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Mittwoch, 25.05.2016
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Giftbarriere von Miesmuscheln entschlüsselt

Forscher ermitteln aber auch, was die Abwehr der Zellen zum Bröckeln bringt

Deutsche und amerikanische Forscher haben in Miesmuscheln erstmals vollständige Gensequenzen und die Funktionen von zwei Proteinen identifiziert, die eine wichtige Abwehrfunktion gegen Schadstoffe haben. Diese Proteine sind Teil einer aktiven, physiologischen Barriere in den Muschelkiemen, die vor Umweltgiften schützt, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „American Journal of Physiology - Regulatory, Integrative and Comparative Physiology“.
Kalifornische Miesmuschel

Kalifornische Miesmuschel

Muscheln wie die Kalifornische Miesmuschel (Mytilus californianus) können über 20 Liter Wasser pro Stunde durch ihre Kiemen pumpen. Die aktive Barriere schützt den Organismus vor schädlichen Substanzen im Wasser. Es gab vorher bereits Hinweise auf die Anwesenheit solcher Proteine in Muschelkiemen, eine genaue Zuordnung ist aber erst jetzt möglich.

Die Funktion dieser Proteine kann aber durch vom Menschen in die Umwelt eingebrachte Chemikalien, wie zum Beispiel dem in Hygiene- und Pflegemitteln enthaltenen Duftstoff Galaxolid gehemmt werden, so die Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Kalifornischen Stanford University.

Solche Substanzen wirken so in Zellen als Türöffner für andere Chemikalien. Auch nach konventionellen Maßstäben ungiftige Stoffe können durch diesen Effekt die toxische Wirkung von Substanzen verstärken. Über die globalen Auswirkungen von diesen so genannten Chemosensitizern auf Umwelt und Mensch ist bisher wenig bekannt.


Molekulare „Pumpen“ verhindern Giftanreicherung


Zellen besitzen Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, mit schädlichen Substanzen umzugehen und zu überleben. Ein solcher Schutzmechanismus wird zum Beispiel durch Transportproteine gebildet, die in der Zellmembran sitzen und als molekulare „Pumpen“ verhindern, dass sich toxische Verbindungen in der Zelle anreichern. Dieser Abwehrmechanismus gegen giftige Chemikalien wird in der englischen Fachliteratur multixenobiotic resistance (MXR) genannt.

Substanzen, die den MXR-Mechanismus hemmen, werden als Chemosensitizer bezeichnet. Die beiden neu entdeckten Proteine gehören zu den so genannten ABC-Transportern. Diese Klasse von Membranproteinen ist nach einem gemeinsamen Strukturelement benannt: der ATP-bindenden Kassette - englisch: ATP binding cassette, ABC. ABC-Transporter sind eine der größten bekannten Proteinfamilien, die in Organismen vom Bakterium bis hin zu Säugetieren vorkommen. Beim Menschen sind ähnliche Proteine an der Blut-Hirn-Schranke beteiligt. Hier verhindern sie das Eindringen schädlicher Stoffe ins empfindliche Nervengewebe.

Bei Muscheln und anderen Wasserorganismen trennt diese Barriere nicht verschiedene Teile eines Organismus, sondern ist nach außen gerichtet. Sie bildet sozusagen eine „Umwelt-Gewebe-Schranke“. „Die Proteine sitzen in der Zellmembran und sorgen dafür, dass Stoffe, die nicht in die Zelle hineingehören, wieder heraus transportiert werden - ähnlich wie bei einer Pumpe, die eindringendes Wasser aus einem Schiff abpumpt“, erklärt Till Luckenbach vom UFZ.

Hopkins Marine Station an der Monterey-Bucht

Hopkins Marine Station an der Monterey-Bucht

Sensibilisierung für Chemikalien


Mögliche Effekte von Umweltchemikalien auf das MXR-System wurden erstmalig vor fast 20 Jahren beschrieben. Aber erst in den letzten Jahren begann die Wissenschaft, solche Wirkungen intensiver zu untersuchen. „Wir wollen das System verstehen, um herauszufinden, wie Chemikalien mit diesen Transportern interagieren“, sagt Luckenbach, der in Kalifornien an der Hopkins Marine Station der Stanford University mit Untersuchungen an Miesmuscheln begann und seine Arbeiten in Leipzig am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung an Fisch- und Säugerzellen fortsetzt.

„Bisher sind vergleichsweise wenige umweltrelevante Substanzen bekannt, die über die Blockierung des MXR-Systems diese Sensibilisierung für Chemikalien auslösen. Allerdings gehören die bekannten Substanzen zu chemisch sehr unterschiedlichen Gruppen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Interaktionen von Umweltsubstanzen mit dem System recht weit verbreitet sind.“

Weitere Forschung nötig


Bisher werden Chemikalien bei der Zulassung auf ihre Gefahren wie Giftigkeit, erbgutverändernde oder krebserzeugende Wirkungen untersucht. Die Sensibilisierungswirkung von bestimmten Stoffen für andere Chemikalien - von den Wissenschaftlern Chemosensitizer genannt - spielt in der aktuellen Gesetzgebung momentan keine Rolle.

Luckenbach und seine Kollegen sind jedoch überzeugt, dass diese Stoffe großen Einfluss auf die Umwelt haben und es wichtig ist, mehr über diese Prozesse herauszufinden.
(idw - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, 10.10.2008 - DLO)