Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Auch Zebrafinken orientieren sich am Erdmagnetfeld
Neue Hypothesen zur Wirkung von elektromagnetischen Feldern auf den Organismus
Nicht nur Zugvögel, sondern auch Vögel, die keine längeren Wanderungen unternehmen wie Zebrafinken nutzen das Erdmagnetfeld, um sich zu orientieren. Dies haben jetzt deutsche Forscher in einer neuen Studie herausgefunden.

Magnet Erde
Magnet Erde
© MMCD
Sie dressierten in einem Experiment die Tiere darauf, eine Futterquelle im Norden oder Süden zu finden. Drehten die Wissenschaftler danach das Magnetfeld mit einem Spulensystem um 90 Grad, so suchten die Vögel die versteckte Futterquelle im Osten oder Westen.

Elektromagnetische Felder als Gesundheitsgefahr
Vom Menschen erzeugte elektromagnetische Felder sind als „Elektrosmog“ bekannt. Besonders die von Handys erzeugten Magnetfelder stehen seit langem unter Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein, ohne dass es dafür bisher handfeste Beweise gibt.

Weniger bekannt ist, dass nicht nur Tiere, sondern auch Menschen ein Sinnessystem besitzen, das für die Wahrnehmung von magnetischen Feldern vorgesehen ist. So benutzen viele Tiere das Erdmagnetfeld zur Orientierung.

Das Bielefelder Forscherteam um den Biologen Professor Hans-Joachim Bischof und Joe Voß hat sich das Ziel gesetzt aufzuklären, über welche Mechanismen und mit welchen Sinnessystemen schwache Magnetfelder wahrgenommen werden können. Außerdem untersucht sie, wie sich künstliche elektromagnetische Felder auf diese Wahrnehmungsleistung und auf Sinnessysteme auswirken.

Ein bemerkenswertes Zwischenergebnis ist nun der Nachweis, dass sich nicht nur Zugvögel am Erdmagnetfeld orientieren, sondern auch der standorttreue Zebrafink. Dieser Nachweis gelang der Studentin Nina Keary in ihrer von Joe Voß betreuten Diplomarbeit.

Nebenaufgabe des Sehsystems
Menschen nehmen Magnetfelder nicht bewusst wahr und nutzen sie daher auch nicht für die eigene Orientierung. Aber ihre Wahrnehmung von Helligkeitsunterschieden und das Auflösevermögen der Augen werden von Änderungen des Magnetfeldes beeinflusst. Darüber gibt es eine große Zahl von Fallstudien, die einen Einfluss von Magnetfeldern auf das Befinden vermuten lassen, diesen aber nicht wissenschaftlich belegen.

Eisenpartikel und Pigmente als Rezeptoren
Bis heute ist nicht endgültig geklärt, mit welchem Rezeptor Magnetfelder wahrgenommen werden. Bei Untersuchungen an Zugvögeln, und auch bei den Bielefelder Versuchen an Zebrafinken, haben sich zwei Möglichkeiten herauskristallisiert: So besitzen Vögel einerseits an ihrem Schnabel eine Unzahl von winzigen Eisenpartikeln, die durch das Magnetfeld wie Kompassnadeln abgelenkt werden könnten. Um diese Partikel herum sind freie Nervenenden angeordnet, die diese Ablenkungen messen und die Ergebnisse der Messungen ins Gehirn übertragen könnten.

Andererseits könnten auch Pigmente in den Fotorezeptoren des Auges als Rezeptoren dienen. Änderungen der Magnetfeldrichtung würden dann zur jeweiligen Aktivierung unterschiedlicher Pigmentgruppen führen, was letztlich zum Gewinn relevanter Information für die Orientierung führen würde. Die bisherigen Ergebnisse machen es wahrscheinlich, dass die Magnetfeldwahrnehmung eine „Nebenaufgabe“ des Sehsystems ist.

Nie wieder „Elektrosmog“?
Versuche an Zugvögeln haben gezeigt, dass deren Fähigkeit zur Magnetorientierung durch bestimmte hochfrequente Wechselfelder gestört werden kann. Weil Zebrafinken im Gegensatz zu Zugvögeln ganzjährig zur Verfügung stehen, sind mit ihnen umfangreiche Testserien auf Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse möglich. So können die Vögel auch in elektromagnetischen Wechselfeldern getestet werden, die durch Geräte des täglichen Gebrauchs erzeugt werden.

In ihrer Doktorarbeit wird sich Nina Keary neben der weiteren Aufklärung der basalen Mechanismen der Magnetfeldwahrnehmung besonders dem Einfluss von künstlichen elektromagnetischen Feldern auf die untersuchten Wahrnehmungsmechanismen widmen. Folgende Effekte sind dabei nach Angaben der Bielefelder Forscher denkbar. Erstens: Nur elektromagnetische Felder mit einem relativ begrenzten Frequenzumfang stören die Magnetfeldwahrnehmung. In diesem Fall könnten die störenden Frequenzen bestimmt werden und diese Information in Zukunft genutzt werden, um störungsfreie Trägerfrequenzen im Mobilfunkbereich oder anderen relevanten Anwendungen zu etablieren.

Zweitens: Die Störung der Magnetfeldwahrnehmung bewirkt sekundäre Effekte auf die Funktion des visuellen Systems. Diese Effekte sind nicht bewusst wahrnehmbar, führen aber, wie bestimmte unterhalb der Bewusstseinsschwelle ablaufende Effekte künstlicher visueller Stimulation (z.B. durch die Wechselfrequenz von Leuchtstoffröhren) zu Unwohlsein. Auch hier können die Ergebnisse herangezogen werden, um täglich genutzte Hardware zu verbessern und für den Organismus verträglicher zu gestalten.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Vögel, Orientierung, Elektrosmog, elektromagnetische Felder, Gesundheit, Sinne
Weitere News zum Thema
Borreliose-Risiko in Ostdeutschland am höchsten (27.04.2012)
Neue Karte zeigt Verteilung der Risikogebiete
Fledermäuse als Virenreservoir (25.04.2012)
Zahlreiche Krankheitserreger in Fledermausarten entdeckt
Laubenvögel haben Zierpflanzen-Gärten (24.04.2012)
Rund um die Bauten der Tiere siedelt sich mit der Zeit dekorative Vegetation an
Kohlmeisen reagieren unterschiedlich auf die Tageslänge (24.04.2012)
Deutsche Wildvögel beachten einzelnen langen Tag weniger stark als schwedische
Forscher identifizieren Arthrose bei einem Dinosaurier (24.04.2012)
Caudipteryx ist das älteste bekannte Tier mit Verschleiß an den Fußgelenken
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zebrafinken
Dossiers zum Thema
Magnet Erde
Kommt die große Umpolung?
Sind Vögel auch nur Menschen?
Den individuellen Unterschieden im Sexualverhalten von Zebrafinken auf der Spur
Zugvögel
Von Interkontinentalflügen und Weltenbummlern
Kampf um die Kinderstube
Tricks und Strategien bei der Brutpflege
Gruppen, Rudel, Schwärme
Viele sind besser als einer
Elektrosmog
Handys - Gefahr am Ohr?
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
News des Tages
Kosmische Explosion sprengt Altersrekord
Doppelsterne speien Anti-Elektronen
Auch Zebrafinken orientieren sich am Erdmagnetfeld
Kinder erben Panik
Forscher heilen Nanomaschinen
Wurst: Proteine statt Fett
Bücher zum Thema
Nomaden der Lüfte
Das Geheimnis der Zugvögel von Jaques Perrin
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Elektrosmog
Grundlagen, Grenzwerte, Verbraucher- schutz von Katalyse.V. e
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen