Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.09.2010
Klimawandel: Mehr Pflanzenwachstum, aber weniger Nährstoffe
Erster Freilandversuch testet Auswirkungen eines erhöhten CO2-Gehalts auf Kulturpflanzen
Welche Erträge bringen Kulturpflanzen, wenn der Kohlendioxid -Gehalt der Atmosphäre im Zuge des Klimawandels weiter steigt? Dieser Frage geht eine in „Nature“ veröffentlichte Studie deutscher Forscher nach. Erste Freilandversuche unter erhöhtem CO2-Gehalt deuten daraufhin, dass das Wachstum zwar gefördert wird, aber dafür der Nährstoffgehalt zurückgehen könnte.

Agrarforscher Weigel auf den Versuchsfeldern
Agrarforscher Weigel auf den Versuchsfeldern
© M. Welling Agrarforscher Weigel auf den Versuchsfeldern
Weltweit gibt es nur wenige Erkenntnisse über das Verhalten von Pflanzen, die auf der freien Ackerfläche in einer veränderten Atmosphäre wachsen. Kein Wunder: Solche Experimente unter freiem Himmel sind äußerst aufwändig. Im Rahmen eines FACE-Projekts (Free Air Carbon Dioxide Enrichment) hat ein Team um Professor Hans-Joachim Weigel aus dem Institut für Agrarökologie der FAL in Braunschweig über sechs Jahre untersucht, wie sich die Erträge und die Qualität von Winterweizen, Zuckerrüben und Wintergerste in einer Fruchtfolge verändern, wenn die Luft über dem Feld nicht die heute üblichen 380 ppm Kohlendioxid aufweist, sondern 550 ppm - ein Wert, der in etwa 50 Jahren erwartet wird.

Allgemein geht man von einem "CO2-Düngeeffekt" aus, da die Pflanzen CO2 für ihre Photosynthese nutzen und bei einem verstärkten Angebot dieses Gases besser wachsen können. Doch - und hier setzt der Nature- Artikel an - wie hoch ist dieser Zuwachs wirklich und wie verhält es sich mit den Qualitätseigenschaften des Ernteguts?

Stärkeres Wachstum aber weniger Proteine
Zwar gehen Wissenschaftler wie der amerikanische Bodenforscher Bruce Kimball aus Arizona aufgrund ihrer Experimente mit einer angereicherten Atmosphäre davon aus, dass sich ein erhöhter CO2-Gehalt generell positiv auf die Ertragshöhe auswirkt, doch kann es manche unverhoffte Überraschung beim Nährwert geben. Denn der Eiweißgehalt bei vielen Pflanzenarten war in den Experimenten deutlich reduziert. Vielleicht könnte hier eine verstärkte Stickstoff-Düngung helfen, denn Stickstoff ist eine wichtige Komponente bei der Eiweißsynthese.

"Begasungsringe" erzeugen eine CO2-Konzentration von 550 ppm
© FAL
Diese Erwartungen dämpft Hans-Joachim Weigel: "Bei manchen Feldfrüchten bräuchte man dazu mehr Dünger, als man im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz vertreten kann", resümiert er in dem Nature-Artikel. Grund für diese Einschätzung sind unter anderem Analysen aus Garching bei München.
Dort hat Dr. Herbert Wieser von der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA) den Weizen aus Weigels FACE-Versuchen zu Brotmehl weiterverarbeitet und den Proteingehalt gemessen. Gerade die für die Backqualität entscheidenden Gluten-Eiweiße waren um rund 20 Prozent vermindert.

Rückgang von weiteren wichtigen Inhaltsstoffen
Bruce Kimball fand ähnliche Proteinverminderungen in Baumwollblättern. Durchaus wahrscheinlich, dass auch andere Pflanzen wie Weidegras bei höherem CO2-Gehalt weniger Eiweiß bilden. Die großen amerikanischen Rinderherden vor Augen wirft Kimball die Frage auf, wie wohl die pflanzenfressenden Nutztiere auf dieses reduzierte Eiweißangebot im Futter reagieren.

Und es gibt Anzeichen - unter anderem aufgrund von Untersuchungen der Arbeitsgruppe von Professor Andreas Fangmeier an der Universität Hohenheim - dass neben Proteinen auch andere für die Ernährung wichtige Inhaltsstoffe wie Vitamin C und mineralische Spurenelemente in den Pflanzen zurückgehen. "Auch wenn es keinen Anlass für Panik gibt, sollten wir diese Ergebnisse ernst nehmen", sind sich Kimball und Weigel in dem Nature-Artikel einig. Und Weigel gibt zu bedenken: "Noch haben wir zu wenig Datengrundlagen, um all diese Dinge seriös abschätzen zu können."

Doch warum ist es so wichtig, möglichst jetzt schon zu wissen, wie die Pflanzen auf das veränderte CO2-Angebot in 50 Jahren reagieren? Den Forschern ist klar, dass die Züchtung neuer Sorten eine lange Vorlaufzeit braucht. Wenn man also auch künftig Kulturpflanzen zur Verfügung haben will, die optimal an die äußeren Gegebenheiten angepasst sind, sollten die Züchter so früh wie möglich wissen, welche Parameter sie in ihre Zuchtprogramme aufnehmen müssen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Klimawandel, Kohlendioxid, CO2, Pflanzenwachstum, Ernte, Nährstoffe, Landwirtschaft, Proteine, Dünger, Klimafolgen
Weitere News zum Thema
Eiszeit: Ende im Norden kalt, im Süden warm (09.09.2010)
Gletscherrückzug in Neuseeland belegt Erwärmung der Südhalbkugel
Erste hochauflösende Karte zeigt Wald- Kohlenstoffbilanz (07.09.2010)
Entwaldung steigert Kohlendioxidemissionen gleich zweifach
Weltwasserwoche 2010: Bald globale Wasserkrise? (07.09.2010)
Jeden Tag sterben 4.000 Kinder durch verschmutztes Wasser
Erste Defizite in der Pflanzenbestäubung durch Bienenschwund (06.09.2010)
Klimawandel desynchronisiert zeitliche Rhythmen von Blüte und Insektenaktivität
Hitzewellen: Wälder kühlen mit Verspätung (06.09.2010)
Neue Studie zur Kühlung der Atmosphäre vorgelegt
Suche
Erweiterte Suche
Special
11. September 2001: Dossier: Spurensuche am Ground Zero
Dossier: Die Angst nach dem Terror
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
Klimakiller Methan
Landwirtschaft als Treibhausgas-Schleuder?
Wohin mit dem CO2?
Auf der Suche nach „Endlagern“ in Untergrund und Ozeanen
Treibhaus Kreidezeit
Klimawandel in der Erdgeschichte
Pionierpflanzen
Leben aus dem Nichts
Alles öko, oder was?
Landwirtschaft im Wandel
News des Tages
Emotionen machen auf einem Auge blind
Gefährliche Liebschaften unter Pflanzen
Klimawandel: Mehr Pflanzenwachstum, aber weniger Nährstoffe
Musik verändert das Gehirn
Korallen aufs Maul gschaut
Super-Stahl für sichere Autos
Ausweispflicht – auch für Zellen
Bücher zum Thema
Sechs Pflanzen verändern die Welt
Chinarinde, Zuckerrohr, Tee, Baumwolle, Kartoffel, Kokastrauch von Henry Hobhouse
Die Zukunft ist wild
Unsere Welt in Jahrmillionen von Dougal Dixon and John Adams
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Top-Clicks der Woche
1. Größte Karte menschlicher Genunterschiede
2. Rätsel um tödliches Schlangengift gelöst
3. Dinofund: „Untersetzter Drache” jagte mit tödlicher Doppelklaue
4. Meereswurm mit „Köpfchen“
5. Erste Defizite in der Pflanzenbestäubung durch Bienenschwund