Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Rosetta vor Rendezvous mit Asteroid Steins
Raumsonde untersucht ungewöhnlichen Himmelskörper
Die ESA-Raumsonde Rosetta fliegt morgen nach viereinhalb Jahren im All an einer besonderen „Sehenswürdigkeit“ vorbei: Nur etwa 800 Kilometer werden die Sonde um 20.58 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) vom Asteroiden Steins trennen. Die Begegnung bietet Forschern erstmals die Gelegenheit, einen Himmelskörper dieses Typs aus der Nähe zu untersuchen. Die Astronomen erwarten aber auch wichtige neue Erkenntnisse über die Kinderstube des Sonnensystems.

Kometensonde Rosetta
Kometensonde Rosetta
© DLR
Vor, während und nach der größten Annäherung wird Rosetta zahlreiche wissenschaftliche Experimente durchführen. Die nötigen Bilder wird das Kamerasystem OSIRIS liefern, das unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) von einem europäischen Konsortium entwickelt und gebaut wurde.

Seit dem 2. März 2004 ist Rosetta auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Ziel, dem Kometen Churyumov-Gerasimenko. Zurzeit holt die Sonde durch mehrere Swing-By-Manöver Schwung für ihre weite Reise. Dabei kommt sie jetzt an dem noch unerforschten Asteroiden Steins vorbei, dem ersten wichtigen wissenschaftlichen Ziel der zehnjährigen Mission.

Ursprüngliche Bestandteile des Sonnensystems
Insbesondere die Zusammensetzung des Köpers und der Oberfläche, die Größe und Rotation, die magnetischen und elektrischen Eigenschaften sowie die Charakteristik der Umgebung wie Gas, Staub und Kleinkörper sind dabei von Interesse. Das seit Jahren minutiös vorbereitete Manöver wird vom Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Darmstadt durchgeführt, wo auch in der Nacht zum Samstag die ersten Bilder und Messdaten eintreffen werden.

Das DLR ist mit zahlreichen Wissenschaftlern an der Mission beteiligt. Insbesondere in Berlin und Köln werden sie während des Vorbeifluges aktiv sein, um die Daten aufzunehmen. „Kometen und Asteroiden gehören zu den ursprünglichsten Bestandteilen des etwa 4,6 Milliarden Jahre alten Sonnensystems", erklärt Professor Tilman Spohn, der Direktor des DLR-Instituts für Planetenforschung in Berlin-Adlershof: „Von ihrer Untersuchung versprechen wir uns grundlegende Erkenntnisse über die Bildung der Planeten und Monde. Die zum Teil sehr komplexe Zusammensetzung der kleinen Körper könnte auch wichtige Hinweise liefern, wie das Leben auf der Erde entstanden ist“.

Kamera hilft bei der Navigation
Raumsonde mit Kamerasystem
Raumsonde mit Kamerasystem
© ESA / AOES Medialab Raumsonde mit Kamerasystem
Bei dem Versuch Rosetta sicher zum Ziel zu bringen, leistet auch das Kamerasystem OSIRIS wichtige Dienste. Obwohl die meisten Messgeräte an Bord der Raumsonde erst kurz vor der Ankunft am Asteroiden in Betrieb gehen, ist OSIRIS bereits am 4. August 2008 aus seinem Schlaf erwacht. Seitdem spielt die Kamera eine entscheidende Rolle dabei, die Bahn des Asteroiden zu bestimmen und die eigene Flugroute anzupassen. Am 14. August etwa korrigierte die ESA den Kurs der Raumsonde allein an Hand von Kamerabildern. Weitere Manöver dieser Art sind geplant.

Für die ESA ist dies ein Novum. Denn bisher setzte die europäische Weltraumagentur Bordnavigation und Radiosignale ein, um im All zu navigieren. „Die außergewöhnliche Qualität der OSIRIS Kamera, speziell ihre räumliche Auflösung, hat unsere Berechnung in dieser Präzision ermöglicht“, sagt Andrea Accomazzo vom Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt mit Hinblick auf die Kurskorrektur.

In sechs Stunden eine Umdrehung um die eigene Achse
Aus den etwa 50 Kamerabildern, die bisher vorliegen, haben die Wissenschaftler zudem bereits erste Eigenschaften von Steins ablesen können: „Der Asteroid braucht etwa sechs Stunden, um sich um die eigene Achse zu drehen, und hat eine unregelmäßige Form“, sagt OSIRIS-Projektleiter Horst Uwe Keller. Der Durchmesser von Steins wird auf etwa fünf Kilometer geschätzt.

Auf genauere Informationen müssen die Forscher noch aber noch bis zum 5. September 2008 warten. Dann wird OSIRIS auch Aufschluss über Helligkeit und Gestalt des Asteroiden geben. Mit einer Auflösung von 15 Metern pro Pixel erlaubt es die Kamera sogar, die Oberflächenbeschaffenheit von Steins im Vorbeiflug genau zu untersuchen.

Eine seltene Klasse von Asteroiden
Um ihren sehr unterschiedlichen Aufgaben gerecht zu werden, besteht OSIRIS aus zwei Instrumenten: einer Weitwinkel- und einer Tele-Kamera. Während die eine die Umgebung von Steins nach Monden absucht, kann die andere dank ihres großen Gesichtsfeldes den gesamten Asteroiden mit hoher Auflösung kontinuierlich beobachten.

Auf dem zehn Jahre dauernden Weg der Sonde zum Kometen Churyumov/Gerasimenko hat sich das Kamerasystem bereits bei Vorbeiflügen an Mars und Erde bewährt. Die anstehende Aufgabe bei der Begegnung mit Steins ist jedoch auch für OSIRIS Neuland. „Steins gehört zu einer seltenen Klasse von Asteroiden“, erklärt Holger Sierks, Leiter des OSIRIS-Teams am MPS.

Neue Erkenntnisse über das frühe Sonnensystem
Anders als bei den meisten Asteroiden gibt es bei Steins Hinweise darauf, dass seine Oberfläche Enstatit enthält. Dieses Mineral setzt sich aus Magnesium, Silizium und Sauerstoff zusammen. Da Asteroiden ebenso wie die Planeten vor etwa 4,6 Milliarden Jahren entstanden sind, erhoffen sich die Wissenschaftler von Steins neue Erkenntnisse über das frühe Sonnensystem.

Neben dem Kamerasystem OSIRIS ist das MPS an sechs weiteren Instrumenten an Bord von Rosetta beteiligt. Bei der anstehenden Begegnung mit Steins werden auch ein Massenspektrometer sowie ein Mikrowelleninstrument die Umgebung des Asteroiden untersuchen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Raumsonde, Rosetta, Asteroiden, Kometen, Steins, Himmelskörper, Weltraum, All, Raumfahrt, Sonnensystem, Minerale, Planeten
Weitere News zum Thema
Sonnenwind schwächt Magnetfeld des Merkur (02.01.2012)
Computermodell deutet auf dämpfende Wirkung des Teilchenstroms hin
Asteroid schubste Merkur in heutigen Tag-Nacht-Rhythmus (12.12.2011)
Einschlag könnte Rotation des Planeten entscheidend verändert haben
Asteroid Lutetia Zeuge der Geburtsstunde der Erde (14.11.2011)
Himmelskörper entstand in den innersten Bereichen des Sonnensystems
Marssonde Phobos Grunt auf Abwegen (09.11.2011)
Technische Probleme bringen Mission vom Kurs ab
Asteroid Lutetia als Urgestein im All (31.10.2011)
Himmelskörper könnte Überbleibsel aus der frühen Phase des Sonnensystems sein
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Marsmission Phoenix Lander
Die Dawn-Mission
Saturnmond Titan
Planeten
Dossiers zum Thema
Rosetta
Auf der Jagd nach dem Kometen
Kometen
Rätselhafte Vagabunden im Weltraum
Meteoriten
Gefahr aus dem All
Dawn – auf dem Weg zum Asteroidengürtel
Start der Weltraummission zur Erkundung von Vesta und Ceres
Besuch beim Herrn der Ringe
Sonde Cassini auf Tour im Saturnsystem
Rätsel Titan
Saturntrabant unter orangefarbenem Schleier
Rückkehr zum Mond
Neuer Run auf den Erdtrabanten
Sturm von der Sonne
Höllenfeuer im Lichtgestirn
News des Tages
Nahester Blick auf Schwarzes Loch
Nanoröhren bringen Ordnung ins Wasser
Rosetta vor Rendezvous mit Asteroid Steins
Kraftsensor steuert Muskelmasse
Windstrom satt aus der Nordsee?
Enzymmangel löst Zelltod aus
Frosch-Inventur auf Borneo erfolgreich
Bücher zum Thema
Chaos im Universum
Astereoiden und Kometen - Fremde Welten - Theorien über das Chaos von Joachim Bublath
Der Weltraum
Planeten, Sterne, Galaxien von Heather Couper & Nigel Henbest
Der Schweif des Kometen
Irrtümer und Legenden über das Universum von Neil F. Comins
Von Apollo zur ISS
Eine Geschichte der Raumfahrt von Jesco von Puttkamer
Was zu entdecken bleibt
Über die Geheimnisse des Universums, den Ursprung des Lebens und die Zukunft der Menschheit von John R. Maddox
Das Universum
"Die Schöpfung" und "Die Sterne"
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes