Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Erstes mehrzelliges Tier überlebt ungeschützte Weltraumbedingungen
Bärtierchen überstehen Vakuum und Strahlung des Weltraums schadlos
Winzige, Teddybär-ähnliche Wesen sind die ersten mehrzelligen Tiere, die ungeschützt das Vakuum und die Strahlung des Weltraums überlebt haben. Die Bärtierchen, wissenschaftlich Tardigraden genannt, überstanden die Extrembedingungen bei Versuchen in der Erdumlaufbahn schadlos. Das berichten schwedische Forscher in der Fachzeitschrift „Current Biology“.

Bärtierchen (Tardigrada)
Bärtierchen (Tardigrada)
© Willow Gabriel, Bob Goldstein / CC-by-sa 2.5 Bärtierchen (Tardigrada)
Tardigraden, auch Bärtierchen genannt, sind nur einen Millimeter groß, haben es aber geschafft, nahezu alle Ökosysteme der Erde zu besiedeln. Ihr Trick dabei: Wenn es ihnen an Wasser fehlt, fallen sie in einen Ruhezustand, in dem ihr Stoffwechsel stillsteht und ihr Körper fast sein gesamtes Wasser verlieren kann, ohne dass es ihnen schadet. Werden die Bedingungen dann wieder feuchter, erwachen sie aus diesem „Tönnchen“-Status und sind aktiv als wenn nichts geschehen wäre.

3.000 „Mini-Bären“ im All
Wie weit diese Widerstandsfähigkeit gegenüber ungünstigen Bedingungen geht, haben jetzt Wissenschaftler der Kristianstad Universität in Schweden unter Leitung von Ingemar Jönsson auf die harte Tour getestet. Sie schickten kurzerhand 3.000 Bärtierchen auf einen zwölftägigen Weltraumausflug. Dort wurden sie ungeschützt dem Vakuum des Alls und auch der kosmischen Strahlung in der Umlaufbahn ausgesetzt.

Die Tardigraden jedoch überlebten diese Extrembedingungen in ihrer Tönnchenform ohne Probleme. Damit sind sie die ersten Tiere überhaupt, die das Vakuum und die Strahlung des Weltraums überleben. „Die Versuche zeigen, das Vakuum des Weltraums, das auch extreme Dehydrierung und starke kosmische Strahlung bedeutet, für die Bärtierchen kein Problem war”, erklärt Jönsson. „Andererseits schadet ihnen die UV-Strahlung im All, nur wenige Tardigraden überleben auch das.“

Einzigartiger DNA-Reparaturmechanismus?
Als nächste Herausforderung wollen die Forscher versuchen, den Mechanismus hinter dieser außergewöhnlichen Widerstandsfähigkeit der Tardigraden zu verstehen. Jönsson vermutet, dass die Bärtierchen zwar auch, wie andere Lebewesen, einige DNA-Schäden durch die Strahlung davon getragen haben, aber dass diese durch ihr körpereigenes Reparatursystem wieder behoben wurden.

Die daraus erwachsenden Erkenntnisse könnte auch für die Medizin von Bedeutung sein: “Das Wissen um die Reparatur von genetischen Schäden ist für die Medizin zentral“, erklärt Jönsson. „EI Problem bei der Strahlentherapie ist beispielsweise dass auch gesunde Zellen geschädigt werden. Wenn wir zeigen können, dass es spezielle Moleküle gibt, die bei mehrzelligen Tieren wie den Tardigraden DNA-Reparaturen durchführen, dann könnte dies zur Weiterentwicklung der Therapien beitragen.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Bärtierchen, Tiere, Weltraum, Strahlung, Vakuum, Überleben, Dehydrierung, Extrembedingungen, Überdauerungszustand, Anpassung, Mehrzeller, Umlaufbahn, Orbit
Weitere News zum Thema
Forscher identifizieren drei neue Überlebenskünstler (07.07.2010)
Bärtierchenarten stammen aus Alaska, Kenia und Palau
Bärtierchen trotzen Gefrierschrank- Temperaturen (05.03.2009)
Forscher testen Winzlinge auf Kältetoleranz
Inventur bei Deutschlands Tierwelt (17.06.2004)
Fast 48.000 Arten im Jahr 2004
Wassermangel macht aus Bären „Tönnchen“ (20.04.2004)
Eiweiße spielen wichtige Rolle beim Zellschutz
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Extremophile
Grenzgänger im Reich der Kleinsten
Leben im Wassertropfen
Ein Kosmos für sich
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
News des Tages
Erstes mehrzelliges Tier überlebt ungeschützte Weltraumbedingungen
OECD-Bildungsbericht: Deutschland hinkt hinterher
Erstes Kohlekraftwerk mit CO2-Abscheidung läuft
Extrem-Entspiegelung dem Mottenauge abgeguckt
Wasser: Auch der Wasserstoff baut Brücken
Atemfeuchtigkeit verrät Lungenkrebs
Bücher zum Thema
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Unsichtbare Welten
Von der Schönheit des Mikrokosmos von France Bourely
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway