Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Schimmelpilze: Dunkelheit fördert Sex und Giftproduktion
Wie Licht unterschiedliche zelluläre Prozesse synchronisiert
Die Produktion krebserregender Giftstoffe bei Schimmelpilzen wird durch einen lichtempfindlichen Eiweiß-Komplex der Zellen gesteuert. Dabei ist die Produktion von Toxinen an sexuelle Entwicklungsprozesse der Pilze gekoppelt, die in erster Linie in der Dunkelheit ablaufen. Was dabei im Detail passiert, hat jetzt ein internationales Forscherteam herausgefunden.

Schimmelpilz Aspergillus
Schimmelpilz Aspergillus
© NIH/NIAID
Im Rahmen der Entschlüsselung des molekularen Mechanismus der Koppelung von Toxinproduktion und Pilzentwicklung bei Aspergillen isolierten die Wissenschaftler den so genannten Velvet-Komplex, der im Dunkeln aktiv ist und durch Lichteinwirkung auseinanderfällt. Die neuen Erkenntnisse könnten für die weitere Erforschung von Schimmelpilzen unter pharmazeutischen Aspekten von großer Bedeutung sein, so die Forscher um Professor Gerhard Braus von der Universität Göttingen zusammen mit amerikanischen Kollegen von der Universität von Wisconsin-Madison im Wissenschaftsmagazin „Science“.

„Gießkannenschimmel“ im Visier
Lebensrettende Antibiotika oder krebserregende Giftstoffe - Schimmelpilze produzieren Freunde und Feinde für die Gesundheit des Menschen. Das Göttinger Wissenschaftlerteam hat für seine Forschungen den genetisch gut manipulierbaren Pilz Aspergillus nidulans ausgewählt - die Aspergillen werden wegen ihrer Form auch „Gießkannenschimmel“ genannt. A. nidulans produziert unter Ausschluss von Licht vermehrt den toxischen Stoff Sterigmatocystin. Dieser Giftstoff gehört zu den Aflatoxinen, die als die am stärksten krebserregenden Substanzen auf der Erde gelten.

Im Dunkeln durchläuft der im Boden lebende Schimmelpilz gleichzeitig den sexuellen Entwicklungszyklus, was zur Bildung von Fruchtkörpern für die Fortpflanzung führt. Unter Lichteinfluss werden dagegen asexuelle Sporen und weniger Toxin produziert. Wie Toxinproduktion und Pilzentwicklung miteinander gekoppelt sind, war bislang unbekannt. Das Team um Braus hat nun aufgeklärt, wie diese unterschiedlichen zellulären Prozesse durch Licht synchronisiert werden.

Velvet-Protein als Schlüssel
Die Wissenschaftler haben dazu einen besonderen Eiweiß-Bestandteil der Zelle, das Velvet- oder auch „Samt“-Protein, gentechnisch so mit einer Markierung versehen, dass damit gleichzeitig Interaktionspartner dieses Proteins „gereinigt“ und identifiziert werden konnten. Mit dem Wechselspiel dieser Komponenten konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Velvet-Protein im Dunkeln jeweils einen zentralen Regulator der Toxinproduktion und der sexuellen Entwicklung im Zellkern des Pilzes wie eine Brücke zu einem aktiven Komplex verbindet.

Licht verhindert im Gegenzug, dass das Protein in den Kern eindringen kann und unterbindet damit die Komplexbildung. „Fehlt das Velvet-Protein vollständig, dann zeigen die Pilzkolonien der Aspergillen ein samtähnliches Aussehen, können nicht mehr zwischen Licht und Dunkelheit unterscheiden und produzieren kaum Toxin“, erläutert Braus.

Viele Anwendungsmöglichkeiten
„Da Pilze eine Vielzahl biologischer Wirkstoffe produzieren, ist das Verständnis dieser Zusammenhänge eine wichtige Voraussetzung, um diese Pilzprodukte für Anwendungen in Medizin und Pharmazie nutzbar zu machen“, betont der Wissenschaftler vom Institut für Mikrobiologie und Genetik der Georg-August-Universität.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schimmelpilze, Licht, Sex, Dunkelheit, Gifte, Toxine, Antibiotika, Medikamente, Wirkstoffe, Krebs, Krankheit, Gesundheit
Weitere News zum Thema
Schimmelpilze erleichtern Sanierung bleiverseuchter Böden (16.01.2012)
Organismus baut Schwermetall in stabiles, unschädliches Mineral ein
Schimmelpilze als Pflanzenschutzmittel (28.10.2011)
Genetische Forschung bringt überraschende Erkenntnisse
Alternative zu Antibiotika entwickelt (06.06.2011)
Antimikrobielle Peptide töten Keime ab
WHO: Handystrahlung „möglicherweise krebserregend“ (03.06.2011)
Offizielle Einstufung der Mobilfunk-Strahlung in die Klasse 2B der Karzinogene
Pilze: Gene entlarven Symbionten als Parasiten (18.05.2011)
Studie weist Parasiten-Gene bei Schimmelpilzen der Gattung Trichoderma nach
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Pilze
Dossiers zum Thema
Die wundersame Welt der Pilze
Überlebenskünstler im Verborgenen
Die innere Uhr
Was lässt uns ticken?
Gefährliche Giftmischer
Tiere und ihre Toxine
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Es werde Licht…
Das Phänomen der Biolumineszenz
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
News des Tages
Genetische Verarmung schuld am Tod der Mammuts?
Antarktis: Wilkins-Schelfeis vor dem Kollaps
Gehirn-Tsunamis auch beim Menschen
Molekülzwerge verhindern Zellwanderung
Neue Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer
Schimmelpilze: Dunkelheit fördert Sex und Giftproduktion
Bücher zum Thema
Wissen hoch 12
Ergebnisse und Trends in Forschung und Technik von Harald Frater, Nadja Podbregar und Dieter Lohmann
Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte
Und andere Geschichten aus der Welt der Mikroorganismen von Bernard Dixon
Das Wunder des Lichts
DVD der BBC
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Thema Krebs
von Hilke Stamatiadis- Smidt, Harald zur Hausen und Otmar D. Wiestler
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway