Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Hauptakteur bei Allergien bekämpft auch Bakterien
Mastzellen spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Infektionen
Bestimmte Zellen des Immunsystems - die sogenannten Mastzellen - spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Allergien. Aber das ist noch nicht alles: Denn sie haben auch eine wichtige Funktion bei der Abwehr bakterieller Infektionserreger: Sie locken mit Hilfe chemischer Botenstoffe weitere Zellen an den Infektionsherd, die die Eindringlinge zerstören und unschädlich machen. Das zeigt eine neue, in der Fachzeitschrift „Cellular Microbiology“ veröffentlichte Studie.

Mastzelle (braun) mit Listerien (rot).
Mastzelle (braun) mit Listerien (rot).
© Helmholtz- Zentrum für Infektionsforschung Mastzelle (braun) mit Listerien (rot).
In den Industrienationen leiden immer mehr Menschen unter Allergien. Bei dieser Fehlfunktion des Immunsystems reagiert der Körper auf harmlose Stoffe wie Blütenpollen oder Bestandteile der Nahrung, als würden Bakterien oder Viren einen Angriff starten: Mastzellen werden fälschlicherweise alarmiert. Sie schütten Substanzen aus, die weitere Teile der körpereigenen Krankheitsabwehr mobilisieren. Die Blutgefäße erweitern sich; es kommt zu Entzündungsreaktionen und Atemnot - den klassischen Symptomen eines allergischen Schocks.

Genaue Funktion bisher unklar
Bisher wussten Forscher nur von dieser unrühmlichen Funktion der Mastzellen. „Uns war zwar klar, dass dieser Zelltyp bei der bakteriellen Infektabwehr irgendeine Rolle spielen muss", erklärt der Projektleiter am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Siegfried Weiß. „Aber welche das ist - da tappte die Wissenschaft bisher im Dunkeln." Für den wissenschaftlichen Durchbruch untersuchten Weiß und seine Mitarbeiter Labormäuse. „Die Tiere haben genauso wie wir Menschen im Grunde zwei Immunsysteme, ein angeborenes und ein durch die Abwehr von Infektionserregern antrainiertes", so Weiß. „Die Mastzellen gehören zum angeborenen Immunsystem, das besonders schnell aber dafür auch unspezifisch auf Krankheitserreger reagiert."

Um dem Geheimnis der Mastzellen auf die Spur zu kommen, entfernte Nelson Gekara bei Versuchstieren die Mastzellen. Danach infizierte er die Mäuse mit Listeria-Bakterien. Die Tiere konnten die Mikroorganismen bei weitem nicht so gut bekämpfen wie eine Vergleichsgruppe, die noch Mastzellen besaßen. „Bei diesen Mäusen haben wir uns dann die Mastzellen mal im Detail angesehen", erläutert Gekara seine weitere Arbeit. „Sie hatten selbst gar keine Listerien zerstört.“

Allergie-Auslöser aus „Langeweile“
Die Mastzellen machten vielmehr denselben Job wie bei einer Allergie - sie sonderten Botenstoffe ab: Damit lockten sie andere Bestandteile des Immunsystems an - wie beispielsweise Fresszellen - und aktivierten sie. „Und diese Immunzellen haben dann die Listerien aufgenommen, zerkleinert und unschädlich gemacht“ beschreibt Gekara die Wirkung.

Zwar hat die Wissenschaft Mastzellen bisher nur mit dem Krankheitsbild Allergie in Verbindung gebracht. „Aber uns war klar, dass der Körper normalerweise keine Waffen auf sich selbst richtet", erläutert Weiß: „Allergien und damit die Fehlfunktion der Mastzellen sind eine Folge unserer Hygiene. In einer Umgebung mit höherer Keimbelastung haben die Mastzellen genug Infektionen zu bekämpfen, so dass sie sich nicht auf harmlose Stoffe einschießen. Bei einem ‚zivilisierten’ Menschen langweilen sie sich gewissermaßen - und bekämpfen dann auch mal Pollen oder Nahrungsbestandteile."
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Immunsystem, Allergie, Bakterien, Mastzellen, Listerien, Infektion
Weitere News zum Thema
Schiffslärm stresst Wale körperlich (08.02.2012)
Forscher finden Abbauprodukte von Stresshormonen in Wal-Kot
Umweltgifte schwächen Impfschutz von Kindern (26.01.2012)
Perfluorierte Tenside hemmen schützende Immunreaktion
Wann Nervenzellen „Iss mich“ rufen (25.01.2012)
Forscher enthüllen Schalter, der über Leben und Tod der Neuronen entscheidet
Zucker fürs Gehirn (17.01.2012)
Wissenschaftler entschlüsseln Mechanismus zur Verhinderung des programmierten Zelltods von Nervenzellen
Stammzellen aus Nabelschnurblut könnten Diabetes Typ 1 heilen (11.01.2012)
Umerziehung des Immunsystems schützt Insulin-produzierende Zellen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Apoptose
Bakterien
Dossiers zum Thema
Allergien
Wenn die Abwehr Amok läuft...
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Der bewohnte Mensch
Unseren "Untermietern" auf der Spur
Lebenselixier Blut
„Ein ganz besondrer Saft“
Vogelgrippe
Vom Tiervirus zur tödlichen Gefahr für den Menschen
News des Tages
Meteorit schuld am Tod der Mammuts?
Partnerwahl: „Gesunde“ Gene sind Trumpf
Tropische Baumarten gehen sich aus dem Weg
Hauptakteur bei Allergien bekämpft auch Bakterien
Kinderspielzeug noch immer giftig
Auch Fledermäuse haben Herpes
Vitamin E überrascht Forscher
Bücher zum Thema
Der Kampf zwischen Mensch und Mikrobe
2 CDs (Audio CD) von Stefan H. E. Kaufmann (Erzähler), Klaus Sander (Produzent)
Der kleine Medicus
von Dietrich H. W. Grönemeyer
Menschen, Seuchen und Mikroben
Infektionen und ihre Erreger von Jörg Hacker
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes