Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Betrüger-Sensor im Hirn entdeckt
Neurowissenschaftler sehen dem Gehirn beim Denken zu
Wenn wir zuschauen, wie jemand einen anderen übers Ohr haut, sind bei uns andere Gehirnbereiche aktiv als wenn wir jemanden beobachten, der einem anderen hilfsbereit zur Seite steht: Dies haben jetzt Bochumer Forscher in einer neuen Studie gezeigt.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
Die Wissenschaftler um Professor Dr. Martin Brüne und Dr. Silke Lissek von der Ruhr-Universität untersuchten die Fähigkeit, gute und böse Absichten anderer zu unterscheiden beziehungsweise vorauszusehen, mittels funktioneller Kernspintomographie.

Damit haben sie eine der am höchsten entwickelten kognitiven Fähigkeiten des Menschen ergründet, und eine der wesentlichen Leistungen, die das menschliche Gehirn auszeichnet. Auch könnten die Ergebnisse ihrer Experimente das Verständnis von Erkrankungen wie Schizophrenie verbessern, bei denen die Fähigkeit zur Unterscheidung guter und schlechter Absichten gestört ist.

Bildergeschichten im Kernspintomographen
Wahrnehmung von Täuschung
Wahrnehmung von Täuschung
© Ruhr-Universität Bochum Wahrnehmung von Täuschung
Die Forscher zeigten in ihrer Studie zunächst gesunden Versuchspersonen, die im Kernspintomographen lagen, Bildergeschichten, die entweder eine kooperative Interaktion zwischen zwei Personen zeigten, oder eine Geschichte, bei der sich eine Person betrügerisch auf Kosten anderer bereichern wollte.

Ergebnis: Während die Betrachtung kooperativer Interaktionen vorwiegend seitliche Gehirnareale - die so genannte Parietal-/Temporalregion - aktivierte, zeigte sich bei der Betrachtung von Täuschungsmanövern zusätzlich eine deutliche Aktivierung in vorderen Hirnregionen (präfrontaler Kortex).

Patienten mit Schizophrenie verarbeiten Geschichten anders
Die nachfolgenden ersten Untersuchungen bei Patienten mit einer Schizophrenie zeigten davon deutlich abweichende Aktivierungsmuster ohne eine entsprechende Hirnaktivität insbesondere in den vorderen Hirnregionen.

Bildergeschichte Täuschung
Bildergeschichte Täuschung
© Ruhr-Universität Bochum Bildergeschichte Täuschung
„Diese Befunde stehen in Übereinstimmung mit der bekannten klinischen Symptomatik bei Patienten mit Schizophrenie, die unter anderem eine deutlich gestörte soziale Interaktion und eine verminderte soziale Kompetenz und Empathiefähigkeit aufweisen“, so Brüne. „Die unterschiedliche Hirnaktivierung ist möglicherweise ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Krankheitsgrundlagen bei der Schizophrenie bzw. bei psychotischen Erkrankungen und damit für die Entwicklung spezifischerer Behandlungsansätze für dieses schwere Krankheitsbild.“

Funktionelle Kernspintomographie erlaubt Blicke aufs Denken
Möglich waren die Studien durch den Einsatz der funktionellen Kernspintomographie (fMRT). Mit diesem Untersuchungsverfahren kann man von außen die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn messen, ohne die Versuchsperson zu belasten. „Es ist damit praktisch möglich, dem Gehirn 'beim Denken zuzusehen'“, beschreibt Lissek.

RUB-Mediziner gründen Neuroimaging-Gruppe
Die jetzt veröffentlichten Studienergebnisse und weitere Untersuchungen zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns zum Beispiel bei hyperaktiven Patienten (ADHS) entstammen einer engen interdisziplinären Kooperation in der Neuroimaging-Gruppe der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität unter der Leitung von Professor Dr. Martin Tegenthoff und Professor Dr. Georg Juckel.

Durch verbesserte Einblicke in die Arbeitsweise unseres Gehirns ist ein besseres Verständnis der Hirnerkrankungen und damit auch die Verbesserung vorhandener Behandlungsmöglichkeiten zu erwarten.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Täuschung, Betrüger, Hilfsbereitschaft, Nervenzellen, Neuronen, Neurobiologie, Schizophrenie, Krankheit, Experimente, funktionelle Kernspintomographie
Weitere News zum Thema
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
Männer erinnern sich besser an Unangenehmes (06.02.2012)
Emotionales Gedächtnis beider Geschlechter unterscheidet sich
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
News des Tages
Myanmar: Mehr als 15.000 Tote durch Wirbelsturm Nargis
E-Mail-Adresse verrät Persönlichkeit
Betrüger-Sensor im Hirn entdeckt
Viren in flagranti erwischt
Schweinekeim statt Vogelgrippe-Virus?
Ist Schönheit messbar?
Bücher zum Thema
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes