Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 03.09.2010
"Schnidi" 1.000 Jahre älter als "Ötzi"
Eisfunde vom Schnidejoch stammen aus der Zeit um 4.500 vor Christus
Archäologische Funde, die seit 2003 auf dem Schnidejoch im Berner Oberland aus dem Gletschereis aufgetaucht sind, haben sich als weit älter erwiesen als bisher angenommen. Sie stammen aus der Zeit um 4.500 vor Christus und sind damit mindestens 1.000 Jahre älter als die Gletschermumie Ötzi. Dies haben Forscher auf einer internationalen Tagung von Archäologen und Klimawissenschaftern in Bern bekannt gegeben.

Fragmente eines Lederschuhs
Fragmente eines Lederschuhs
© Archäologischer Dienst des Kantons Bern Fragmente eines Lederschuhs
Seit die Gletscher schmelzen, gibt das Eis auf der ganzen Welt archäologisch hochinteressante Fundstücke frei. Doch auch für die Klimaforschung liefern diese Gegenstände aus prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit wertvolle Informationen. Erstmals sind nun in Bern Spezialisten aus beiden Forschungsgebieten zusammengekommen, um die Erkenntnisse, die sie aus diesen Funden gewonnen haben, auszutauschen.

Die ältesten Eisfunde in den Alpen
Zu den wichtigsten auf der Tagung präsentierten Forschungsergebnissen zählen neue Altersbestimmungen der insgesamt über 300 Eisfunde auf dem Schnidejoch, einem auf 2.756 Meter über dem Meer gelegenen Übergang zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis, der in klimatisch günstigen Zeiten als Verkehrsweg genutzt wurde.

Forscher fotografieren Fundgegenstände
Forscher fotografieren Fundgegenstände
© Archäologischer Dienst des Kantons Bern Forscher fotografieren Fundgegenstände
Die 2003 bis 2007 entdeckten Objekte reichen von prähistorischen Kleidungsstücken aus Leder und Bast, über einen Köcher und Pfeile, bis zu bronzenen Gewandnadeln und römischen Schuhnägeln. Nun ist das Alter von 46 dieser Fundstücke an der ETH Zürich mit Hilfe der Radiocarbonmethode exakt bestimmt worden. Dabei hat sich gezeigt, dass die Funde rund 1.500 Jahre älter sind als ursprünglich angenommen.

„Wir wissen nun, dass es sich bei den Eisfunden vom Schnidejoch um die ältesten dieser Art in den Alpen handelt“, sagt Albert Hafner, der Leiter des Schnidejoch-Projekts beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern.

Archäologen und Klimaforschende arbeiten zusammen
Ursprünglich war die Tagung, die am Donnerstag und Freitag dieser Woche unter dem Titel „Ötzi, Schnidi und die Rentierjäger: Eisfeldarchäologie und der Klimawandel des Holozäns“ stattgefunden hat, als Bestandesaufnahme der Schnidejoch-Forschung in kleinem Kreis gedacht. Doch das große internationale Interesse am Thema ließ das Treffen zu einem wichtigen wissenschaftlichen Symposium anwachsen - das weltweit erste seiner Art. Bis anhin gingen Archäologen und Klimaforscher bei ihrer Arbeit gewöhnlich getrennte Wege.

Wie die Berner Tagung zeigte, können die beiden Forschungsrichtungen aber durchaus voneinander profitieren. „Dem Einfluss des Klimas auf geschichtliche Entwicklungen wie zum Beispiel Migrationsbewegungen wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt", erklärt der Archäologe Hafner. Und Martin Grosjean, Professor für Geographie an der Universität Bern sowie Direktor des Oeschger Zentrums erklärt: „Die Schnidejoch-Funde erlauben die bis anhin präziseste Rekonstruktion von Gletscherschwankungen im Alpenraum in prähistorischer Zeit.“

DNA-Analyse von 5.000jährigen Lederfunden
Die an der Schnidejoch-Tagung vorgestellten Ergebnisse sorgten bei den Teilnehmern nicht zuletzt aus methodischer Sicht für Aufsehen. Angela Schlumbaum vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel zum Beispiel präsentierte eine DNA-Analyse von 5.000jährigen Lederfunden vom Schnidejoch - ein weltweit einzigartiger Erfolg. Damit steht fest, dass die Hose, welche ein vermutlich verunfallter steinzeitlicher Berggänger bei seinem Marsch zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis trug, aus dem Leder einer Hausziege gefertigt worden war.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schnidi, Ötzi, Archäologie, Eis, Gletscher, Alpen, Leder, Alter, Schnidejoch
Suche
Erweiterte Suche
Special
Überschwemmungen in Pakistan
DOSSIER: Monsun - Lebensbringer und Zerstörer
DOSSIER: Land unter - Vernichtende Fluten auf dem Vormarsch?
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Eismumien
Hochgebirge
Luftbildarchäologie
Dossiers zum Thema
Eismumien
Auf Zeitreise mit Ötzi & Co
Gebirge als Lebensraum
Bedeutung und Bedrohung
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Die Wikinger im Bernsteinland
Auf der Suche nach Siedlungsspuren in Wiskiauten
Luftbildarchäologie
Wenn Archäologen zur Cessna statt zum Spaten greifen
Die Sieben Weltwunder
Monumente für die Ewigkeit?
Die neuen sieben Weltwunder
Eine Medienkampagne und ihr Ergebnis
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
News des Tages
Atmosphäre mit vier statt zwei „Umwälzpumpen“
Kinder mit Hunden werden Schnarcher
Braune Zwerge als stellare Totgeburten
Illegale Pestizide in deutschem Obst und Gemüse
Salmonellen opfern sich für das Gemeinwohl
"Schnidi" 1.000 Jahre älter als "Ötzi"
Bücher zum Thema
Rätsel der Archäologie
Unerwartete Entdeckungen - Unerforschte Monumente von Luc Bürgin
Die Ursprünge der Menschheit
von Fiorenzo Facchini
Unbekanntes Afrika
Archäologische Entdeckungen auf dem Schwarzen Kontinent
Die Pyramiden
Mythos und Archäologie von Peter Janosi
Tauchgang in die Vergangenheit
Unterwasser- archäologie in Nord- und Ostsee von Friedrich Lüth (Hrsg.)
Das Rätsel der Menschwerdung
von Josef H. Reichholf
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Top-Clicks der Woche
1. 3D-Fernsehen ohne Brille
2. Dinofund: „Untersetzter Drache” jagte mit tödlicher Doppelklaue
3. Sommer 2010: Wetterextreme ohne Ende
4. Geologischer Flickenteppich im Mondkrater
5. Nie wieder eiskratzen?