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Dienstag, 27.09.2016
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Roms vergessener Feldzug

Römisches Schlachtfeld am Harzrand entdeckt

Im niedersächsischen Landkreis Northeim ist Archäologen ein sensationeller Fund gelungen. Sie entdeckten am westlichen Rande des Harz ein gut erhaltenes römisches Schlachtfeld, das völlig neue Erkenntnisse über das Mit-, Neben- und Gegeneinander von Römern und Germanen liefert. Das Gefecht fand nach Ansicht der Wissenschaftler in einem Zeitfenster vom ausgehenden 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts statt und wird in historischen Quellen so gut wie gar nicht erwähnt.
Römische Soldaten

Römische Soldaten

Anfang Juni 2008 legte ein geschichtlich interessierter Bürger der Northeimer Archäologin Petra Lönne ungewöhnliche Funde vor: eiserne Speerspitzen, Spitzen von Katapultgeschossen, eine Pionierschaufel und eine so genannte „Hipposandale“ - ein spezieller Hufschutz für Pferde und Maultiere, wie er nur in der römischen Armee verwendet wurde. Auch die übrigen Funde waren römischen Ursprungs. Die Objekte stammten von einem markanten Geländesporn am Harzrand.

Eine Überprüfung im Gelände bestätigte die Angaben des Finders und zeigte, dass noch weitaus mehr Fundstücke im Waldboden oft nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche lagen. Damit begann ein eiliger Wettlauf: Besonders seit der Entdeckung des Schlachtfeldes der Varusschlacht in Kalkriese und dem Römerlager in Hedemünden bei Göttingen ist das südliche Niedersachsen ein bevorzugter Tummelplatz für Raubgräber, die mit Metallsonden derartige Fundstellen im großen Maßstab ausplündern.

Metallsonden im Einsatz


Gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege leitete die Kreisarchäologie noch Ende August ein ungewöhnliches Projekt ein: Abgeschirmt von der Öffentlichkeit wurde das Gelände mehrfach systematisch mit Metallsonden erforscht, hunderte georteter Funde wurden freigelegt, detailliert dokumentiert und ihre Konservierung eingeleitet. Gelingen konnte das angesichts der enormen Ausdehnung der Fundstelle nur, weil eine Gruppe von zuverlässigen Metallsondengängern intensiv in das Projekt eingebunden war: So wurden bis zu elf Metalldetektoren gleichzeitig von sehr erfahrenen Sondengängern eingesetzt.


Entscheidend für den wissenschaftlichen Fortschritt ist die präzise dreidimensionale Einmessung jedes einzelnen Fundes, um den Charakter der Fundstelle zu klären. Sehr oft werden Metallfunde aus ihrem Kontext gerissen und zu rein antiquarischen Sammelfunden reduziert, die ihrer historischen Aussagekraft beraubt sind. Erst durch die Gesamtbewertung vieler einzelner Mosaiksteinchen wird das Potenzial ihrer Aussagekraft deutlich. Dabei zeigte sich schnell, dass es sich bei der Neuentdeckung nicht wie anfangs vermutet um ein weiteres römisches Lager handelt, sondern um ein ausgedehntes Gefechtsfeld zwischen römischen Truppen und Germanen.

Klares Bild vom Kampfgeschehen


In Teilen des weitläufigen Geländes sind die Funde nach Angaben der Wissenschaftler so gut erhalten, das es möglich ist, Teilereignisse des Kampfgeschehens nachzuvollziehen wie etwa den Einschlag gezielter Pfeilsalven oder einzelne Infanterieangriffe. Kein anderes antikes Schlachtfeld, das Archäologen bisher entdecken konnten, hat so eindrucksvolle ungestörte Hinterlassenschaften erbitterter Kämpfe geliefert.

Die Fundstelle liegt am Harzhorn bei Kalefeld auf der östlichen Spitze eines kilometerlangen, Ost-West laufenden Höhenzuges, der als eine natürliche Barriere auf den Westrand des Harzes zuläuft.

Die Nord-Süd-Verbindungen entlang des Harzrandes müssen hier einen engen Pass überqueren, wo noch heute die Autobahn 7, die Bundesstraße 248 und die historische Heerstraße auf einem nur 300 Meter breiten Streifen dicht nebeneinander verlaufen. Die nach Norden steil abfallenden Hänge der im Westen anschließenden Kuppen sind nur an wenigen Stellen passierbar, und hier finden sich die größten Konzentrationen an Waffen. Bisher haben die Forscher zwei Stätten identifiziert, an denen sich die Funde häufen. Sie deuten auf ein sehr heftiges Aufeinandertreffen der Gegner hin.

Keine systematischen Plünderungen


In anderen Bereichen des insgesamt rund 1,5 Kilometer breiten Fundgebietes sind die Ergebnisse weniger eindeutig: Nach Ansicht der Wissenschaftler war das Kampfgeschehen hier weniger heftig oder diese Bereiche sind nach der Schlacht geplündert worden. Denkbar ist auch eine Überlagerung durch abgerutschtes Hangmaterial.

Rätselhaft bleibt, warum die Germanen nicht die Gelegenheit nutzten, das verlassene Schlachtfeld systematisch zu plündern. Zertrümmerte Wagen, hunderte aus dem Boden ragende Geschosse und verlorene Ausrüstungsteile müssen noch jahrelang sichtbar gewesen sein, bevor der Wald sie unter sich bedeckte. Die Archäologen vermuten, dass das Gelände möglicherweise zumindest teilweise tabuisiert war und niemand wagte, es zu betreten.

Nachdem die Wissenschaftler zunächst von einer Datierung in augusteische Zeit, also in die Dekaden um Christi Geburt, ausgegangen waren, wurde mit der Entdeckung weiterer Funde klar, dass sich das Ereignis circa 200 Jahre nach der Varusschlacht abspielte. Die bislang sichersten Datierungshinweise sind eine sehr abgegriffene Münze des Kaiser Commodus, der von 180 bis 192 n. Chr. regierte und ein Messerfutteral, das nicht vor dem ausgehenden 2. Jahrhundert nach Christus entstanden sein kann. Das gesamte Waffenspektrum stützt diesen zeitlichen Ansatz. Damit ist das Gefecht nach bisherigem Kenntnisstand in ein Zeitfenster vom ausgehenden 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts einzuordnen.

Keine historische Überlieferung


Ein konkretes Ereignis anhand archäologischer Befunde zu rekonstruieren, ist fast immer problematisch. Dies gilt ganz besonders für den ungewöhnlichen Fall, dass es sich um ein Ereignis handelt, für das es so gut wie keine historische Überlieferung gibt. Anhand archäologischer Beobachtungen lassen sich nur Modelle entwickeln, die immer wieder neu geprüft werden müssen.

Zudem befindet sich die Erforschung des Schlachtfeldes am Harzhorn wissenschaftlich gesehen noch im Vorbereitungsstadium. Die weitere Auseinandersetzung damit wird nach Angaben der Wissenschaftler mit Sicherheit zu zusätzlichen Erkenntnissen und zu Korrekturen an den vorhergehenden führen. Jeden Tag kann durch einen glücklichen Neufund eine komplette Revision der bisherigen Modelle herbeigeführt werden.

Persische Bogenschützen und maurische Speerschleuderer


Das sehr umfangreiche Fundmaterial belegt aber unstrittig eine starke römische Militärpräsenz. Allerdings befand sich die klassische Struktur der römischen Armee im 3. Jahrhundert schon in weitgehender Auflösung und in ihr dienten vorwiegend Söldner aus den Provinzen und den Randbereichen des Imperiums. So setzte Kaiser Maximinus Thrax 235 n. Chr. bei seinem Feldzug gegen die Germanen unter anderem persische Bogenschützen und maurische Speerschleuderer ein.

Andererseits verwendeten auch die Germanen in dieser Zeit Waffen aus römischer Produktion. Es ist daher anhand der Waffen kaum möglich zu entscheiden, ob sie von einem „Römer“ oder einem Germanen geführt wurden.

Spuren römischer Militärtaktik


Vom Harzhorn liegen allerdings eindeutige Spuren römischer Militärtaktik vor: So wurden die dort gefundenen Pfeile nach bisherigem Kenntnisstand kaum, die indirekt durch die massiven Katapultprojektile fassbaren Torsionsgeschütze (mit mechanischen Spannvorrichtungen versehene große Pfeilgeschütze) überhaupt nicht von Germanen eingesetzt. Daher kann vorausgesetzt werden, dass im militärischen Sinn römisch geführte Truppen an dem Gefecht beteiligt waren.

Unsicher bleiben Größe und Auftrag der römischen Verbände. Da sie Torsionsgeschütze und Wagen mitführten, wird es sich nach Ansicht der Archäologen vermutlich um keine kleine Einheit gehandelt haben. Ob ihr Auftrag aber ein rein militärischer war, oder ob es sich möglicherweise um eine bewaffnete Gesandtschaft oder Expedition handelte, muss vorerst offen bleiben.

Römische Truppen auf dem Rückmarsch


Weiterhin handelt es sich nach den bisherigen Beobachtungen um den Schauplatz eines offenen Feldgefechts. Ob darüber hinaus Befestigungen oder Verhaue errichtet wurden, wird erst durch zukünftige Grabungen überprüft werden können. Die bisherigen Beobachtungen machen folgende Arbeitshypothese wahrscheinlich: Römische Truppen auf dem Rückmarsch aus dem Norden fanden den nach Süden führenden Pass versperrt und erkämpften sich dann ihren Weg unter massivem Waffeneinsatz über den Höhenzug. Offenbar blieben die römischen Truppen bei diesem Gefecht aufgrund ihrer überlegenden Militärtechnik erfolgreich, mussten aber wegen anhaltender Bedrohung Richtung Leinetal abrücken.

Mit diesem Neufund eines antiken Schlachtfeldes ist in Niedersachsen ein weiterer wichtiger Fundplatz zur Frage des Mit-, Neben- und Gegeneinanders von Römern und Germanen lokalisiert. Das Römerlager in Hedemunden an der Werra markiert den Beginn des römischen Zugriffs auf die Germania magna kurz vor Christi Geburt, mit dem Fundort Kalkriese verbindet sich die Niederlage der römischen Militärmacht im Jahre 9 n. Chr., die sich nach den Rachefeldzügen der Jahre 15/16 nach Christus endgültig aus diesem Teil Germaniens zurückzieht.

In der Folge konsolidierte sich nach Angaben der Wissenschaftler die nördliche Außengrenze des römischen Reiches am Rhein. Vor allem mit diplomatischen Mitteln wirkte Rom weiterhin auf die rechtsrheinischen Gebiete ein.

Wanderungsprozesse nach Süden


Im 3. Jahrhundert veränderten sich die Verhältnisse massiv. Germanen drängten in großen Gefolgschaften nach Süden über den Obergermanisch-Raetischen Limes, die Grenze zwischen Donau und Rhein, und nach Westen über den Rhein, um von den wirtschaftlich blühenden römischen Gebieten zu profitieren. Diese Gebiete waren ihnen wohl bekannt, da in den provinzialrömischen Grenzregionen längst schon eine Vermischung mit der dort ansässigen Bevölkerung stattgefunden hatte. Angehörige germanischer Stämme leisteten als Soldaten Dienst im römischen Heer oder trieben Handel mit den Bewohnern provinzialrömischer Gebiete.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts kam es zu den ersten großen Kriegen, die durch Wanderungsprozesse nach Süden ausgelöst worden waren, den Auseinandersetzungen mit den Markomannen an der mittleren Donau, die die Kräfte Roms und den Kaisers Marc Aurel selbst lange banden. 213 n. Chr. fielen zum ersten Mal die Alamannen, ein neu entstandener Verband unterschiedlicher germanischer Gefolgschaften in Obergermanien und Raetien, d.h. im heutigen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern ein. Caracalla überschritt den Limes, um eine militärische Expedition gegen die Alamannen zu starten. 233 verheerten die Alamannen wiederum die blühenden Grenzgebiete.

Schlacht im Moor


Maximinus Thrax führte deshalb im Jahr 235 n. Chr. sein zum Teil aus orientalischen Einheiten bestehendes Heer weit nach Germanien hinein, um - wie bei Herodian und in der Historia Augusta überliefert - im Zuge der „Schlacht im Moor“ einen großen Sieg zu erringen. In der historischen Forschung wurde dieses Ereignis gerne in die Nähe der römischen Außengrenzen verlagert, da ein Vordringen viele hundert Kilometer weit ins Barbaricum unwahrscheinlich erschien.

Mit dem Neufund vom Harzrand ist dieses Bild zu revidieren. Hier ist ein größerer römischer Kampfverband, ähnlich wie für den des Maximinus Thrax beschrieben, zum ersten Mal überhaupt für das 3. Jahrhundert n. Chr. mitten im Barbaricum nachgewiesen. Geschossspitzen zeigen den Einsatz römischer Torsionsgeschütze. Möglicherweise lässt eine Vielzahl von dreiflügeligen Pfeilspitzen auf die Anwesenheit orientalischer Bogenschützen schließen, die Reflexbögen benutzten. Speerspitzen ergänzen das Spektrum der Waffen.

Schriftquellen neu bewerten


Auf den Tross deuten, so die Archäologen, Teile von Wagen, wie Achsnägel, Radnaben und Anschirrungszubehör, aber auch Bruchstücke von Sklavenfesseln oder Zeltheringe hin. Die Fundverteilungsmuster von Sandalennägeln ermöglichen es, den Weg des römischen Heeres über den Pass nach Süden nachzuvollziehen. Die Einschläge römischer Geschossspitzen zeigen die germanischen Stellungen an.

Der Fundplatz wird nach Angaben der Forscher zu neuen, weitreichenden archäologischen und historischen Überlegungen führen. Einige Schriftquellen werden neu zu bewerten sein. Ein methodischer Vergleich des Gefechtsplatzes am Harz mit Kalkriese, bei beiden handelt es sich um Defileegefechte, lässt vermutlich weiterführende Schlüsse auf die Vorgänge vor Ort zu, so das beide Fundplätze als Schlüssel für die Rekonstruktion der Ereignisse im Bereich des jeweils anderen dienen können.

Dramatisches Ereignis


Diese komplexen Erkenntnismöglichkeiten unterstreichen die außerordentliche wissenschaftliche Bedeutung des neu entdeckten Gefechtsfeldes. Die Funde belegen ein dramatisches Ereignis im Rahmen der Beziehungen zwischen Germanen und Römern, durch das viele seit langem bekannte archäologische Phänomene wie der auffallende römische Importstrom in die Germania magna um 200 n. Chr. oder das Auftreten von römischen Waffen auf Opferplätzen dieser Zeit in neuem Licht erscheinen.

Dass es der Archäologie damit gelungen ist, ein historisches Ereignis zu identifizieren, das in den vermeintlich verlässlichen historischen Quellen offenbar keinen Niederschlag gefunden hat, lässt den Neufund nach Angaben der Archäologen zu einer spektakulären Entdeckung werden, die überkommene Geschichtsbilder ins Wanken bringt und viel Stoff für zukünftige historische und archäologische Diskussionen liefert.
(idw - Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, 16.12.2008 - DLO)
 
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