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Samstag, 20.03.2010
Sahara-Spinne fährt Rad
Bionik-Forscher gelingt ungewöhnliche Entdeckung am Rande der Wüste
Ein Berliner Wissenschaftler hat während eines sechswöchigen Forschungsaufenthaltes am Rand der Sahara eine vermutlich noch unbekannte Spinnenart entdeckt, die sich rollend, mit den Beinen angetrieben, fortbewegen kann. Ein ähnliches Phänomen war bislang nur von der Goldenen Radspinne Carparachne aureoflava bekannt, die im Südwesten Afrikas in der Namib-Wüste zuhause ist.

Rollspinne
Rollspinne
© TU Berlin Rollspinne
Seit 25 Jahren reist Professor Ingo Rechenberg vom Fachgebiet Bionik an der Technischen Universität (TU) Berlin in die Wüste. Im Süden Marokkos, nahe der algerischen Grenze, schlägt er sein Lager auf und beobachtet die Tiere der Wüste. „Für uns Bioniker sind extreme Landschaften deshalb interessant, weil wir dort Lebewesen finden, die sich auf eine besondere Art und Weise an schwierige Lebensbedingungen anpassen müssen", sagt er.

Monsieur Sandfisch
Im Erg Chebbi bei Rissani ist der Professor aus Berlin inzwischen als Monsieur Sandfisch bekannt. Seine Beobachtungen an den schlüpfrigen Echsen, die wie durch den Dünensand zu tauchen scheinen, haben bereits für spannende Erkenntnisse für die Forschung an besonders reibungsarmen Oberflächen gesorgt. Dass es nun vielleicht bald eine Spinne geben wird, die seinen Namen tragen wird, freut Rechenberg ungemein.

„Bereits vor vier Jahren habe ich das Tier zum ersten Mal gesehen, als ich nachts mein Wüstenlager gerade fertig aufgeschlagen hatte“, berichtet er. Er fing die ihm unbekannte Spinne ein, um sie genauer zu begutachten. Doch am kommenden Morgen zeigte sich die Nachtspinne wenig kooperativ. Aber Rechenberg glaubte zu erkennen, dass die ermattete Spinne versuchte, ihre acht langen Beine zu einem Rad zu formen um davon zu rollen.

Nachtaktives Tier
Nachtaktives Tier
© TU Berlin Nachtaktives Tier
Effektive Beinarbeit
Erst in diesem Jahr lief ihm das nachtaktive Tier wieder vor die Füße. Der Professor und sein Mitarbeiter Abdulah Regabi El Khyari glauben ihren Augen nicht zu trauen: Die Spinne faltet ihre Beine zu einem Rad und rollt schnurstracks davon. „So etwas kannte man bisher nur von einer Spinnenart in der Namib-Wüste, nicht aus der Sahara“, sagt der Forscher.

Aber im Gegensatz zur südafrikanischen Spinne, die nur passiv eine Düne hinunter kullert, konnte Rechenbergs Spinne durch Beinarbeit ihr Rollen beschleunigen. Ein Anruf beim Bionik-Kollegen Professor Werner Nachtigall bestätigte seine Vermutung, eventuell einen sensationellen Fund gemacht zu haben.
Eine rollende Spinne mit Beinantrieb in der Sahara war unbekannt.

Leider starb die Spinne und wurde von einem Skorpion verspeist. Ohne einen in Alkohol konservierten Beweis wäre Rechenbergs Entdeckung wissenschaftlich gesehen wertlos gewesen. Zum Glück gelang es ihm bei Nachtwanderungen zwei weitere „Roll-Spinnen“ zu fangen. Eine der Spinne wird in Alkohol konserviert, die andere kommt sogar lebend mit nach Berlin.

Spinnenexperte Peter Jäger am Senckenberg-Institut konnte mittlerweile das konservierte Exemplar als Männchen der Gattung Cebrennus zuordnen. „Ob es sich tatsächlich um eine neue Art handelt, kann man zweifelsfrei erst nach der Untersuchung eines weiblichen Tieres der gleichen Art feststellen“, erläutert Rechenberg. Inwieweit es sich bei der zweiten, bei ihm zuhause lebenden Spinne tatsächlich um eine weiblich handelt, ist derzeit aber noch nicht bekannt.

Rollen spart Energie
Ob die Spinne also künftig als Cebrennus rechenbergii an ihren Entdecker erinnert, bleibt noch abzuwarten. Ihre Eigenschaft auf ebenem Untergrund rollen und auch laufen zu können, findet Rechenberg mindestens genauso spannend. „Auf einem geeigneten Untergrund ist Rollen deutlich Energie sparender als Laufen“, sagt der Ingenieur. Und hofft nun auf Inspiration für ein Vehikel, das sich sowohl laufend als auch fahrend fortbewegen kann. „So ein System zu entwickeln, wäre zum Beispiel für eine Marsmission interessant“, sagt er. Bis ein solches Konstrukt tatsächlich gebaut wird, wird aber noch viel Zeit vergehen.

Warum das Tier vermutlich bislang unentdeckt blieb, ist für Rechenberg dagegen leicht zu erklären: „Wer rennt schon nachts um drei Uhr mit einem Handscheinwerfer durch die Sahara?“
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