Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Emotionen machen auf einem Auge blind
Bilder und Situationen mit emotionalem Kontext sind in der Wahrnehmung dominant
Trauer, Zorn, Freude, Angst - wenn sich solche oder andere Gefühle auf einem Gesicht spiegeln, dann nimmt ein anderer Mensch diese Information bevorzugt wahr. Neutrale visuelle Reize blendet er in diesem Moment weitgehend aus. Das berichten Psychologen der Universität Würzburg in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins Emotion.

Emotionen dominieren unsere Wahrnehmung
Emotionen dominieren unsere Wahrnehmung
© SXC Emotionen dominieren unsere Wahrnehmung
Sei es beim Stadtbummel, in einem Konzert oder in den eigenen vier Wänden: Auf den Menschen strömen ununterbrochen zahlreiche Eindrücke aus seiner Umgebung ein. Ständig sind seine Sinnesorgane und sein Gehirn damit beschäftigt, diese Informationen zu analysieren, zu bewerten und sie mit dem richtigen Verhalten zu beantworten. Das sichert ihm letzten Endes das Überleben. So kann es beispielsweise von Vorteil sein, aggressive Personen in einer Menschenmenge schnell zu erkennen und sich in dieser Situation nicht von belanglosen Geschehnissen ablenken zu lassen.

Experiment testet selektive Wahrnehmung
„Die bevorzugte Wahrnehmung emotionaler Informationen ermöglicht es uns, schnell und effektiv auf bedeutsame Ereignisse zu reagieren", erklärt der Psychologe Georg W. Alpers. Allerdings gibt es bislang nur wenige experimentelle Daten, die beweisen, dass emotional relevante Bilder tatsächlich auch andauernd intensiver wahrgenommen werden als neutrale Eindrücke.

Hierfür haben die Würzburger Psychologen jetzt neue Belege erarbeitet. Sie zeigten 30 Versuchspersonen Fotos mit ärgerlichen, ängstlichen, freudigen, überraschten und neutralen Gesichtsausdrücken von jeweils acht unterschiedlichen Frauen. Diese Bilder bekamen die Probanden in einer speziellen Art und Weise präsentiert. Immer war ein emotionales mit einem neutralen Gesicht kombiniert. Die Versuchsteilnehmer blickten durch ein Stereoskop, so dass ihr rechtes Auge nur das eine Gesicht sah, das linke dagegen nur das andere. Mit dieser Versuchsanordnung lässt sich die Verarbeitung visueller Reize untersuchen.

Unterschiedliche Bilder – unterschiedliche Verarbeitung
Normalerweise empfangen die Augen unabhängig voneinander Informationen aus der Umwelt, die dann zu einem sinnvollen räumlichen Wahrnehmungseindruck vereinigt werden. Passen aber, wie in dem beschriebenen Experiment, die jedem Auge präsentierten Dinge nicht zueinander, kann das Gehirn die Eindrücke nicht eindeutig verarbeiten.

In einem solchen Fall tauchen darum die Bilder in der bewussten Wahrnehmung im steten Wechsel auf: Für kurze Zeit ist jeweils ein Bild dominant, während das andere unterdrückt ist - der Mensch wird gewissermaßen vorübergehend auf einem Auge blind. Zwar sind beide Bilder durchgehend vorhanden, im Bewusstsein taucht aber immer nur eines auf. Auch ein Mischprodukt aus Teilen beider Bilder kann das Resultat einer solchen Präsentation sein. Willentlich kann der Mensch diese Vorgänge nicht beeinflussen. Im Experiment mussten die Probanden dann durch das Drücken verschiedener Tasten anzeigen, ob sie ein emotionales, ein neutrales oder ein Mischbild wahrnahmen.

Emotionale Bilder dominant
Es zeigte sich, dass die bewusste Wahrnehmung der Testpersonen nicht etwa gleichmäßig zwischen den beiden Gesichtern hin und her wechselte. Stattdessen nahmen sie die emotionalen Gesichter häufiger zuerst und dann auch deutlich länger wahr. Ob die gezeigten Gefühle positiv oder negativ waren, spielte dabei keine Rolle. Als die Psychologen den Versuch mit gezeichneten Gesichtern wiederholten, bestätigte sich der Befund. Also haben Eigenschaften der Fotos, zum Beispiel Schatten im Gesicht oder Ähnliches, auf das Ergebnis keinen Einfluss.

Schließlich zeigten die Forscher wieder Fotos von Frauengesichtern, blendeten aber während der Darbietung gelegentlich einen kleinen Punkt in das emotionale oder in das neutrale Bild ein. Diesen Punkt sollten die Probanden möglichst schnell entdecken. Und erneut zeigte sich die Dominanz der emotionalen Bilder: Die Testpersonen fanden die Punkte in den gefühlsgeladenen Fotos häufiger und schneller als in den neutralen - was zeigt, dass die Ergebnisse des ersten Experiments nicht nur durch eine Erwartungshaltung der Probanden zu Stande kamen.

"Die Welt, wie wir sie sehen, ist nicht objektiv. Was wir sehen, wird dadurch beeinflusst, welche Bedeutung die verschiedenen Dinge für jeden Einzelnen von uns haben. Und Emotionen haben offensichtlich für uns Alle eine große Bedeutung", so das Fazit von Alpers Mitarbeiterin Antje B.M. Gerdes. Derzeit arbeitet die Forschungsgruppe mit Patienten, die an einer Spinnenphobie leiden. Die Psychologen wollen herausfinden, ob diese Menschen Spinnen tatsächlich stärker wahrnehmen. Sie hoffen auf neue Erkenntnisse über Phobien und auf verbesserte Therapiemöglichkeiten.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Wahrnehmung, Emotionen, Sehen, visuelle Information, Gehirn, Bilder, Verarbeitung, Reize, Signale, Neurobiologie
Weitere News zum Thema
Kurzzeitgedächtnis beruht auf Synchronisation (01.02.2012)
Kooperation von Gehirnregionen entscheidend für das Erinnern
Homo sapiens: Besserer Geruchssinn als der Neandertaler (14.12.2011)
Riechhirn und damit verbundene Hirnbereiche waren bei unseren Vorfahren größer
Welt-AIDS-Tag 2011: 73.000 HIV-Infizierte in Deutschland (01.12.2011)
Situation in Afrika noch immer besonders prekär
Gefahr: Gehirn ist sofort in Alarmbereitschaft (28.11.2011)
Noradrenalin bringt rasche Reorganisation von Hirnfunktionen in Gang
Meditation verändert Verknüpfungen im Gehirn (22.11.2011)
Neuronale Veränderungen bleiben auch im Alltag erhalten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Duft
Von der Nase ins Gehirn
Die innere Uhr
Was lässt uns ticken?
Schönheit
Symmetrie, Kindchenschema und Proportionen
Symmetrie
Geheimnisvolle Formensprache der Natur
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
Partnerwahl
Zwischen Intuition und Kalkül
News des Tages
Emotionen machen auf einem Auge blind
Gefährliche Liebschaften unter Pflanzen
Klimawandel: Mehr Pflanzenwachstum, aber weniger Nährstoffe
Musik verändert das Gehirn
Korallen aufs Maul gschaut
Super-Stahl für sichere Autos
Ausweispflicht – auch für Zellen
Bücher zum Thema
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes