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Freitag, 20.10.2017
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Faustkeile entlarven „dummen“ Neandertaler als Mythos

Neandertaler-Werkzeuge genauso effizient wie Steinklingen des Homo sapiens

Das Vorurteil, Neandertaler seien weniger intelligent als unsere Vorfahren gewesen und deshalb ausgestorben, ist erneut widerlegt. Wissenschaftler haben die Steinwerkzeuge unseres eiszeitlichen „Vetters“ mit denen des frühen Homo sapiens sapiens verglichen und festgestellt dass letztere nicht effizienter als die Neandertalerwerkzeuge waren.
Neandertaler-Faustkeil

Neandertaler-Faustkeil

Für Archäologen sind Faustkeile, Messerklingen und Speerspitzen wichtige Zeugen der Kultur und Lebenswelt unserer Vorfahren. Besonders spannend ist dabei der Übergang der Ära der Neandertaler, unseres eiszeitlichen „Vetters“ zur Dominanz des Homo sapiens sapiens, unseres direkten Vorfahren. Er wanderte vor rund 40.000 Jahren aus Afrika nach Europa ein und verdrängte dabei den Neandertaler. Dieser starb vor rund 28.000 Jahren aus. Warum, ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Vielfach herrscht jedoch die Ansicht, dass der Homo sapiens technisch und kulturell weiter entwickelt war als der europäische Eiszeitmensch.

Die Lehrmeinung besagte demzufolge auch, dass schmalere, feinere Klingen, wie sie der Homo sapiens nach seiner Einwanderung produzierte, effizienter seien und daher ein wichtiger Fortschritt in der Werkzeugherstellung darstellen. Der Neandertaler dagegen nutzte vorwiegend breitere, weniger stark bearbeitete Flintabschläge, die bislang immer als minderwertiger und daher weniger entwickelt galten.

Drei Jahre Feuersteinklopfen


Ein Team von Wissenschaftlern der Exeter Universität in England, sowie der Southern Methodist Universität, der Texas State Universität und der Think Computer Corporation in den USA hat nun die Werkzeuge und ihre Effizient genauer verglichen. Dafür verbrachten die Forscher drei Jahre lang damit, die Herstellungstechniken der Frühmenschen zu lernen und nachzuvollziehen. Sie stellten dabei sowohl die Flintabschläge der Neandertaler und frühen Homo sapiens her, als auch die später von letzeren erzeugten schmalen Klingen. Dabei analysierten sie die Anzahl der in bestimmter Zeit hergestellten Werkzeuge, aber auch wie scharf die Faustkeile waren, wie viel Rohmaterial verbraucht wurde und wie lange die Werkzeuge hielten.


Kein Effizienzvorteil für schmalere Klingen


Überraschenderweise zeigte sich, dass es keine signifikanten Unterschiede in der Effizienz beider Werkzeugtypen gab. Tatsächlich waren in einigen Aspekten sogar die einfacheren Neandertalerklingen denen des Homo sapiens überlegen. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass die Neandertaler keinesfalls weniger intelligent waren als unsere Vorfahren. Zuvor hatten bereits andere Studien Faktoren wie mangelnde Kommunikationsfähigkeit oder geringeres Jagdgeschick als Aussterbeursache widerlegt.

„Unsere Arbeiten greifen eine der Hauptsäulen an, die den lange gehegten Annahme stützen, der Homo sapiens wäre weiter entwickelt gewesen als der Neandertaler“, erklärt Metin Eren, Hauptautor der im Fachmagazin „Journal of Human Evolution“ veröffentlichten Studie. „Es wird Zeit nach anderen Gründen zu suchen, warum die Neandertaler ausgestorben sind, während unsere Vorfahren überlebten. Technisch gesprochen gibt es keine klaren Vorteile eines Werkzeugs gegenüber dem anderen. Wenn wir an Neandertaler denken, müssen wir aufhören, damit Begriffe wie ‚dumm‘ oder ‚weniger entwickelt‘ zu assoziieren, und stattdessen an ‚anders‘ denken.“

Neues Werkzeug als sozialer Kleber?


Wenn die modernen Klingen jedoch keinen technischen Vorteil boten, warum begann der Homo sapiens dann, sie nach seiner Einwanderung nach Europa herzustellen? Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte die Ursache dieser Entwicklung eher kulturell oder symbolisch als technisch gewesen sein. Ähnlich wie der Ipod heute als Statussymbol und Erkennungszeichen einer ganzen Generation von Teenagern dient, waren es damals die schmalen Steinklingen, die Zusammengehörigkeit signalisierten.

„Für den frühen Homo sapiens, der das eiszeitliche Europa kolonialisierte, könnte eine neue, geteilte und etwas hermachende Technologie als eine Art sozialer Kleber dienen, die größere soziale Netzwerke zusammenhielt“, erklärt Eren. „Während harter Zeiten und Ressourcenmangel könnten diese größeren Netzwerke dann als eine Art Lebensversicherung diene, die Austausch und Handel zwischen allen Mitgliedern des gleichen Teams sicherstellten.”
(University of Exeter, 26.08.2008 - NPO)
 
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