Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Stadt-Ökosysteme sind empfindlicher
Vegetation ähnelt sich
In deutschen Städten wachsen zwar mehr Pflanzenarten als auf dem Land, diese sind jedoch stärker untereinander verwandt und übernehmen oft ähnliche Funktionen. Dadurch sind Ökosysteme in der Stadt empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen. Zu diesem Ergebnis sind jetzt Ökologen nach Auswertung von 14 Millionen Einträgen in der bundesweiten Datenbank „FLORKART“ gekommen.

Löwenzahn
Löwenzahn
© André Künzelmann / UFZ Löwenzahn
Der Naturschutz müsse sich wegen der verändernden Umweltbedingungen nicht nur um den Erhalt einer möglichst großen Anzahl an Arten, sondern auch um deren verwandtschaftliche Vielfalt kümmern, so die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Fachjournal „Ecology Letters“. Da die Urbanisierung bereits weit fortgeschritten ist und noch weiter fortschreiten werde, sei es nötig, Strategien zum Schutz der Artenvielfalt auch innerhalb von Städten zu entwickeln.

Die Urbanisierung der Welt nimmt stark zu. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, in Europa sind es sogar über 70 Prozent. Dass die Anzahl der Arten in Städten größer ist als im Umland, hat verschiedene Ursachen: Viele Städte sind in geologisch und strukturell vielfältigen Landschaften entstanden und daher schon von Natur aus artenreich, die Städte selber sind sehr vielfältig strukturiert, die Temperaturen sind höher als im Umland, einheimische und neue Arten werden häufig in Städte eingeführt.

Verwandtschaftsbeziehungen sind wichtig
Städte beherbergen zwar mehr Arten als ihr Umland, für den Erhalt der biologischen Vielfalt ist jedoch nicht nur die reine Anzahl an Arten von Bedeutung, sondern auch deren Verwandtschaftsbeziehungen: Jede Art ist Träger ererbter Informationen, zum Beispiel über die Art ihrer Bestäubung oder die Struktur ihrer Blätter. Je größer die verwandtschaftliche Vielfalt einer Artengemeinschaft ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie Arten mit verschiedenen Merkmalen beinhaltet.

Die Merkmale, und folglich auch die verwandtschaftliche Vielfalt, sind also das Rüstzeug, das Pflanzengemeinschaften die Reaktion auf verschiedene Umweltereignisse ermöglicht. Ohne das Wissen um Merkmale und Verwandtschaftsbeziehungen - ihre Phylogenie - wäre das Verständnis, wie Artengemeinschaften sich entwickeln und wie sie mit veränderten Umweltbedingungen zurechtkommen, unvollständig.

Andere Umweltfilter in städtischen Gebieten
Für ihre Studie legten die UFZ-Wissenschaftler ein Gitter mit rund zwölf Kilometer breiten Zellen über die Bundesrepublik und charakterisierten die Zellen anschließend anhand der Landnutzung. 59 Zellen wurden als Stadt-, 1.365 als Agrar- und 312 als Wald- bzw. naturnahe Landschaften eingestuft.

„Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass in städtischen Gebieten andere Umweltfilter wirken als in ländlichen Gebieten“, erklärt Sonja Knapp vom UFZ. Der Verlust an phylogenetischer Information verringert die Chancen von Artengemeinschaften, auf Veränderungen in der Umwelt zu reagieren und könnte langfristig die Funktionen von städtischen Ökosystemen negativ beeinflussen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Städte, Land, Ökosysteme, Pflanzen, Vegetation, Natur, Umwelt, Ökologie, Gene, Stadt
Weitere News zum Thema
2011: „Dicke Luft“ in Deutschland (07.02.2012)
Hohe Belastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid ermittelt
Haiti droht neue Erdbeben-Serie (27.01.2012)
Verwerfung unter dem Inselstaat ist wieder seismisch aktiv
Messdaten zum vergangenen Klima sind zuverlässig (11.01.2012)
Moderne Verfahren filtern Verfälschungen und Nebeneffekte heraus
Pompeji: Grabstätten als Müllplätze (06.01.2012)
Ausgrabung wirft neues Licht auf Umgang der antiken Römer mit ihrem Müll
Khmer-Hochkultur ging an Wassermangel zugrunde (03.01.2012)
Komplexes Bewässerungssystem versagte bei anhaltender Trockenheit
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Pflanzen mit Gefühl
Dossiers zum Thema
Lebensraum Stadt
Artenarme Betonwüste oder lebendiger Flickenteppich?
Naturschutz
Der Ast auf dem wir sitzen...
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Arche Noah 2.0
Genbanken als letzte Rettung für die Artenvielfalt?
Angriff der Exoten
Tierische und pflanzliche Einwanderer auf Erfolgskurs?
Pflanzen mit Gefühl
Streit um die Neurobiologie von Sonnenblume, Salat und Co.
Pionierpflanzen
Leben aus dem Nichts
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Verstädterung
Von Stadtentwicklung, Slums und Mega Cities
Mega-Cities
Fehlentwicklung oder Modell für das 21. Jahrhundert?
News des Tages
Dunkelste Galaxie des Universums entdeckt
Verborgener Magnetismus in Supraleitern aufgespürt
Stadt-Ökosysteme sind empfindlicher
Erste absolute Messung von Terahertzstrahlung gelungen
Mensch: Imitation ist Trumpf
Viren bringen Herz aus dem Takt
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
von Josef H. Reichholf
Sechs Pflanzen verändern die Welt
Chinarinde, Zuckerrohr, Tee, Baumwolle, Kartoffel, Kokastrauch von Henry Hobhouse
Pflanzenjäger
In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies von Kej Hielscher, Renate Hücking
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes