• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Dienstag, 25.07.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Streit um streitbaren Klimaforscher

Wissenschaftler greifen in Kontroverse um Kritik an der medialen Darstellung des Klimawandels ein

Er ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands und scheut sich auch nicht, falsche oder überholte Klima-Berichterstattung in den Massenmedien zu kritisieren: Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane und Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, PIK. Kürzlich musste er sich deshalb herbe kritik von Seiten der Medien gefallen lassen. Jetzt gehen Mitforscher in die Offensive und beschweren sich mit einem „Zwischenruf“ über die ihrer Ansicht nach ungerechtfertigte Kritik.

Streit um Kritik an Berichterstattung


In letzter Zeit haben sich wiederholt Kritiker der etablierten Klimawissenschaft in deutschen Medien und Sachbüchern mit Aussagen zu Wort gemeldet, die falsch, oder längst überholt sind und dennoch von Redaktionen und Lektoren ungeprüft veröffentlicht wurden. Darauf hatte der Klimaforscher Stefan Rahmstorf, in der Zeitschrift Universitas und (gekürzt) am 31. August 2007 in der FAZ mit einem detailreichen Artikel hingewiesen.

Klimaforscher Rahmstorf

Klimaforscher Rahmstorf

Mehrere der von Rahmstorf erwähnten Autoren nutzten daraufhin die Gelegenheit zu einer Replik in der FAZ vom 5. September 2007. Anstatt sich jedoch mit den konkreten Vorwürfen Rahmstorfs in der Sache auseinanderzusetzen, geschah dies in der Form eines persönlichen Angriffs auf ihn ("Dschihad", "fanatische Verfolgung Andersdenkender"). Doch damit nicht genug: SPIEGEL-online stilisierte am 12. September die Kontroverse zu einem Kampf um die Person hoch (Titel "Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf"). Schließlich veröffentlichte die WELT am 9. Oktober einen Essay von Jan-Philipp Hein, der Rahmstorf als "Deutschlands lautesten Klimaforscher" bezeichnet.

“Zwischenruf“ als Appell für Kurskorrektur


Die Debatte hat damit endgültig das eigentliche Thema - die sachlich falschen und irreführenden Aussagen der "Skeptiker" - aus den Augen verloren, das kritisieren jetzt Forscherkollegen des Wissenchaftlers. Ihrer Ansicht nach haben die Angriffe auf die Person Rahmstorfs den Rahmen des Erträglichen verlassen. Sie wollten die Diskussion deshalb mit einem „Zwischenruf“ nun wieder auf die Frage nach dem Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in populären Medien zurückholen.


Aus Sicht der Klima- und Klimafolgenforschung müsse dazu folgendes klargestellt werden:

„Erstens, der dominierende menschliche Anteil an den Ursachen des Klimawandels wird von keinem seriösen Experten in Zweifel gezogen. Dieser Konsens in der Wissenschaft besteht schon länger und wird immer wieder überprüft. Er beruht nicht, wie manchmal vermutet wird, auf einer Art „Mehrheitsentscheidung", sondern auf seit langem bekannten physikalischen Zusammenhängen. Trotz zahlreicher Versuche konnte auch bisher niemand ein plausibles Gegenmodell vorlegen“, so die Wissenschaftler.

Zweitens sei es in einer offenen Gesellschaft von größter Bedeutung, dass die Bewertung aller wissenschaftlichen Fakten öffentlich geschehe und dass dabei jede Meinung zu Wort komme, sei sie auch noch so abstrus - hier herrsche ja auch kein Mangel, wie die Kolumnen und Bücher der von Rahmstorf benannten Autoren belegen. Im Gegensatz zur Grundlagenerforschung sei dies eine politische Debatte - und ebenso notwendig. Dass man dabei je nach Überzeugung zu unterschiedlichen Bewertungen und Forderungen an die Politik komme, sei selbstverständlich.

Drittens aber gehört es nach Überzeugung der Zwischenruf-Autoren zur journalistischen Sorgfalt und zur Verantwortung von Sachbuchautoren gegenüber ihren Lesern, dass einmal als sachlich falsch entlarvte Aussagen nicht unendlich oft unverändert wiederholt werden. Geschehe dies dennoch, dann müsse der Eindruck entstehen, dass den Autoren mehr an Irreführung als an Aufklärung gelegen sei.

Journalistische Sorgfaltspflicht bemängelt


Das Fehlen eben dieser Sorgfalt und Verantwortung gegenüber dem Leser war der eigentliche Gegenstand von Rahmstorfs Artikel und sein Vorwurf wurde bisher auch nicht entkräftet, darauf weisen die Wissenschaftler hin. Stattdessen wurde versucht, die Kritik von Rahmstorf an den Skeptikern und an den Medien, die deren Behauptungen ungeprüft wiedergeben, als "Kreuzzug" zu brandmarken.

Kein Forscher ist unfehlbar und weder Professorentitel noch angesehene Institute oder Zeitschriften sichern automatisch die Richtigkeit von Forschungsergebnissen. Aber die Wissenschaft hat Mechanismen entwickelt, durch die Irrtümer entdeckt und bei Bedarf widerlegt werden können. Zu diesen gehört, dass alle Daten und Analysen jederzeit vollkommen offen gelegt und der Prüfung durch anerkannte Fachleute unterzogen werden ("peer review"). Keine seriöse Publikation kann ohne solche Prüfung erscheinen und kein seriöses Institut kann ohne sie öffentlich finanziert werden.

Mutiger Versuch, auf Fehler hinzuweisen


Für die Unterzeichner des Zwischenrufs, darunter Forscherpersönlichkeiten wie Prof. Dr. Gerald Haug von der ETH Zürich oder Prof. Dr. Peter Hennicke vom Wuppertal-Institut, wird in der schriller werdenden Debatte eine Besorgnis erregende Tendenz in den Medien sichtbar, die besondere Qualität wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu unterschlagen und sie mit beliebigen Meinungen gleichzustellen. Noch schwerer wiegt für sie, dass ein Wissenschaftler, der diese Vorgehensweise aufdeckt und publik macht, damit rechnen muss, öffentlich gebrandmarkt zu werden.

„Stefan Rahmstorfs Beitrag war ein mutiger Versuch, auf die offensichtlichen sachlichen Fehler in der Argumentation einiger Zweifler aufmerksam zu machen und die Medien aufzufordern, sorgfältiger als bisher zu recherchieren. Welche Schlüsse Kommentatoren, Kolumnisten und Politikredakteure aus den wissenschaftlichen Fakten ziehen, bleibt ihnen überlassen. Aber die Fakten müssen stimmen“, so die Wissenschaftler abschließend.
(Leibniz-Gemeinschaft, 25.10.2007 - NPO)
 
Printer IconShare Icon