Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Medizin-Nobelpreis für „Knockout-Mäuse“
Auszeichnung geht an drei Genforscher
Der Reigen der Nobelpreise hat begonnen. Heute um 11.00 Uhr verkündete das Nobel-Komitee die Träger des Medizin-Nobelpreises 2007. Ausgezeichnet werden drei Genforscher, die US-Amerikaner Mario Capecchi und Oliver Smithies sowie an den Briten Martin J. Evans. Sie entwickelten eine Technik, mit der bei Mäusen gezielt einzelne Gene ausgeschaltet werden können und so deren Funktion untersucht werden kann.

Knockout-Mäuse
Knockout-Mäuse
© NIH Knockout-Mäuse
Die als “Gene targeting” bezeichnete Methode zählt heute zu einem der wichtigsten Werkzeuge der modernen Biotechnologie. Sie wird sowohl in der Grundlagenforschung als auch bei der gezielten Suche nach neuen Wirkstoffen eingesetzt. Mehr als zehntausend Gene, und damit nahezu die Hälfte des gesamten Säugetiergenoms, konnten damit bereits „ausgeschaltet“ und ihre Funktionen untersucht werden. Mehr als 500 Mausmodelle menschlicher Krankheiten wurden so geschaffen.

Ansatzpunkt: Genaustausch zwischen Chromosomen
Basis des gezielten Gen-Ausschaltens ist die Tatsache, dass fast alle Gene in unseren Zellen immer in zwei Kopien vorliegen, auf jedem Chromosom eines Chromosomen-Paares eine. Der Austausch von DNA-Sequenzen zwischen den beiden Chromosomen, die so genannte homologe Rekombination, trägt zur genetischen Variation in einer Population bei.

Die Wissenschaftler Mario Capecchi und Oliver Smithies kamen nun beide auf die Idee, diese homologe Rekombination zu nutzen, um gezielt Gene von Säugetieren zu beeinflussen. Capecchi demonstrierte in Versuchen, dass diese Form der Rekombination auch zwischen einer künstlich in das Genom eingeschleusten DNA-Sequenz und den Chromosomen funktioniert und zeigte, dass auf diese Weise sogar defekte Gene gezielt ersetzt werden können.
Smithies ging von Versuchen aus, mutierte Zellen im menschlichen Knochenmark zu reparieren. Dabei belegte er, dass der Genaustausch durch homologe Rekombination unabhängig vom Aktivitätszustand der Gene stattfindet. Er funktioniert sowohl bei aktiven als auch bei ruhenden Genen.

Entdeckung der embryonalen Stammzellen
Mit ihren Entdeckungen hatten Capecchi und Smithies zwar einen Weg geebnet, um Gene gezielt auszutauschen. Was ihnen aber noch fehlte, war eine Möglichkeit, ganze Organismen zu züchten, die diese veränderten Gene in allen ihren Zellen und Geweben besaßen. Und hier kam der Dritte im Bunde, Martin Evans ins Spiel. Er hatte mit an Krebsstammzellen aus Mäuseembryonen gearbeitet. Diese stammen zwar aus Tumoren, können aber, wie andere embryonale Stammzellen auch, prinzipiell noch alle Zelltypen erzeugen.

Evans schwebte vor, diese Zellen als Vehikel zu nutzen, um genetisches Material in die Keimbahn von Mäusen einzuschleusen und damit die künstlich erzeugten Genveränderungen an die nächste Generation weiterzugeben. doch zunächst scheiterte er, da die Chromosomen der Krebsstammzellen Anomalitäten enthielten, die die Entstehung gesunder Keimzellen verhinderte. Daraufhin entdeckte er, dass es in den frühen Stadien von Mäuseembryonen Zellen gab, die normale Chromosomen besaßen, nicht aus Tumoren stammten und trotzdem noch alle Zelltypen bilden konnten – die embryonalen Stammzellen.

Schema der Produktion von Knockout-Mäusen
Schema der Produktion von Knockout-Mäusen
© Nobel Foundation Schema der Produktion von Knockout-Mäusen
Aber konnte er mit ihrer Hilfe die Keimbahn der Mäuse genetisch verändern? Um dies zu testen injizierte er Embryos eines Mäusestamms embryonale Stammzellen eines anderen Stamms. Es entstanden so genannte „Mosaik-Embryos“, die Zellen beider Stämme enthielten. Die entstehenden Mäuse kreuzte Evans miteinander und untersuchte, ob sich die Gene aus den künstlich eingeschleusten Genen auch noch in deren Nachwuchs fanden. Als dies tatsächlich der Fall war, hatte Evans damit bewiesen, dass er mithilfe der injizierten Stammzellen fremde Gene in die Keimbahn und damit dauerhaft in ihre Erbinformation eingebracht hatte.

Die erste Knockout-Maus
1986 waren so alle Voraussetzungen für die Methode des „gene targeting“ erfüllt: Capecchi und Smithies konnten gezielt Gene mithilfe der homologen Rekombination ansteuern und Evans wusste, wie man Erbinformation in die Keimbahn eines Organismus einschleust. Beide Methoden kombiniert führten 1989 schließlich zur ersten „Knockout-Maus", einem Mäusestamm, bei dem ein bestimmte Gen dauerhaft ausgeschaltet war. Seither ist die Anzahl solcher Stämme exponentiell gestiegen.

Mit ihrer Hilfe wurden die Gene dingfest gemacht, die Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder die Thalassämie hervorrufen, aber auch diejenigen, die die Herausbildung unserer Körperform während der Embryonalentwicklung steuern. Ohne die Knockout-Mäuse wäre auch die Forschung an Möglichkeiten der Gentherapie kaum denkbar. Kaum ein Bereich der Biomedizin und Biotechnologie kommt heute noch ohne sie aus. Und genau deshalb hat das Stockholmer Nobelkomitee den drei Forschern den Medizin-Nobelpreis verliehen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Genetik, Stammzellen, Gene, Mäuse, Knockout-Mäuse, Rekombination, Chromosomen, Biotechnologie, Biomedizin, Krankheitsgene,
Weitere News zum Thema
Manipulierte Pflanze wächst im Stockdunkeln (15.05.2012)
Ausgetauschtes Sensormolekül gaukelt Ackerschmalwand die Gegenwart von Licht vor
Zellen eines Tumors sind genetisch verschieden (08.05.2012)
Krebstherapie erfasst häufig nur Teile der entarteten Zellen
Ein vertauschter Genbuchstabe macht Südseebewohner blond (04.05.2012)
Forscher finden die Ursache für die hellen Haare vieler Melanesier
Eisbären entstanden bereits vor 600.000 Jahren (20.04.2012)
Wie eine Erbgutanalyse zeigt, ist die Art fünf Mal so alt wie bisher gedacht
Ein Gen macht harmlosen Pilz zum Erreger (10.04.2012)
Forscher identifizieren möglichen Ansatzpunkt gegen Candida
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Krebs
Genetik
Dossiers zum Thema
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Gentherapie
Hybris oder Heilsbringer?
Klonen - Menschen nach Maß?
Der Griff nach dem menschlichen Erbgut
Stammzellquellen gesucht
Auf vier Wegen zurück zum „Alleskönner“
Genpatente
Wem gehört das Leben?
Projekt Neandertaler
Gene lösen Rätsel um eiszeitlichen Vetter
Apoptose – der programmierte Zelltod
Die Lizenz zum Töten
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
News des Tages
Medizin-Nobelpreis für „Knockout-Mäuse“
Ab jetzt lebt die Menschheit ökologisch „auf Pump“
Hormone im Mutterleib schuld an Transsexualität?
Gene vom Vater fördern Artspaltung
Kuckuck ist Vogel des Jahres
Berliner sterben am seltensten an Herzinfarkt
Gefrorene HI-Viren helfen Impfstoffforschern
Bücher zum Thema
Forschung an embryonalen Stammzellen
von Gisela Badura-Lotter
Wissen Hoch 12
von Harald Frater und Christina Beck
Liebling, Du hast die Katze geklont!
von Reinhard Renneberg, Jens Reich, Manfred Bofinger
Dolly
Der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter von Colin Tudge, Ian Wilmut & Keith Campbell
Die sieben Töchter Evas
Warum wir alle von sieben Frauen abstammen - revolutionäre Erkenntnisse der Gen-Forschung von Bryan Sykes
Ingenieure des Lebens
DNA-Moleküle und Gentechniker von Huub Schellekens und Marian C Horzinek (Übersetzer)
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen