Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Computersteuerung per Klopfzeichen
EU-Projekt erforscht berührbare, akustische Schnittstellen
Vielleicht wird man einmal in ein paar Jahren in einem Restaurant sein Menü nicht mehr beim völlig überlasteten Kellner bestellen müssen, sondern signalisiert ganz einfach dem verborgenen Computer durch ein ganz dezentes Klopfen auf die Tischplatte seinen Wunsch. Oder Sie berühren an der Käsetheke leicht die Scheibe und sofort werden für Sie einhundertfünfzig Gramm Emmentaler abgepackt. Das klingt heute noch nach Sciencefiction, muss es aber keineswegs sein, denn ein internationales Wissenschaftler-Team hat im Rahmen eines neuen EU-Projekts daran seine Arbeit aufgenommen.

Maus und Tastatur als Verbindung zum Computer
Maus und Tastatur als Verbindung zum Computer
© MMCD
"Die überwiegende Mehrheit von uns kommuniziert heute mit dem Computer über berührungssensitive Schnittstelle, eine Tastatur, eine Maus, eine Spielekonsole oder einen Touchscreen", sagt Carsten Düsing, der unter Leitung von Prof. Peter Dietz im Institut für Maschinenwesen der TU Clausthal daran forscht, einem Computer beizubringen, einfache Klopfzeichen zu verstehen.

"Jeder geht zwar heute wie selbstverständlich mit einer Tastatur eines Computers um, aber diese Kommunikationsschnittstellen haben eine ganze Reihe von Nachteilen - wir müssen in der Nähe des Computers sein und den Geräten fehlt es an Robustheit, einen verschütteten Kaffee mögen sie nicht. Das aber schränkt den Anwendungsbereich ziemlich ein. Und Spracherkennungssoftware oder die Systeme, die mit Bilderkennung arbeiten, sind oft nur beschränkt einsetzbar", erklärt Professor Peter Dietz.

Wände als Touchscreen
Die Forscher wollen daher eine berührbare, akustische Schnittstelle für die Mensch-Maschinekommunikation verwirklichen. Ein Reiben über die Oberfläche eines Tisches, ein Schaben oder Klopfen, mit einem oder mehreren Fingern, langsam oder schnell, und der verborgene Computer hat verstanden. Das ist die Vision der Ingenieure. Die Wissenschaftler werden untersuchen mit welchen Techniken Wände, Fenster oder eine Tischplatte in ein gigantisches 3D Touch Screen verwandelt werden kann, eine neue intuitiv für jeden verständliche Schnittstelle für die Kommunikation mit der mundfaulen, digitalen Welt des Rechners.

Akustische Wellen als Signale
Das ganze Projekt beruht im Kern auf der Tatsache, dass jede Interaktion mit einem physischen Objekt eine akustische Welle erzeugt - sowohl im Innern des Körpers als auch an dessen Oberfläche. Diese akustischen Muster werden visualisiert und charakterisiert. Dabei wird analysiert, wie diese Körper bei Berührung oder Verschiebung reagieren, so dass ein neues Alphabet der Kommunikation mit dem Computer und der Cyber-Welt entsteht.

Akustische Sensoren werden seit langem vom Militär und auch in zivilen Anwendungen eingesetzt, aber keiner ist für die vorgestellten Multimedia Anwendungen des Tai-Chi Projektes tauglich. Es existieren einige kommerzielle Produkte, aber sie sind auf ebene Glasflächen und bescheidene Abmessungen beschränkt. Dieses Projekt hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, diese Einschränkungen zu überwinden. "Unser Ziel ist, diese Technologie für jedermann erschwinglich zu machen", sagt der Clausthaler Projektleiter Professor Dietz. "Wenn wir das geschafft haben, sind nahezu unbegrenzte Anwendungen vorstellbar."

Das Tai-Chi Projekt, als englische Abkürzung für Tangible Acoustic Interfaces for Computer Human Interactions, wird von der Europäischen Union aus dem 6. Rahmenprogramm finanziert. Die Projektpartner sind die Universität von Wales in Cardiff, Großbritannien, das Zentrum für Technologietransfer in Ingenieurwissenschaften in Genf in der Schweiz, die Universität Genua, das Institut LOA in Paris in Frankreich, das Institut für Maschinenwesen der TU Clausthal sowie die Universität Birmingham in Großbritannien und das Polytechnikum in Mailand in Italien.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Informatik, Computer, Schnittstelle, Akustik, Maus, Tastatur, Technik
Weitere News zum Thema
Hochwasserwarnung per Scheibenwischer (12.04.2012)
Projekt RainCars setzt auf unkonventionelle Messtechnik
Intelligente Roboterhand hält auch rohe Eier (02.04.2012)
Neuartiger Miniaturantrieb ermöglicht viel Fingerspitzengefühl
Überlebenstricks von Bodenmikroben enthüllt (07.03.2012)
Forscher decken Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen auf molekularer Ebene auf
Landkarten: Zoomen soll schöner werden (15.02.2012)
Neue Programmierung macht Ausschnittvergrößerungen von Karten übersichtlicher
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Chips und Neuronen im Dialog
Verbindungen von Nervenzellen und Siliziumtechnologie
Computer der Zukunft
Rechnen mit Quanten, Licht und DNA
Künstliche Intelligenz
Wenn Maschinen zu denken beginnen...
News des Tages
Biocomputer als „Nanoklinik“ im Körper
Londons Zentrum wird zum Internet-Hotspot
Tropfen zu Proteinkristallen...
Wüstenrennmäuse als Pestindikatoren
Schwefelmangel macht Raps weiß und Bienen hungrig
Mit mehr Bildung gegen Aids?
Computersteuerung per Klopfzeichen
Verbrecherjagd per Handy
Bücher zum Thema
Menschmaschinen
Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen von Rodney Brooks
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen