Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Wie Apfelschädlinge immun werden
Genveränderung bei Insekten setzt Pflanzenschutzmittel außer Kraft
Viruspräparate werden schon seit Jahren als umweltfreundliche biologische Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Doch wie so oft, ist es den Schädlingen inzwischen gelungen nachzurüsten: Eine Genveränderung macht den Apfelwickler 100.000-fach unempfindlicher gegenüber einem im Ökoanbau bewährten Viruspräparat. Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, wie diese Virusresistenz bei den Insekten vererbt und weitergegeben wird. Sie berichten über ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe von Science.

Apfelwickler
Apfelwickler
© Olaf Leillinger/Creative Commons 2.5/GNU FDL Apfelwickler
Baculoviren sind natürlich vorkommende Krankheitserreger von Insekten. Mit ihnen lassen sich einzelne Schadinsektenarten gezielt bekämpfen, ohne dass andere nützliche Insekten oder Lebewesen Schaden nehmen. Im Apfelanbau bekämpfen Obstbauern mit dem Apfelwicklergranulosevirus die gefräßigen Larven des Apfelwicklers. Doch inzwischen reagieren diese in einigen ökologischen Obstanlagen zunehmend unempfindlicher auf die biologischen Präparate, wie Wissenschaftler der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) aus Darmstadt und der Universität Hohenheim 2005 herausfanden. In insgesamt 13 Apfelanlagen in Südwestdeutschland sind virusresistente Apfelwickler nachgewiesen worden. Es handelt sich um die weltweit erste Feldresistenz gegenüber einem Baculoviruspräparat.

Ein Team von Wissenschaftlern – unter ihnen Forscher vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz, der Biologischen Bundesanstalt Darmstadt, der Universität Hohenheim und dem Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena - hat nun herausgefunden, wie diese Virusresistenz bei den Insekten vererbt wird. Das Resistenz-auslösende Gen befindet sich auf den Geschlechtschromosomen der Insekten - das ist ein entscheidender Faktor für die rasche Entstehung resistenter Apfelwickler.

Eine einzige Genveränderung reicht
Während beim Menschen die Geschlechtsbestimmung über die Chromosomen X und Y erfolgt - die Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, die Männer ein X- und ein Y-Chromosom - ist es bei Apfelwicklern, deren geschlechtsbestimmende Chromosomen Z und W heißen, genau umgekehrt: Hier haben die Insekten-Weibchen den geschlechtsbestimmenden ZW-Typ und die Männchen ZZ. Wie die Wissenschaftler festgestellt haben, genügt eine einzige Genveränderung auf dem Z-Chromosom der Apfelwickler-Weibchen, um sie fast 100.000-fach weniger anfällig für die Infektion durch das Virus zu machen.

Larve des Apfelwicklers
Larve des Apfelwicklers
© DLR Rheinpfalz Larve des Apfelwicklers
Solche hochresistenten Weibchen geben bei der Paarung mit nichtresistenten Männchen das auf ihrem Z-Chromosom sitzende Resistenzgen an ihre männlichen Nachkommen weiter. In der ersten Folgegeneration gibt es nur Männchen, die auf einem ihrer beiden Z-Chromosomen die Resistenz tragen. "Unsere Versuche haben ergeben, dass solche Männchen bei einer niedrigen Virusdosis noch in der Lage sind, sich zu verpuppen", berichtet Johannes Jehle vom DLR Rheinpfalz. Sie überleben also den Einsatz des biologischen Pflanzenschutzmittels und geben ihr Resistenzgen an die nächste Generation weiter. "In späteren Generationen entwickeln sich dann aber Männchen, die auf beiden Z-Chromosomen die Resistenz tragen und dadurch ebenso hohe Virusdosen überleben können wie die resistenten Weibchen", so der Leiter des Forschungsteams.

Resistenz in Rekordzeit
"Dieser Vererbungsweg ist die denkbar effizienteste Form für die Insekten, um eine Resistenz möglichst schnell zu verbreiten", erläutert David Heckel, Direktor der Abteilung Entomologie am Max-Planck-Institut in Jena: "Wenn der Apfelbauer in solchen Anlagen einen zunehmenden Apfelwicklerbefall feststellt und die Virusmenge erhöht, bewirkt er fatalerweise das Gegenteil: Die Resistenzentwicklung wird beschleunigt und das Gen kann sich rasch in der Insektenpopulation verbreiten."

Granuloseviren
Granuloseviren
© BBA Granuloseviren
Trotz dieser für die Obstbauern alarmierenden Forschungsergebnisse sind Jehle und seine Kollegen optimistisch. Denn parallel zur Aufklärung des Vererbungsmechanismus werden seit 2006 neue Virus-Isolate getestet, die die festgestellte Resistenz weitgehend brechen. In diesem Jahr wurden bereits vielversprechende Feldversuche in Deutschland, Italien, Frankreich und in der Schweiz durchgeführt. Um die Wirksamkeit dieser Viruspräparate möglichst lange zu erhalten, wird es wichtig sein, Strategien zum Resistenzmanagement zu entwickeln, wie man sie auch von chemischen Pflanzenschutzmitteln kennt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Apfel, Schädling, Resistenz, Pflanzenschutzmittel, Gen, Chromosomen
Weitere News zum Thema
Forscher beobachten Elektronen im Molekül (18.10.2011)
Neue Erkenntnisse könnten Solarzellen effektiver machen
Gen für Apfelaroma identifiziert (23.05.2011)
Wichtiger Schritt zur Aufklärung molekularer Grundlagen und zur gezielten Geschmackszüchtung gelungen
Gene beeinflussen „Hüftgold“ (12.10.2010)
Internationale Studie entdeckt neue Genvarianten für Übergewicht und Fettverteilung
Genom löst Herkunftsrätsel des Apfels (31.08.2010)
Erste fast vollständige Entschlüsselung der DNA von „Golden Delicious“
Protein-Gegenspieler steuern Vakuolenbildung von Pflanzen (18.08.2010)
Neue Einblicke in die Entstehung des Speicherorgans der Pflanzenzelle
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Genetik
Dossiers zum Thema
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Gefährliche Giftmischer
Tiere und ihre Toxine
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Alles öko, oder was?
Landwirtschaft im Wandel
Phytohormone
Überlebenswichtige Botenstoffe im Pflanzenreich
News des Tages
Schaben: Dumm am Morgen, Genies am Abend
Atomkerne mit Spin-Gedächtnis
Raumsonde „Dawn“ auf Asteroiden-Jagd
Wasserspaltung mit Sonnenlicht
Wie Apfelschädlinge immun werden
Feinstaub: Bürger haben Recht auf saubere Luft
Geographen diskutieren über Katastrophen
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gentechnik bei Pflanzen
von Frank Kempken, Renate Kempken und Kerstin Stockmeyer
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Das Geheimnis des Lebens
Genetik, Urknall, Evolution von Joachim Bublath
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway