.

Fast sämtliche höhere Hirnfunktionen wie Lernen, Gedächtnisspeicherung und Steuerung von Gefühlen wurde auf die Fähigkeit von chemischen Synapsen zurückgeführt, auf eine Ansprache (Nervenreiz) so zu reagieren, dass Erinnerungsspuren gebildet oder vorhandene abgerufen werden können. Hierbei spielt ein Schlüsselenzym eine entscheidende Rolle, das die Fähigkeit besitzt, auf einen kurzen Reiz mit einer langanhaltenden Änderung seiner Aktivität zu reagieren.

Bisher wurde dieses Enzym fast ausschließlich an chemischen Synapsen gefunden. Einem internationalen Team von Neurowissenschaftlern und Molekularbiologen aus Bochum um Professor Rolf Dermietzel, Bonn um Professor Klaus Willecke sowie aus New York um Professor David Spray gelang es nun zu zeigen, dass beide Synapsentypen das gleiche Schlüsselenzym benutzen.

Molekularer Schalter für die Gedächtnisbildung
Ein wesentliches Merkmal, das chemische Synapsen für die Ausbildung von Gedächtnisspuren nutzen, ist die synaptische Plastizität. „Hierunter verstehen wir die Fähigkeit der Synapsen, in Abhängigkeit der Stärke und Dauer eines Nervenreizes mit einer langanhaltenden Veränderung ihrer Aktivität zu reagieren, was dazu führen kann, dass sich das Muster neuronaler Verschaltungen ändert", erklärt Dermietzel.

Einer der wichtigsten Botenstoffe, der bei der synaptischen Plastizität eine Rolle spielt, ist der Botenstoff Glutamat, eine kleine Aminosäure. Sie reagiert an der chemischen Synapse mit Rezeptoren, die bei Aktivierung für unterschiedliche geladene Teilchen (Ionen) durchlässig werden. Calcium ist eines der wichtigsten Ionen, das bei Aktivierung eines bestimmten Glutamatrezeptors (NMDA-Rezeptor) in die Nervenzelle einströmt und das Schlüsselenzym CaMKII aktiviert.

Ähnlichkeit zwischen Synapsenprotein und Gedächtnismolekül
Die Forscher entdecken nun eine überraschende molekulare Ähnlichkeit des elektrischen Synapsenproteins (Cx36) mit einer Untereinheit des für die Gedächtnisbildung entscheidenden NMDA-Rezeptors. Obwohl beide Moleküle im Aufbau vollkommen unterschiedlich sind, haben sich offenbar im Laufe der Evolution identische Bindungsstellen für das Schlüsselenzym heraus kristallisiert, die es beiden Synapsentypen erlauben diesen molekularen Schalter für Gedächtnisbildung gemeinsam zu nutzen.

„Die funktionelle Ähnlichkeit bei der Nutzung dieses Enzyms ist so verblüffend groß, dass von einer konvergenten Evolution gesprochen werden kann, was nichts anderes bedeutet, als dass sich zwei Personen außerordentlich ähnlich sein können, ohne miteinander verwandt zu sein", erklärt Dermietzel.

Effizienter Umgang mit Ressourcen
„Eine Entdeckung, die zeigt, wie effizient die Evolution mit ihren Ressourcen umgeht", so Dermietzel. "Wir erwarten von dieser Entdeckung einen Quantensprung in der weiteren Erforschung der Funktion von elektrischen Synapsen, die jahrelang eine Art Aschenputteldasein im Forschungskanon der Neurowissenschaften geführt haben." Es sei nicht auszuschließen, dass sich hierdurch auch neue Erkenntnisse im Bereich neurologischer Erkrankungen wie Epilepsie und Schlaganfall ergeben, bei denen eine Beteiligung von elektrischen Synapsen diskutiert wird.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Enzym, Nerven, Kommunikation, Gedächtnis, Rezeptor, Synapsen, Gehirn, Physiologie, Nervenreiz, Signal, Neuronen
Weitere News zum Thema
Immunzellen weisen Lymphgefäßen den Weg (18.03.2010)
Weiße Blutkörperchen geben Startsignal zur Bildung von Lymphbahnen
Licht hält Gen-Scheren in Schach (15.03.2010)
DNA-spaltende Enzyme als neue Chance für die Gentherapie
Eiweiß kontrolliert Fettspeicherung (09.03.2010)
Protein fördert Bildung von Fetttröpfchen und wirkt Fettabbau entgegen
Photosynthese als „Biobatterie“ (05.03.2010)
Elektroden nutzen Zucker und Sauerstoff als chemische Stromquelle
Mikrobengift hilft Fadenwurm bei der Jagd (04.03.2010)
Forscher entschlüsseln Wirkungsweise des Bakteriengifts
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Das Rätsel der Savants
Auf Spurensuche bei „Rain Mans“ Geschwistern
News des Tages
Dino-Männchen waren Babysitter
Wirtszelle schmeißt Aids-Viren raus
Pflanzen: Mit Senfölverbindungen gegen Schadpilze
Temperatur im Altai folgt Sonnenaktivität
Kalk kristallisiert anders als gedacht
Evolution bringt Doppelgänger-Enzym hervor
Bücher zum Thema
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Licht verbiegt Materie
3. Gehirn liebt keine Überraschungen
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. Neue Belege für “Schneeball Erde”