Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Erdinneres: 4.000°C an der Kern-Mantel-Grenze
Bayreuther Forscher legen neue Erkenntnisse vor
Neue Erkenntnisse von Bayreuther Geowissenschaftlern über das Innere unseres Planeten deuten darauf hin, dass die Temperaturen an der Kern-Mantel-Grenze in 2.900 Kilometer Tiefe in der Nähe von 4.000°C liegen. Bislang schwankten Schätzungen zwischen 3.000 und 4.000°C, so die Forscher im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Mineral Silikat-Perowskit
Mineral Silikat-Perowskit
© UBT Mineral Silikat-Perowskit
Im Zentrum der Erde herrschen sogar Temperaturen bis über 4.000°C. Ein Teil dieser Wärme ist noch Gravitationsenergie von der Entstehung der Erde vor 4,6 Milliarden Jahren, ein anderer Teil wird durch radioaktiven Zerfall ständig nachgeliefert. Die genaue Temperaturverteilung im Erdinneren ist jedoch nur ungenau bekannt.

Temperatur bisher nicht genau bekannt
Dies liegt daran, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Erdbebenwellen nur sehr indirekte Aussagen über die Temperatur erlaubt. Mit Hilfe von Erdbebenwellen kann man ähnlich wie bei einer Röntgenuntersuchung des menschlichen Körpers die innere Struktur der Erde abbilden. Leider lassen sich auf derartigen Bildern Temperaturunterschiede nur ungenau erkennen.

An der Kern-Mantel-Grenze liegen feste Gesteine über einem Kern von geschmolzenem, dünnflüssigem Nickel-Eisen. Manche Vulkangebiete sind verknüpft mit Strukturen im Erdmantel, die ihre Wurzeln direkt in dieser Grenzfläche haben. Die Temperatur an der Kern-Mantel-Grenze ist jedoch nur unpräzise bekannt.

4.000°C in 2.900 Kilometer Tiefe
In ihrer Studie konnten die Forscher des Bayerischen Geoinstituts an der Universität Bayreuth um Professor Hans Keppler nun zeigen, dass die tatsächliche Temperatur in 2.900 Kilometer Tiefe vermutlich in der Nähe von 4.000°C liegt. Der Schlüssel zur Bestimmung der Temperaturverteilung im Erdinneren liegt in der Messung der Wärmeleitfähigkeit von Mineralen unter hohem Druck.

Bei Temperaturen von einigen tausend °C würde man erwarten, dass Wärme sehr leicht durch Strahlung übertragen wird. Den gleichen Effekt kann man spüren, wenn man vor einem Kaminfeuer sitzt. Lange Zeit hatte man aber geglaubt, dass die Minerale des Erdmantels unter hohem Druck lichtundurchlässig werden, so dass Wärme nicht durch Strahlung übertragen werden kann.

Wärmefluss vom Kern in den Mantel größer als gedacht
Am Bayerischen Geoinstitut wurde nun das optische Verhalten von Silikat-Perowskit, dem Hauptbestandteil des tiefen Erdmantels, bis zu einem Druck von über einer Million Atmosphären untersucht. Hierzu wurde die Probe zwischen den Spitzen von zwei Diamanten extremen Drücken ausgesetzt. Da die Diamanten für Licht durchlässig sind, kann man das Verhalten der Probe unter hohem Druck direkt unter einem Mikroskop beobachten. Silikat-Perowskit bleibt auch bei über einer Million Atmosphären für sichtbares Licht und für Wärmestrahlung sehr transparent.

Dies bedeutet, so die Wissenschaftler, dass der Wärmefluss vom Kern in den Mantel bis zu 50 Prozent höher ist als bisher angenommen, mit entsprechend höheren Temperaturen im Mantel der Erde.

Wie Superplumes entstehen
Die neuen Erkenntnisse haben nach Angaben der Forscher auch fundamentale Auswirkungen auf langsame Konvektionsbewegungen im Erdmantel, die über geologisch lange Zeiträume die Platten an der Erdoberfläche antreiben. Die von den Bayreuther Forschern gemessenen hohen Wärmeleitfähigkeiten führen nach theoretischen Modellen zur Bildung sehr großer heißer Aufstiegszonen, so genannten Superplumes, in denen heißes Material aus dem tiefen Mantel an die Erdoberfläche aufdringt. Solche Superplumes verursachen an der Erdoberfläche oft gewaltige vulkanische Eruptionen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Erdinneres, Erdkern, Erdmantel, Gesteine, Minerale, Temperatur, Erdbeben, Vulkanismus, Superplumes, Perowskit
Weitere News zum Thema
Unbekannte Metallform im Erdinneren identifiziert (21.12.2011)
Eisenoxid wird leitfähig ohne seine Kristallstruktur zu verändern
Geheimnis um Entstehung der Weihnachtsinsel gelüftet (28.11.2011)
Bisher unbekannte Prozesse im Erdmantel führten zur Entstehung der Christmas Island Seamount Provinz
Starke Magnetfelder entstanden schon kurz nach dem Urknall (09.09.2011)
Astrophysiker zeigen Magnetfeldverstärkung anhand dreidimensionaler Computersimulationen
Hälfte der Erdwärme kommt aus radioaktivem Zerfall (18.07.2011)
KamLAND-Detektor in Japan führt bisher genaueste Messung von Geoneutrinos durch
Erdmantel: Karbonate lassen Diamanten wachsen (05.04.2011)
Forscher zeigen, wie und wo Karbonatit-Schmelzen entstehen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Mineralien
Gesteine
Erdbeben
Vulkanismus
Dossiers zum Thema
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
100 Jahre Plattentektonik
Alfred Wegener und seine Theorie
Plattentektonik im Zeitraffer
Die Welt am Meeresboden im Wachsmodell
Detektive im System Erde
Das GeoForschungsZentrum Potsdam
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Diamanten
Hochkarätiges aus dem Bauch der Erde
Hawaii
Tropisches Paradies auf heißem Untergrund
News des Tages
Machen Handys vergesslich?
Erdinneres: 4.000°C an der Kern-Mantel-Grenze
Atome in der Lichtfalle
Windfang kühlt Rhône-Gletscher
Steifes Eiweiß macht Hirsche krank
Wie Bakterien ihren Fetthunger stillen
Supraleiter nach Maß
Bücher zum Thema
Minerale und Gesteine
Mineralogie - Petrologie - Geochemie von Gregor Markl
Plattentektonik
Kontinent- verschiebung und Gebirgsbildung von Wolfgang Frisch und Martin Meschede
Diamant
Zauber und Geschichte eines Wunders der Natur von Alois Haas und Horst Schneider
Landschafts formen
Unsere Erde im Wandel von Harald Frater
Gesteine
Entstehung - Zerstörung - Umbildung von Peter Rothe
Die Muschel auf dem Berg
Über Nicolaus Steno und die Anfänge der Geologie von Alan Cutler
Feuer, Wasser, Erde, Luft
von Rolf Emmermann (Hrsg.)
Allgemeine Geologie
Eine Einführung in das System Erde von Frank Press und Raymond Siever
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway