Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Neue Riesenmuschel enthüllt urzeitliche Überfischung
Tridacna costata wurde schon vor 125.000 Jahren von Menschen dezimiert
Ein internationales Wissenschaftlerteam hat eine bisher unbekannte Riesenmuschel entdeckt. Tridacna costata lebt in Korallenriffen des Roten Meeres und wird bis zu 40 Zentimeter lang. Sie kommt auch fossil vor und hatte früher einen Anteil von 80 Prozent an den Riesenmuschelarten im untersuchten Gebiet.

Riesenmuschel Tridacna costata
Riesenmuschel Tridacna costata
© Malik Naumann / ZMT Riesenmuschel Tridacna costata
Heute gehören nur noch weniger als ein Prozent der gefundenen Muscheln dieser Art an, so die Forscher des Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT), der Universität Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) zusammen mit philippinischen und jordanischen Kollegen in der aktuellen Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Current Biology“. Ihren Rückgang vor etwa 125.000 Jahren betrachten die Forscher als ersten Nachweis von Überfischung in der Geschichte der Menschheit.

Nach den Rote-Liste-Kriterien der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) ist die neue Art - kaum entdeckt - vom Aussterben bedroht.

Verwirrung um die Identität einer Riesenmuschel
„Wir haben Riesenmuscheln für Kultivierungsexperimente gesammelt, als uns Besonderheiten an den Tieren auffielen“, berichtet Professor Claudio Richter vom AWI. Im Rahmen eines deutsch-jordanischen Kooperationsprojektes hat sein Team nach Möglichkeiten gesucht, die Riesenmuschel Tridacna maxima zu züchten. Die Muschel ist bei Aquarianern sehr beliebt und eine erfolgreiche Zucht könnte nicht nur die steigende Nachfrage auf diesem Sektor bedienen, sondern auch die dezimierten Bestände im Roten Meer aufstocken.

Tridacna costata, Seitenansicht
Tridacna costata, Seitenansicht
© Marc Kochzius / Universität Bremen Tridacna costata, Seitenansicht
Während ihrer Forschungsarbeiten in diesem Projekt fand Hilly Roa-Quiaoit von der Xavier Universität (Philippinen), eine Riesenmuschel, die zwar Eigenschaften von zwei im Roten Meer bekannten Arten, aber auch sehr eigene Merkmale aufweist. „Es hat uns schon gewundert, dass bisher niemand über diese deutlich sichtbaren Besonderheiten wie den stark gezackten Schalenrand gestolpert ist“, sagt Richter.

Nachweis einer neuen Tierart
Um die Identität der Muscheln endgültig zu klären, kontaktierten sie den Molekulargenetiker Marc Kochzius von der Universität Bremen. Roa-Quiaoit und Kochzius führten eine genetische Stammbaumanalyse durch, die deutlich zeigt, dass es sich bei Tridacna costata um eine eigenständige Art handelt. Dies ist die erste Neubeschreibung einer Riesenmuschel seit mehr als 20 Jahren.

Weiterführende Untersuchungen zeigten, dass Tridacna costata im Gegensatz zu den beiden Schwesterarten Tridacna maxima und Tridacna squamosa nur auf dem Dach tropischer Riffe im Roten Meer vorkommt und sich anders fortpflanzt.

Fossiler Fund der Riesenmuschel
Fossiler Fund der Riesenmuschel
© Carin Jantzen / ZMT Fossiler Fund der Riesenmuschel
Fossile Muschelfunde zeigen historische Überfischung
Suchten sie zunächst nur nach einer Möglichkeit, einen neuen Organismus für die Aquakultur nutzbar zu machen, überprüften die Forscher daraufhin auch die fossilen Funde von Muscheln aus dem Roten Meer. Sie entdeckten, dass vor etwa 125.000 Jahren bis zu Vierfünftel der Muscheln in der Region der neu beschriebenen Art Tridacna costata angehörten.

„Die Riesenmuscheln sind wahrscheinlich durch eine umfangreiche Nutzung des frühen modernen Menschen stark dezimiert worden“, erklärt Richter. „Tridacna costata lebt festsitzend in flachem Wasser und war somit eine leichte Beute für unsere sich aus Afrika Richtung Mittelmeerraum ausbreitenden Vorfahren.“

Riesenmuscheln werden auch heute noch entlang ihres gesamten Verbreitungsgebietes gegessen, aber auch wegen ihrer Schalen gesammelt. Insgesamt zeigt die unerwartete Entwicklung dieses Forschungsprojektes, wie wichtig es ist, dass Wissenschaftler solch unterschiedlicher Disziplinen wie Paläoökologie und Molekularbiologie zusammenarbeiten.

„Auch in einem leicht zugänglichen Untersuchungsgebiet wie den Flachwasserzonen des Roten Meeres sind nicht einmal gut sichtbare Arten vollständig identifiziert, weshalb die Grundlagenforschung weiter vorangetrieben werden sollte“, so Richter.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Riesenmuscheln, Fossilien, Evolution, Meere, Ozeane, Überfischung, Menschheit, Frühmenschen, Rotes Meer, Korallenriffe, Aussterben, Biodiversität
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Fossilien
Neandertaler
Frühmenschen
Dossiers zum Thema
Lebende Fossilien
Überlebenskünstler oder Auslaufmodelle der Evolution?
Riesen im Tierreich
Erfolgsrezept oder Laune der Natur?
Bernstein
Fenster zur Vergangenheit
Jurassic Garden
Entdeckungsreise in ein Europa lange vor unserer Zeit...
Von Urpferden und Flugmäusen
Die Ausgrabungen in Messel und Stöffel
Der Streit um den Neandertaler
Anmerkungen zur Evolution des Menschen
Projekt Neandertaler
Gene lösen Rätsel um eiszeitlichen Vetter
Mammuts
Eiszeitgiganten zwischen Mythos und Wiedergeburt
Massenaussterben
Katastrophale "Unfälle" der Evolution?
Quallen
Faszinierende Überlebenskünstler der Ozeane
Great Barrier Reef
Bedrohte Wunderwelt des Meeres
News des Tages
Permafrost als Zeitbombe
Brodelndes Inferno unterm Sonnenfleck
Neue Riesenmuschel enthüllt urzeitliche Überfischung
Weintrinker leben länger
Vorläufer-Signale kündigen abrupte Klimaveränderungen an
Chemisches "Doping" verbessert Halbleiter
Bücher zum Thema
Die Welt der lebenden Fossilien
von Walter Kleesattel
Die Ursprünge der Menschheit
von Fiorenzo Facchini
Die Geschichte des Lebens auf der Erde
Vier Milliarden Jahre von Douglas Palmer
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Unter Wasser
von Bill Curtsinger
Die Letzten ihrer Art
Eine Reise zu den aussterbenden Tieren unserer Erde von Douglas Adams und Mark Carwardine
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes