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Montag, 27.03.2017
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Glasnost im Internet

Neue Software prüft Aktivitäten der Internetdienstleister

Internet bedeutet Information für alle und über alles. Doch die Internetdienstleister, die den weltweiten Datenaustausch möglich machen, halten sich nicht an diese Maxime und verbergen, wie sie den digitalen Verkehr im Detail regeln. Manche haben dafür gute Gründe, wie jetzt Wissenschaftler herausgefunden haben.
Geografie der Blockade

Geografie der Blockade

Die beiden US-amerikanischen Dienstleister Comcast und Cox sowie Starhub in Singapur blockieren demnach systematisch Datenströme, die Internet-Nutzer mithilfe der BitTorrent-Software erzeugen. Diese Software hilft große Datenmengen etwa von Musik- oder Filmdateien effizient zu übermitteln. Das Ergebnis ihrer Studie verstehen die Forscher als ersten Schritt eines Projekts, das sie Glasnost nennen. Darin wollen sie die Aktivitäten der Dienstleister mit eigens entwickelter Software transparenter machen.

Einige Millionen Internet-Nutzer weltweit schließen ihre PCs mit BitTorrent zu einem großen Datenspeicher zusammen, aus dem sich jeder Teilnehmer Musik, Filme und andere Dateien auf seine Festplatte laden kann. Filesharing heißt das im Fachjargon, und BitTorrent ist die gebräuchlichste Software, die das ermöglicht. Die Schätzungen, wie viel der Datentausch via BitTorrent am weltweiten Internet-Aufkommen ausmacht, reichen von 15 bis 50 Prozent.

Zumindest die drei Dienstleister Comcast, Cox und Starhub greifen aber immer wieder in den Datentausch ein und blockieren die Datenströme, wie eine Studie des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme in Saarbrücken ergeben hat: Die Dienstleister schicken eine Meldung an Sender und Empfänger der Daten, woraufhin diese die Verbindung kappen.


Blockade zu jeder Tageszeit


Dass Internet-Dienstleister den Datenverkehr reglementieren, haben diese nie verhehlt. Doch sie haben sich stets darauf berufen, nur zu Stoßzeiten einzugreifen, um einen Datenstau zu verhindern. Doch das stimmt zumindest für die drei identifizierten Dienstleister nicht: Sie unterbrechen Verbindungen im BitTorrent-Datentausch rund um die Uhr, wenn auch nicht alle und ohne erkennbaren Zusammenhang zum getauschten Inhalt.

„Mit dem Zweck den Datenverkehr zu entlasten lässt sich das nicht rechtfertigen“, sagt Krishna P. Gummadi. Seine Arbeitsgruppe am Saarbrücker Max-Planck-Institut hat eine Software entwickelt, die sie auf ihrer Website zugänglich machen. Mit dem Programm können Nutzer von BitTorrent testen, ob ihr Dienstleiter das Filesharing manipuliert. Die Testergebnisse von bislang 8.000 Internet-Nutzern weltweit flossen in die aktuelle Studie ein.

Die völlige Blockade ist dabei nur eine Art der Manipulation, die sich mit der Software Saarbrücker Forscher aufdecken lässt: Sie findet auch heraus, ob der Dienstleister den Datenkanal für BitTorrent-Pakete zuschnürt, um die Übertragungsrate zu senken. Die Ergebnisse der Tests fassen die Wissenschaftler zu Studien zusammen. „Welche Dienstleister die Übertragungsdaten gezielt reduzieren, müssen wir noch auswerten“, sagt Gummadi und betont: „Dabei geht es uns nicht darum, bestimmte Anbieter oder die Manipulationen anzuprangern - über die Neutralität des Netzes muss politisch entschieden werden. Wir wollen nur transparent machen, wie die Dienstleister vorgehen.“

In ihrem Projekt Glasnost möchten sie aber nicht nur enthüllen, wie die Dienstleister gezielt den Datenverkehr beeinflussen, sondern auch wie sie ihn generell organisieren: wie viele Pakete sie pro Sekunde befördern, wie lange die Datenpakete vom Sender zum Empfänger brauchen, und ob sich Datenpakete beim Sender oder Empfänger stauen. Diese Erkenntnisse sollen den Entwicklern von Anwendungen wie der Internet-Telefonie helfen, ihre Software an diese technischen Vorgaben anzupassen. Nutzer des Internets können sich anhand der Ergebnisse aber auch einen Dienstleister suchen, der seine Anwendungen am besten unterstützt.

200.000 Besucher an einem Tag


„Zu diesem Zweck entwickeln wir Programme, um die Arbeit der Dienstleiter zu dokumentieren“, sagt Gummadi. Mit einem dieser Programme kann jeder prüfen, ob sein Dienstleiter BitTorrent-Pakete uneingeschränkt transportiert: Ein Server des Saarbrücker Max-Planck-Instituts schickt dem Nutzer auf Anfrage Pakete, die wie BitTorrent-Pakete aussehen - zumindest für den Dienstleister. Gleichzeitig verfolgt das Programm, das Gummadi und seine Mitarbeiter geschrieben haben, ob und wie schnell der Dienstleister die Pakete zum Empfänger bringt.

Anfangs baten die Saarbrücker Forscher nur Kollegen und Freunde den Test anzuwenden. Schnell verbreiteten die über Blogs und einschlägige Foren die Nachricht von der Software. Inzwischen reichen die Kapazitäten des Max-Planck-Instituts längst nicht mehr aus, um alle Anfragen zu bewältigen. 1500 Tests pro Tag sind möglich.

„An einem Tag hatten wir aber sogar 200.000 Besucher auf unserer Seite“, sagt Gummadi. Daher überlegen die Forscher, ob sie ihr Programm nicht auch auf anderen Rechnern installieren sollten. „Wir sind allerdings nicht sicher, ob wir entsprechende Angebote auch von Microsoft, Netscape oder ähnlichen Firmen annehmen sollen“, sagt Gummadi: „Bislang genießen wir unter Internet-Nutzern auch deshalb so hohes Ansehen, weil wir unabhängig sind.“
(MPG, 29.05.2008 - DLO)
 
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