Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 09.02.2010
Rippenqualle als Dorsch-Killer?
Meeresbiologen dokumentieren Zusammenhang
Die aus dem westlichen Atlantik eingewanderte Rippenqualle könnte das gesamte planktische Ökosystem der Ostsee stark verändern: Untersuchungen von Fischereibiologen haben zum ersten Mal gezeigt, dass es in dem wichtigsten Laichgebiet des Dorsches zu einer zeitlichen Überlappung von Mnemiopsis leidyi und Dorscheiern kommt. Um genauer einschätzen zu können, inwieweit die Rippenqualle den Fischbestand beeinträchtigt, sind jedoch weitere Forschungsarbeiten erforderlich, so die Forscher in der Fachzeitschrift „Marine Ecology Progress Series“.

Rippenqualle Mnemiopsis leidyi
Rippenqualle Mnemiopsis leidyi
© IFM-GEOMAR
Seit Jahren ist der Ostseedorsch aufgrund von Überfischung und Umweltbelastungen in seinem Bestand gefährdet. Mit der Entdeckung der fremden Rippenqualle durch Meeresbiologen im November 2006, kam eine weitere potentielle Gefährdung dieser für den kommerziellen Fischfang wichtigen Art hinzu. Die Rippenqualle, die eigentlich an der nordamerikanischen Ostküste beheimatet ist, gelangte vermutlich durch Ballastwassereinträge von Schiffen in europäische Gewässer.

„Blinde Passagiere“
Organismen, die als „blinde Passagiere“ eingeschleppt werden, führen oft zu erheblichen Veränderungen der betroffenen Ökosysteme. Ende der 1980er Jahre war dies beispielsweise nach dem Auftreten von Mnemiopsis leidyi im Schwarzen Meer zu beobachten. Die Rippenqualle hat eine für Fisch bedeutende Ernährungsgewohnheit: sie ernährt sich von Zooplankton, mikroskopisch kleine Lebewesen im Ozean. Damit ist der fremde Gast einerseits Nahrungskonkurrent der Fische, andererseits ernährt sich die Rippenqualle auch von den Fischlarven und -eiern und kann damit zur Dezimierung der Bestände beitragen. Ob die fremde Rippenqualle als so genannter Bruträuber eine potentielle Bedrohung der Fischbestände in der Ostsee darstellt, war unter anderem Ziel der Untersuchungen von mehreren Expeditionen mit dem Forschungsschiff „Alkor“ im Jahr 2007.

Bei den Arbeiten im Bornholm Becken haben die Meeresbiologen vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) gemeinsam mit dänischen Kollegen ein so genanntes Multischließnetz eingesetzt, das eine in fünf Meter Tiefenstufen aufgelöste Probennahme von Planktonorganismen bis zu einer Tiefe von 90 Metern ermöglicht. Damit sammelten die Wissenschaftler auch Rippenquallen, bei denen sie Fischeier im Magendarmtrakt identifizierten.

Nahrungsnetz in Gefahr?
„Als wir die Eier in der Rippenqualle entdeckten, ist uns klar geworden, welche Auswirkungen dieser Organismus auf das gesamte planktische Ökosystem der Ostsee haben könnte“, berichtet Holger Haslob, Erstautor der Studie. Damit bestätigt sich der Verdacht der Meeresbiologen, dass die eingeschleppte Rippenqualle einen Einfluss auf das Überleben von frühen Lebensstadien der Fische hat, nämlich auf die Eier und Larven, und somit auch auf die weitere Entwicklung des Dorschbestandes.

Forscher am IFM-GEOMAR werden die weitere Ausbreitung und Auswirkung der Rippenqualle in der Ostsee auch in Zukunft genau im Auge behalten, denn die damit verbundenen Konsequenzen haben eine potentiell große Bedeutung für das Ökosystem. Hier wäre mit dem Dorsch eine Fischart betroffen, die in dem Ökosystem an der Spitze der marinen Nahrungskette steht.

Demnach könnte Mnemiopsis leidyi das gesamte pelagische Nahrungsnetz der zentralen Ostsee durch den Wegfraß von Dorscheiern und anderen Planktonorganismen nachhaltig verändern.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Rippenquallen, Fische, Dorsch, Ostsee, Meer, Ozean, Ökologie, Plankton, Ökosystem, Gewässer, Überfischung, Umwelt, Artenvielfalt, Biodiversität
Weitere News zum Thema
Mensch stammt nicht vom Schwamm ab (06.04.2009)
Forscher legen neue Erkenntnisse über den Stammbaum des Lebens vor
Quallen als Sackgasse der Evolution? (27.01.2009)
Studie: Höhere Tiere stammen nicht von niederen Tieren ab
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Quallen
Heiße Quellen
Kalte Quellen
Eisfische
Dossiers zum Thema
Angriff der Exoten
Tierische und pflanzliche Einwanderer auf Erfolgskurs?
Quallen
Faszinierende Überlebenskünstler der Ozeane
Die große Zählung
Bestandsaufnahme in den Meeren der Welt
Geheimnisvolle Tiefsee
Von Mythen, Monstern und Manganknollen
Leben im Wassertropfen
Ein Kosmos für sich
Bedrohtes Paradies Wattenmeer
Wo der Meeresboden begehbar ist...
Alleskönner Alge
Von Sushi bis zur Blauen Biotechnologie
News des Tages
Verlorene Stadt als Wiege des Lebens?
Klima: Immer schneller immer wärmer
Nano-Falle friert Elektronen-Spin ein
Rippenqualle als Dorsch-Killer?
Viel mehr Pestizide im Essen als gedacht?
Klimawandel bringt Süßwasserhaushalt durcheinander
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Unter Wasser
von Bill Curtsinger
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
von Josef H. Reichholf
Top-Clicks der Woche
1. Pluto so scharf wie nie zuvor
2. Spiderman-Haftkraft bald für alle?
3. Aids: Schlüssel-Enzym nach 20 Jahren „geknackt“
4. Rätsel um Synapsen gelöst
5. Asteroiden-Kollision erzeugt „Pseudo-Komet“