Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Warum Mäuse nicht wie Kaninchen hoppeln
Nervenzell-Netzwerke im Rückenmark steuern die Beinbewegungen beim Laufen
Ob ein Tier hoppelt oder seine Beine abwechsend bewegt, hängt von der Verschaltung einer Gruppe von Nervenzellen im Rückenmark ab. Jetzt haben Neurobiologen herausgefunden, dass ein einziges Protein ausreicht, um die gesamte Signalkaskade so zu stören, dass laufende Mäuse zu Hopplern werden. Wie das geschieht berichten sie jetzt in „Nature“.

Kaninchen
Kaninchen
© GFDL Kaninchen
Kaninchen bewegen beim Laufen ihre Beine parallel: Beide Vorderbeine zusammen und beide Hinterbeine. Und weil sie deshalb hoppeln, findet jedermann sie putzig. Mäuse dagegen laufen, indem sie sowohl ihre Vorderbeine als auch ihre Hinterbeine abwechselnd bewegen. Für die Laufbewegung der Extremitäten von Säugetieren sind Mustergeneratoren im Rückenmark verantwortlich - Gruppen von Nervenzellen, die die Beinmuskulatur steuern. Ob die Beine eines Tieres sich beim Laufen parallel oder abwechselnd bewegen, wird durch die Verschaltung der Nervenzellen in diesen Mustergeneratoren bestimmt.

Die Wissenschaftler Andrea Betz und Heike Wegmeyer vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin haben nun gemeinsam mit Rüdiger Klein und Joaquim Egea vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried und Kollegen der Universität Uppsala in Schweden die Grundlagen eines Entwicklungsprozesses entschlüsselt, der die genaue Verknüpfung derjenigen Nervenzellen sicherstellt, die das Laufverhalten von Mäusen steuern.

Nervenzellfortsätze im Rückenmark von normalen und gentechnisch veränderten Mäusen
Nervenzellfortsätze im Rückenmark von normalen und gentechnisch veränderten Mäusen
© Max-Planck-Institut für Neurobiologie Nervenzellfortsätze im Rückenmark von normalen und gentechnisch veränderten Mäusen
Eine Barriere im Rückenmark
Die alternierenden Laufbewegungen von Mäusen und vielen anderen Tieren werden durch Nervenzellen eines zentralen Mustergenerators im Rückenmark kontrolliert. Diese Nervenzellen sind normalerweise so verschaltet, dass eine gleichzeitige paarweise Bewegung der beiden Vorder- oder Hinterbeine vermieden wird. Die entsprechende Verschaltung wird während der frühen Entwicklung des Nervensystems ausgebildet und durch molekulare Barrieren gesteuert, die es auswachsenden Fortsätzen von Nervenzellen verbieten, von einer Seite des Rückenmarks in die gegenüberliegende Seite einzuwachsen.

Als Barriere an der Mittellinie des Rückenmarks fungieren dabei EphrinB3-Proteine, die sich nähernde Nervenzellfortsätze zum Rückzug zwingen, indem sie EphA4-Rezeptoren auf deren Oberfläche aktivieren. Die Aktivierung dieser Andockstellen auf den Nervenzellfortsätzen führt zu deren Kollaps - ein Effekt der durch den Zusammenbruch des Zellskeletts verursacht wird. Bisher war unbekannt, wie EphA4-Rezeptoren das Barriere-Signal der EphrinB3-Proteine ins Zellinnere fortleiten und so den Zusammenbruch des Zellskeletts und den Kollaps von Nervenzellfortsätzen auslösen.

Protein bringt Zellskelet zum Kollabieren
In ihrer in der Fachzeitschrift Neuron veröffentlichten Studie gelang den Wissenschaftlern nun der Nachweis, dass ein spezifischer Regulator des Zellskeletts, alpha-2-Chimaerin, für die Fortleitung des von EphrinB3 ausgelösten Kollaps-Signals verantwortlich ist. Durch EphrinB3 aktivierte EphA4-Rezeptoren stimulieren alpha-2-Chimaerin. Diese Aktivierung führt über einen weiteren Signalschritt zur Hemmung eines Enzyms, das für die Stabilität des Zellskeletts verantwortlich ist, und leitet so den Kollaps auswachsender Nervenzellfortsätze ein.

Bei Mäusen, die auf Grund einer gezielten genetischen Manipulation kein alpha-2-Chimaerin herstellen können, ist dieser Prozess ausgeschaltet. Die Folge: eine Fehlverschaltung des für die Steuerung der Laufbewegung verantwortlichen zentralen Mustergenerators. Die genetisch veränderten Mäuse aktivieren ihre Vorder- und Hinterbeine parallel - und hoppeln wie Kaninchen.

Mögliche Therapie bei Lähmungen
Ähnlich wie bei Mäusen werden auch die Laufbewegungen des Menschen durch zentrale Mustergeneratoren im Rückenmark gesteuert. Diese werden wahrscheinlich nach ähnlichen Prinzipien verschaltet, wie sie nun bei Mäusen entschlüsselt wurden. Die Erkenntnisse der Göttinger und Martinsrieder Wissenschaftler geben deshalb Anlass zur Hoffnung, dass bestimmte Lähmungen in Zukunft durch Manipulationen des neu entdeckten Signalwegs behandelt werden können.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Laufen, Nervensystem, BEwegung, Rückenmark, Gehirn, Steuerung, Hoppeln, Laufen, Beine, Biologie, Maus, Kaninchen
Weitere News zum Thema
Tempolimit auf dem Quanten-Highway (03.02.2012)
Erstmals enthüllt eine Messung, wie schnell sich Quantensignale in einem Vielteilchensystem ausbreiten
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Krebs (03.02.2012)
Auswirkungen ähnlich stark wie beim Rauchen
Schlaf-Apnoe erhöht das Risiko für Schlaganfälle (02.02.2012)
Nächtliche Atemaussetzer gefährden auch das Gehirn
In 24 Millionen Generationen von der Maus zum Elefanten (31.01.2012)
Forscher ermitteln maximale Wachstumsrate der Evolution bei Säugetieren
Wie Zellen ihren Müll entsorgen (24.01.2012)
Forscher entschlüsseln die Struktur der zellulären Proteinabbau-Maschinerie
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Was der Gang verrät...
Bewegungsmuster: Von „Cat Walks“ und Westernhelden
Spione im Kraftwerk der Natur
Auf der Suche nach der künstlichen Fotosynthese
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Die innere Uhr
Was lässt uns ticken?
Das Geheimnis des Fliegens
Tierischen Flugkünstlern auf der Spur
News des Tages
Erster Blick auf „Legosteine“ des Universums
Mini-Dino torpediert Vogel-Evolution
Nervenschutz durch „Händchenhalten“ zweier Proteine
Buntbarsche reisen in Weltall
Natürliche Feinde erhalten die Vielfalt
Warum Mäuse nicht wie Kaninchen hoppeln
Bücher zum Thema
Dem Rätsel des Riechens auf der Spur
Grundlagen der Duft- wahrnehmung von Hanns Hatt
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Das Leben der Säugetiere
von David Attenborough, Dan Jones, und Ben Salisbury
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes