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Freitag, 10.02.2012
Alkoholismus älter als die Menscheit
Auch frühe Primaten tranken schon regelmäßig Alkohol
Den ersten Nachweis von chronischem Alkoholkonsum bei wilden Säugetieren hat jetzt ein internationales Forscherteam im Wissenchaftsjournal PNAS veröffentlicht. Demnach trinken den Vorfahren der Primaten ähnelnde Spitzhörnchen täglich Palmbier und werden dennoch niemals betrunken. Das lässt auf eine positive Wirkung des Alkohols schließen und wirft ein ganz neues Licht auf die Evolution des menschlichen Alkoholismus.

Federschwanzspitzhörnchen mit Senderhalsband
Federschwanzspitzhörnchen mit Senderhalsband
© Annette Zitzmann Federschwanzspitzhörnchen mit Senderhalsband
Theorien zum Alkoholismus gingen bisher davon aus, dass die Menschheit und ihre Ahnen vor der Erfindung des Bieres vor etwa 9.000 Jahren entweder gar nicht an Alkohol gewöhnt waren oder nur an sehr geringe Dosen in überreifen Früchten. Angeblich sind wir für die negativen Auswirkungen des Alkohols und der teilweise erblichen Alkoholsucht so anfällig, weil das Brauen evolutionär
gesehen eine sehr junge Errungenschaft ist, an die wir nicht richtig angepasst sind. Die Menschheit leidet sozusagen unter einem evolutionären Kater.

Jetzt zeigt ein internationales Forscherteam aus Deutschland, Kanada, Luxemburg, der Schweiz und Malaysia unter Leitung der Biologen Frank Wiens und Annette Zitzmann von der Universität Bayreuth jedoch, dass ein regelmäßiger hoher Alkoholkonsum schon sehr früh in der Evolution der Primaten vorkam.

Spitzhörnchen als Modell für frühe Primaten
„Alkoholkonsumierende Spitzhörnchen gehören zu den engsten lebenden Verwandten der Primaten und kommen in ihrer Ökologie und ihrem Verhalten unseren gemeinsamen Ahnen, die vor mehr als 55 Millionen Jahren gelebt haben, sehr nahe“, erklärt Frank Wiens von der Universität Bayreuth und dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, Experte für evolutionäre Physiologie und Erstautor der Studie. „Untersuchungen an diesen faszinierenden Geschöpfen bieten eine ideale Gelegenheit, mehr über die Ursachen und Wirkungen des Alkoholkonsums in einer komplexen natürlichen Umwelt zu lernen."

Spitzhörnchen sind sehr schwierig zu beobachten und zu fangen. Im Dschungel verbringt das Federschwanzspitzhörnchen die Nächte damit, vergorenen Nektar der Bertampalme zu suchen. „Diese Palme braut ihr eigenes Bier. Dabei hilft ein Team von Hefearten, von denen einige der Wissenschaft bisher unbekannt waren," so Wiens. Der höchste im Nektar gemessene Alkoholgehalt lag bei eindrucksvollen 3,8 %. "Das ist mit der höchste Alkoholgehalt, der jemals in einem natürlichen Nahrungsbestandteil gefunden wurde." Die Palme hält ihr stark riechendes Nektarbier über einen langen Zeitraum von eineinhalb Monaten in Blütenknospen bereit bis der Pollen reif ist - wahrscheinlich um ein Klientel von bestäubenden Blütenbesuchern zu garantieren.

Nahaufnahme einer nektarproduzierenden Blütenknospe
Nahaufnahme einer nektarproduzierenden Blütenknospe
© Frank Wiens Nahaufnahme einer nektarproduzierenden Blütenknospe
Chronische Trunksucht per Video enthüllt
Die Videoüberwachung von Palmen und das Ausspähen von Tieren mit Radiohalsbändern ergaben, dass jedes Tier mehr als zwei Stunden pro Nacht Nektar trank. Das war mehr Zeit als für irgendeine andere Nahrung aufwendet wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Pflanzen blüht die Palme kontinuierlich über das ganze Jahr. Der Alkoholkonsum der Spitzhörnchen und deren Trinkkumpanen - sechs andere Kleinsäuger sind meist mit von der Partie - ist deshalb chronisch.

Chronisch im doppelten Sinne, weil das Trinkverhalten vielleicht schon seit über 55 Millionen Jahren so vorkommt. In einem Lebensraum mit Raubfeinden sind durch Alkohol eingeschränkte Sinne ein tödliches Risiko. Trotzdem wies das Forscherteam im Haar der Tiere hohe Konzentrationen von Ethylglukuronid nach. So hohe Konzentrationen dieses Indikators für chronische Alkoholeinnahme zeigen bei anderen Säugern hohen und ungesunden Konsum an.

Alkohol mit positiven Wirkungen
Obwohl Federschwanzspitzhörnchen mit einem Gewicht von 47 Gramm nur etwa doppelt so groß wie eine Maus sind, zeigten sie normale Bewegungen und keinerlei Anzeichen von Trunkenheit. Verglichen mit dem Menschen müssten sie bei ihrem Konsum aber jede dritte Nacht betrunken sein.

Anscheinend können Spitzhörnchen den Alkohol im Körper besonders effizient abbauen. Dass die Spitzhörnchen nicht betrunken sind, schließt jedoch eine Wirkung des niedrigen Alkoholspiegels im Blut nicht aus. Vielmehr vermutet Wiens, dass der Alkohol positive psychologische Effekte hat:
"Alkoholkonsum bei Spitzhörnchen ist ein Ergebnis der natürlichen Selektion. Deshalb sollte für die Tiere unter dem Strich ein Nutzen stehen. In weiteren Studien wollen wir dafür Belege suchen. Wir hoffen, dadurch auch das menschliche Trinkverhalten besser zu verstehen."
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