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Mittwoch, 29.03.2017
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Illusion vom sauberen Radprofi?

Doping gehört im Radsport seit Jahrzehnten zur Tagesordnung

Die einst blütenweiße Weste des Teams Telekom wird von Tag zu Tag schmuddeliger. Nachdem Masseur Jef D'hont im vergangenen Monat im „Spiegel“ aus dem Nähkästchen plauderte, stellen die Geständnisse der Radprofis Bert Dietz und Christian Henn die Zukunft des Radsports endgültig in Frage. Wie also steht es um das Doping im Leistungssport?
Tabletten

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„Der Radsport bietet sich deshalb an, weil es eine extrem technische Disziplin ist. Wenn es erlaubt ist, die Maschinen ständig weiter und bis ins Letzte zu optimieren, warum sollte das nicht auch für den Menschen gelten?“, begründet Doping-Experte Professor Dr. Michael Krüger vom Arbeitsbereich Sportpädagogik und Sportgeschichte an der WWU Münster sein Forschungsinteresse. Er wertete mit seinem Team die gängigen Sport- und Tageszeitungen sowie medizinische Zeitschriften aus, um Hinweise auf Doping, die naturgemäß eher spärlich in offiziellen Protokollen zu finden sind, auszuwerten.

Doping an der Tagesordnung


Dabei zeigte sich: Gerade im Radsport, seit Ende des 19. Jahrhunderts von Profis betrieben, war Doping an der Tagesordnung. In der Frühzeit waren es vor allem Drogen wie Koffein, Kokain und Strychnin, die die Sportler zu höherer Leistung antreiben sollten. Die Bestellliste eines Fahrers beim Berliner Sechstagerennen von 1912 weist neben Pflastern und Olivenöl auch Bay-Rum, Chloroform-Öl und Opium aus. „Jeder hat gedopt, das gehörte einfach dazu und niemand hat groß darüber diskutiert“, berichtet Krüger, der die Geschichte des Dopings im Radsport untersuchte.

Der Radsport mit seinen extremen Torturen wie der Tour de France setzt die Sportler Belastungen aus, die ohne Hilfsmittel nicht zu bewältigen sind. Nächtens werden die Fahrer an den Tropf gehängt, um ihnen die Substitutionsmittel mit Mineralien, Hormonen und Kalorien zuzuführen, die der Körper sonst nicht aufnehmen könnte. Die Grenzen des Dopings, der erlaubten und der unerlaubten Leistungssteigerung sind scheinbar fließend, doch Krüger nennt die „betrügerische Absicht“ als wichtigstes Kriterium. Zum einen gebe es einen ewigen Wettlauf zwischen Entwicklern und Dopingfahndern, zum anderen zähle eben die Absicht, die Konkurrenten mit Mitteln zu übertreffen, die denen nicht zur Verfügung stünden. „Doping lässt sich nicht immer objektivieren, aber jeder, der dopt, weiß, dass er es tut“, so Krüger.


Saubere Weste oder nicht?


Der Schwerpunkt der münsterschen Wissenschaftler lag auf der Zeit des Nationalsozialismus. In medizinischen Zeitschriften wurde ab 1938 die Entdeckung des Pervitin, eines „chemischen Befehlsgebers“, intensiv diskutiert. Entwickelt wurde dieses Mittel allerdings nicht für den Einsatz im Sport, sondern zur Leistungssteigerung bei der Arbeit und in der Wehrmacht eingesetzt. „Die offizielle Sportpolitik hat Doping massiv abgelehnt. Der arische Körper brauchte schließlich keine Aufputschmittel“, so Krüger. „Ob allerdings hinter den Kulissen Pervitin zum Einsatz kam, lässt sich heute nicht mehr feststellen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte nahtlos an die medizinische Forschung vergangener Jahre angeknüpft werden. „Es ist eine Tatsache, dass nach jedem Krieg der Gebrauch von Dopingmitteln vor allem im Radsport erheblich anstieg und dass diejenigen Substanzen zur Anwendung kamen, die vorher von den Soldaten quasi getestet wurden - Amphetamine, aber beispielsweise auch Kokain“, berichtet der Sporthistoriker.

Dopingbestimmungen seit 50 Jahren


Andererseits setzte sich immer mehr die hehre Idee des Amateursports und damit eine radikale Ablehnung des Dopings durch - zumindest in der Öffentlichkeit. 1956 nahm der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) erstmals Dopingbestimmungen in sein Reglement auf, allerdings ohne bestimmte Dopingsubstanzen beim Namen zu nennen. „Lange Jahre wurde ganz unbefangen weiter gedopt. Bis heute zeigt das Verhalten von Funktionären und Sportlern, dass es lange gebraucht hat, um ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln“, resümiert Krüger. Dass es dazu kam, sei gerade der Verwischung der Grenzen zwischen Profis und Amateuren zu verdanken. Als diese sich aufweichten, hätten die radikaleren Richtlinien der Amateure, festgelegt in den konsequenten Bestimmungen des IOC, auch im Profisport Einzug gehalten.

Die Zukunft des Radsports und das Doping im Leistungssport thematisiert am Sonntag, 03. Juni 2007, eine Podiumsdiskussion in Münster. Organisiert wird sie von sportwissenschaftlichen Instituten der WWU Münster anlässlich einer Konferenz der „European Association for Sociology of Sport“. Mit von der Partie ist auch Doping-Experte Michael Krüger vom Arbeitsbereich Sportpädagogik und Sportgeschichte an der WWU Münster, der die Geschichte des Dopings im Radsport untersuchte.
(idw - Westfaelische Wilhelms-Universität Münster, 24.05.2007 - AHE)
 
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