Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 19.03.2010
Lawinen-Rätsel gelöst
Forscher erklären Fernauslösung von Lawinen
Donnern Schneebrettlawinen ins Tal, sind Wintersportler und Bergsteiger in Gefahr. Ein internationales Forscherteam hat nun verblüffende neue Erkenntnisse zur Entstehung dieser Lawinen gewonnen. Und der Clou: Die Wissenschaftler konnten klären, wie Skifahrer im Tal viel weiter oben die Lawinen „ins Rollen“ bringen können.

Lawine
Lawine
© NASA
Dass Skifahrer, die über steile Hänge wedeln, manchmal ausgedehnte Schneeschichten zum Abrutschen bringen, ist nichts Neues. Weniger bekannt dagegen: Ein Skifahrer fährt im flacheren Talgebiet und löst im Hang eine Schneebrettlawine aus, zum Teil mehrere hundert Meter weiter bergauf. Dieses Szenario scheint dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen - dennoch fordert es jährlich Todesopfer.

Fernauslösung von Lawinen
Doch wie geht eine solche Fernauslösung von Lawinen vonstatten? „Bei einer Schneebrettlawine rutscht die obere Schneeschicht ins Tal. Damit das passieren kann, muss sie sich zunächst von der darunterliegenden lösen“, sagt Professor Peter Gumbsch, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik IWM in Freiburg.

Die bisher gängige Anschauung unter Wissenschaftler war, dass sich die Schneeschichten durch Scherrisse voneinander lösen - die obere Schicht verrutscht in einem begrenzten Bereich. Wären die zwei Schneeschichten aufeinandergelegte Handflächen, entspräche ein Scherriss einem Übereinanderreiben.

Voraussetzung dafür, dass die Schneeschichten verrutschen können: Der Hang muss steil genug sein. Mit Scherrissen lässt sich das Abreißen von Schneebrettern im steilen Gelände erklären. Wie aber kommt es zur Fernauslösung?

Hohlräume zwischen den Eiskristallen
Hohlräume zwischen den Eiskristallen
© Jane Blackford und Chris Jeffree / Universität Edinburgh Hohlräume zwischen den Eiskristallen
Neues physikalisches Modell
Gumbsch und seine Kollegen Michael Zaiser und Joachim Heierli an der Universität Edinburgh, Schottland, haben ein physikalisches Modell entwickelt, das dieses Phänomen erklärt. „Die Grenzschicht, die die Schneeschichten verbindet, besteht aus Eiskristallen, zwischen denen sich größere Zwischenräume befinden“, erklärt Heierli. Durch den Druck eines Skifahrers können nun die Eiskristalle brechen, sich von einander lösen und in die Zwischenräume rutschen - die Schicht sackt zusammen. Die daraufliegende Schneeschicht sinkt ebenfalls ab.

Dieser so genannte Volumenkollaps, den man als Anti-Riss beschreiben kann, setzt Energie frei, die bisher nicht berücksichtigt wurde. Diese Energie sorgt dafür, dass der Riss sich ausbreiten kann. Vergleicht man die Schichten mit Handflächen, wäre der Anti-Riss ihr Zusammenpressen.

Feldtest
Feldtest
© A. van Herwijnen / Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos Feldtest
Nur Reibungskräfte können Lawinen verhindern
Experimente kanadischer Forscher der Universität Calgary bestätigen die Theorie: Egal ob im flachen oder steilen Gelände - es ist gleich schwer, einen Bruch auszulösen. Einmal hervorgerufen, pflanzt sich dieser als Anti-Riss fort. Er kann den Berg hinauf- oder hinunterwandern und innerhalb von Sekunden mehrere hundert Meter groß werden: Die Schneeschichten verlieren ihren Verbund.

Nur Reibungskräfte können dann den Schnee nach Angaben der Wissenschaftler daran hindern, abzugleiten. Wo diese nicht ausreichen, rutscht die obere Schicht ab - eine Schneebrettlawine entsteht.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Lawinen, Massenbewegungen, Schneebretter, Reibung, Risse, Naturkatastrophen, Todesopfer, Gebirge, Druck, Energie
Weitere News zum Thema
Tief Undine verwüstet Madeira (22.02.2010)
Mindestens 42 Tote bei Unwettern auf der Ferieninsel
Digitaler Suchhund spürt Lawinenopfer auf (28.10.2009)
Forscher entwickeln neuartiges Ortungssystem
Lawinen auch am Flachhang (21.07.2008)
Neues Modell stellt bisherige Erklärungsversuche für Schneebrettlawinen in Frage
Korallenriffe als Bollwerk gegen Naturkatastrophen (21.05.2008)
WWF-Studie: Schutzgebiete mildern Folgen von extremen Wetterereignissen
Nordsee: Klimawandel lässt Sturmfluten höher ansteigen (18.04.2008)
Bis zu 80 Zentimeter höhere Wasserstände zum Ende des 21. Jahrhunderts
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Hochgebirge
Dossiers zum Thema
Lawinen & Co.
Unaufhaltsam abwärts?
Erdrutsche
Gefahr am Berg
Gebirge als Lebensraum
Bedeutung und Bedrohung
Symmetrie
Geheimnisvolle Formensprache der Natur
News des Tages
Sonnenwind reißt Marsatmosphäre weg
Akupunktur hilft auch ohne Nadeln
Lawinen-Rätsel gelöst
Mikrochip als Buddelschiff
Metastasen durch neues Krebsmedikament?
Weniger Acrylamid in Weihnachtskeksen
Bio-Sprit aus Regenwäldern verstärkt Klimawandel
Bücher zum Thema
Naturkatastrophen
Wirbelstürme, Beben, Vulkanausbrüche - Entfesselte Gewalten und ihre Folgen von Inge Niedek und Harald Frater
Die Alpen
Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft von Werner Bätzing
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Wissen hoch 12
Ergebnisse und Trends in Forschung und Technik von Harald Frater, Nadja Podbregar und Dieter Lohmann
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Licht verbiegt Materie
3. Gehirn liebt keine Überraschungen
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. Neue Belege für “Schneeball Erde”