Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Grönlands Gletscher: vor oder zurück?
Forscher vermessen Bewegungen des Jakobshavn Isbrae-Gletschers
Der Jakobshavn Isbrae an der Westküste Grönlands ist einer der schnellsten und produktivsten Gletscher der Welt. Jährlich erzeugt er Eisberge im Gesamtvolumen von etwa 35 Kubikkilometern; der prominenteste von ihnen soll 1912 die "Titanic" gerammt haben. Vier Forscher der TU Dresden brechen jetzt zu einer neuen Expedition auf, die die räumlich-zeitlichen Bewegungsmuster des Gletschers mittels photogrammetrischer Messungen vor Ort genauer bestimmen soll.

Jakobshavn Isbrae aus dem All
Jakobshavn Isbrae aus dem All
© NASA Jakobshavn Isbrae aus dem All
Neuere Indizien weisen darauf hin, dass der Rückzug der etwa zehn Kilometer breiten Eisfront vorläufig stagniert, nachdem der Gletscher in den letzten drei Jahren sehr stark geschrumpft ist. Dafür wollen die Wissenschaftler jetzt Beweise sammeln. Prof. Hans-Gerd Maas, Direktor des Instituts für Photogrammetrie und Fernerkundung an der TU Dresden, und Prof. Reinhard Dietrich, Professor für Theoretische und Physikalische Geodäsie und außerdem Vorsitzender der Deutschen Kommission für das Internationale Polarjahr, werden dafür gemeinsam mit zwei Doktoranden mehrere Wochen lang die Bewegung des Eises mit hochauflösenden Digitalkameras festhalten.

Messung mit 4.000 Einzelpunkten
Einfach ist die Geschwindigkeitsmessung dabei nicht. Da der riesige Gletscher, der seit 2004 zum UNESCO Weltnaturerbe gehört, selbst unbegehbar ist, also auch keine Messpunkte auf markanten Punkten angebracht werden können, müssen Hans-Gerd Maas und seine Kollegen die Fließbewegungen des Gletschers vom Rand über photogrammetrische Aufnahmen und ergänzende geodätische Messungen analysieren. Die photogrammetrische Auswertung der Bilder anhand von 4.000 zentimetergenau verfolgten Einzelpunkten auf der Gletscheroberfläche, die eine Digitalkamera mit einem Sensorformat von 39 Megapixeln jede Viertelstunde aufnimmt, werden dabei durch die extrem zerklüftete Topographie der Gletscheroberfläche und den Schattenwurf der Eiswände erschwert.

Tag für Tag wandern so gigantische Mengen Eises knackend und grummelnd an der Kamera vorbei, die auf einer seitlichen Anhöhe des Gletscherfjordes in etwa ein bis zwei Kilometern Entfernung zum Eis positioniert ist, bis sie mit leisem Krachen ins Meer abbrechen und davon treiben. Mit den Messungen ihrer ersten Expedition im Jahr 2004 konnten die Dresdner Forscher zum ersten Mal eine senkrechte Hubbewegung der Gletscherzunge im Gezeitentakt um etwa zwei Meter nachweisen. Offensichtlich schwamm der vordere Teil des Gletschers auf dem Fjord auf.

Geschwindigkeit in den letzten Jahren stark angestiegen
Immerhin seit 1893 liegen Messergebnisse für die Bewegung des Gletschers vor; danach blieb die Geschwindigkeit des Gletschers 100 Jahre lang in etwa konstant bei zwanzig Metern pro Tag, stieg jedoch während der letzten Jahre fast sprunghaft auf zuletzt vierzig Meter pro Tag an. Bis zu 35 Kubikkilometer Eis pro Jahr produziert der Jakobshavn-Gletscher dabei; umgerechnet entspricht diese Menge dem zehnfachen Wasserverbrauch von ganz Deutschland.

Nun scheint der Gletscher jedoch weniger zu schrumpfen, was möglicherweise auf topografische Ursachen zurückzuführen ist: der Teil seiner Zunge, der auf dem zehn Kilometer breiten Kangia-Fjord auflag, ist fast vollständig abgebrochen. Der Rest des Gletschers liegt auf dem Festland, hinter der so genannten "grounding line". Hier können die Gezeiten nicht mehr an der Gletscherzunge rütteln - der breite
Jakobshavn Isbrae zerbricht deshalb langsamer.

Vom 8. Juli an werden die Forscher nun für mehrere Wochen vor Ort sein und - völlig abgeschnitten von der Zivilisation - neben den laufenden Messungen endlich auch wieder etwas mehr Zeit für die Lektüre wissenschaftlicher Artikel haben. Neben dem Jacobshavn Isbrae wird das Verfahren der photogrammetrischen Bestimmung des Fließverhaltens auch an zwei weiter nördlich gelegenen Gletschern angewendet. Sollte sich herausstellen, dass die Fließgeschwindigkeit des Gletschers tatsächlich wieder abgenommen hat, will Prof. Maas den Kollegen etwas Besonderes kredenzen: einen zwölf Jahre alten irischen Whiskey mit ein paar Stückchen hunderttausendjährigen grönländischen Eises...
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gletscher, Grönland, Polarforschung, Eis, Vermessung, Geschwindigkeit, Schmelze, Klima, Klimawandel, Glaziologie, Geowissen, Arktis
Weitere News zum Thema
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Keine Gletscherschmelze durch Entwaldung (07.02.2012)
Schwindende Bergwälder haben geringeren Klimaeffekt als gedacht
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Neue Strömung treibt Süßwasser ins kanadische Nordmeer (05.01.2012)
Umverteilung senkt Salzgehalt der Beaufortsee auf Rekordtiefen
Eiszeit: „Tauwetter“ in Antarktis und Arktis begann zeitgleich (02.12.2011)
Abschmelzen beider Eisschilde setzte vor 19.000 Jahren ein
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Grönland
Klimaforschung
Gletscherseen
Polarforschung
Dossiers zum Thema
Grönland im Schwitzkasten
Eisiges Naturparadies in Gefahr
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Eisberg ahoi!
Vergängliche Kolosse der Polarmeere
Wetterextreme
Klimatische "Ausrutscher" oder Folgen des Klimawandels?
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
Eiszeiten
Die frostige Vergangenheit der Erde...
Gletscherseen
Imposante Naturphänomene oder tickende Zeitbomben?
Permafrost
Kalter Boden und seine globale Bedeutung
News des Tages
Arktische Seen verschwinden
Tuberkulose: Anti-Immun-Enzym entschlüsselt
Untergrund im Glaskristall
Grönlands Gletscher: vor oder zurück?
Farbe liegt im Auge des Betrachters
Schwamm-Substanz gegen Leukämie
Mehr Durchblick für Umwelt und Olympia
Bücher zum Thema
Gletscher im Treibhaus
Eine fotografische Zeitreise in die alpine Eiszeit von Wolfgang Zängl
Der Arktis- Klima-Report
von Michael Benthack und Maren Klostermann (Übersetzer)
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Logbuch Polarstern
Expedition ins antarktische Packeis von Ingo Arndt und Claus-Peter Lieckfeld
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes