Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 19.03.2010
Großhirn „taktet“ Schlaf
Forscher belegen das Zusammenspiel von Hirnregionen im Schlaf
Der Thalamus, ein Teil des Zwischenhirns, wird oft als "Tor zum Bewusstsein" bezeichnet, da er von der Außenwelt kommende Sinnesreize filtert und zum Großhirn weiterleitet. Ein Computermodell, das die Auswirkungen von Schwingungen der Großhirnrinde während des Schlafes auf den Thalamus simuliert, haben jetzt Physiker und Neurowissenschaftler entwickelt. Erste Messungen bestätigen, dass die Großhirnrinde im Schlaf als Taktgeber für den Thalamus arbeitet.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
Den Kieler Forschern Jörg Mayer, Professor Heinz Georg Schuster und Dr. Jens Christian Claussen gelang es zusammen mit Matthias Mölle von der Universität Lübeck sogar, den Mechanismus zu identifizieren, der die thalamischen Schwingungen steuert. "Dies könnte in Zukunft ermöglichen, Schlaf durch äußere Signale besser zu beeinflussen", meint Schuster in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Physical Review Letters.

Wellen mit einer Sekunde Dauer
Das typische Muster thalamischer Aktivität während der Anfangsphasen des Schlafes sind so genannte Schlafspindeln, eine Folge von Wellen mit einer Frequenz von zirka 13 Hertz, die rund eine Sekunde anhalten, die durch ruhige Perioden von etwa vier Sekunden getrennt sind. Diese Schwingung bewirkt, dass die eingehende Information gefiltert wird. Schlafspindeln werden beim Menschen mit Elektroenzephalografie (EEG) gemessen. Wie voran gegangene Untersuchungen an Tieren und EEG-Analysen zeigen, werden diese Schlafspindeln nicht selbstständig vom Thalamus generiert. Sie entstehen vielmehr im Wechselspiel von Großhirnrinde und Thalamus, dem so genannten thalamokortischen System.

Schlaflabor
Schlaflabor
© Uni Lübeck, Institut für Neuroendokrinologie Schlaflabor
"In unserer Arbeit zeigen wir an einem Computermodell des thalamokortischen Systems, dass sich viele experimentelle Beobachtungen reproduzieren lassen, wenn man annimmt, dass die Großhirnrinde im Schlaf der Taktgeber thalamischer Schwingungen ist", erklärt Mayer, der am Institut für Theoretische Physik und Astrophysik der Uni Kiel arbeitet.

Schlafspindeln im Thalamus
Das experimentell beobachtete gleichzeitige Auftreten der Schlafspindeln in weiten Teilen des Thalamus wird durch die Kopplung der Großhirnrinde an den Thalamus getaktet. Dies unterscheidet sich fundamental vom Wachsein: Da nämlich leitet der Thalamus die eingehende Information an die Großhirnrinde weiter. Im Schlaf ist nun die Großhirnrinde dominierend und schaltet weite Teile des Thalamus gleich, was zu einer starken Verminderung des Informationsflusses durch den Thalamus führt.

In dem Kieler Modell wurden reale EEG-Daten der Großhirnrinde an ein Computermodell des Thalamus gekoppelt, und somit konnte die Reaktion des künstlichen Thalamus mit gemessenen thalamischen EEG-Daten verglichen werden. Die Reaktion ist dieselbe.

Die Arbeit ist ein Ergebnis des fachübergreifenden Sonderforschungsbereiches (SFB) 654 "Plastizität und Schlaf" der Universitäten Kiel und Lübeck. Darin werden die Mechanismen untersucht, durch die Schlaf die Gedächtnisbildung verstärkt. Darauf aufbauend sollen schlafmedizinische Strategien entwickelt werden, um Erkrankungen besser behandeln zu können, bei denen Störungen der Gedächtnisbildung vorliegen, zum Beispiel bei schizophrenen oder Epilepsie-Patienten.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Schlaf, Thalamus, Großhirnrinde, Information, Schwingungen
Weitere News zum Thema
Bienen: Schnellste Farbsicht im Tierreich (19.03.2010)
Hochgeschwindigkeitssehen funktioniert bei Bienen sogar in Farbe
Noradrenalin hemmt Alzheimer-Fortschritt (16.03.2010)
Entzündungshemmende und Plaque-abbauende Wirkung im Tierversuch belegt
Tanzen liegt Menschen im Blut (16.03.2010)
Reaktion auf den Rhythmus der Musik ist angeboren
Gehirn liebt keine Überraschungen (12.03.2010)
"Denkorgan" versucht mögliche Sinneseindrücke vorherzusagen
Eiweiß kontrolliert Fettspeicherung (09.03.2010)
Protein fördert Bildung von Fetttröpfchen und wirkt Fettabbau entgegen
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
News des Tages
Tiefseeschluchten als gigantische Mischanlage
Erste Supraflüssigkeit aus Magneten
RNA-Molekül hilft beim Erkennen von Arten
MRT findet Brustkrebs, bevor er gefährlich wird
Großhirn „taktet“ Schlaf
Bücher zum Thema
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Gott-Gen und Großmutter neuron
Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft von Manfred Spitzer
Wunder Mensch
Eine Reise durch unseren Körper von Alexander Tsiaras und Barry Werth
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Schmerz
Eine Kulturgeschichte von David Le Breton
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Licht verbiegt Materie
3. Gehirn liebt keine Überraschungen
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. Neue Belege für “Schneeball Erde”