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Freitag, 20.01.2017
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Völkerwanderung bei Schmetterlingen

Insekten als Indikatoren für Klimawandel und Artenvielfalt

In Europa findet zurzeit eine Völkerwanderung bei Schmetterlingen statt. Ursache: der Klimawandel. Darauf haben Experten bei einer Tagung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) hingewiesen. Wärme liebende Arten dringen danach durch die milden Winter immer weiter nach Norden vor. Tiere, die Kälte bevorzugen, geraten dagegen immer mehr in Schwierigkeiten und drohen in Zukunft sogar auszusterben. Die Wanderungsbewegungen der Schmetterlinge könnten deshalb als Indikator für den fortschreitenden Klimawandel dienen, so die Wissenschaftler.
Admiral

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Nach den Beobachtungen von 500 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die seit 2005 im Rahmen des Tagfalter-Monitorings regelmäßig und nach einer standardisierten Methode Schmetterlinge zählen, gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass sich die Artenzusammensetzung in den kommenden Jahren deutlich verändern wird. Das langfristig angelegte Beobachtungsprogramm ist eine vom UFZ koordinierte Aktion, die zur Umsetzung der UN-Biodiversitätskonvention beiträgt.

Gewinner und Verlierer


Die Ergebnisse des Monitorings zeigen: Die warmen Winter ermöglichen es zahlreichen, vor allem Wärme liebenden Arten, ihr Areal nach Norden auszudehnen. Der Große Fuchs, vor zehn Jahren noch auf einige Reststandorte zurückgedrängt, ist wieder in vielen Teilen Süddeutschlands zu finden. Ähnliche Beobachtungen kommen aus anderen europäischen Regionen wie Schottland. Dort tauchen jetzt der so genannte Braunkolbige Braun-Dickkopffalter und das Rotbraune Ochsenauge auf, denen es in diesen Breiten bisher zu kühl war.

Was für eine Reihe von Arten gut zu sein scheint, ist schlecht für andere, so die Forscher. Vor allem Arten die kühlere klimatische Ansprüche aufweisen und beispielsweise in Mooren sowie Gebirgen vorkommen, geraten in Schwierigkeiten. In Großbritannien wird der Graubindige Mohrenfalter allmählich Richtung Norden verdrängt. Außerhalb der Alpen ist in Deutschland mit einem Verschwinden bisher bereits seltener Arten zu rechnen. Dazu sind zu zählen: der Hochmoorgelbling, der Randring- Perlmutterfalter, der Hochmoorbläuling und der Natterwurz- Perlmutterfalter.


Bei weiteren Arten sind die Angaben, so die Wissenschaftler, noch widersprüchlich: Der Trauermantel beispielsweise scheint in einigen Teilen Europas Winter wie den letzten kaum zu überleben, während in Norddeutschland und den Niederlanden im letzten Jahr ein starkes Auftreten vermutlich aus dem Osten zugewanderter Tiere registriert werden konnte.

Zu früh oder zu spät?


Nicht nur die Verbreitungsgebiete der Schmetterlinge sind in Bewegung, auch der Zeitpunkt, wann im Jahr sie erscheinen, ändert sich, so die Ergebnisse des Monitorings. Beim Tagpfauenauge führt das veränderte Klima dazu, dass inzwischen in vielen Regionen Deutschlands eine zweite Generation auftritt, was bislang nur in wärmsten Lagen Südwestdeutschlands der Fall war. Der Admiral gilt als klassischer Wanderfalter, der jedes Jahr aus dem Mittelmeerraum neu bei uns einwandert. Inzwischen sind die Winter so mild, dass der Falter seit zehn bis 20 Jahren auch bei uns überwintert und zudem überwinternde Raupen und Puppen auftreten. So vermischen sich im Frühjahr die Nachkommen der Falter, die sich bei uns fortgepflanzt haben mit den Neuzugängen aus dem Süden.

Schmetterlinge als Indikatoren


Die beobachteten Trends bestätigen, wie sehr Schmetterlinge sich als Indikatoren für die Auswirkungen von Umweltveränderungen eignen. Sie reagieren schnell und empfindlich und lassen so Entwicklungen erkennen, die ganze Lebensgemeinschaften betreffen, die aber in ihrer Gesamtheit nicht abgebildet werden können und zum Teil erst mit starker Verzögerung reagieren.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Indikatorfunktion - aber auch aufgrund ihrer Beliebtheit in der Öffentlichkeit - sind Tagfalter zentrale Elemente der internationalen Forschung. So stellen sie auch eine zentrale Komponente des EU-Projektes ALARM dar, das sich die Erforschung der vielfältigen Einflussfaktoren in ihrer kombinierten Wirkung auf die Biodiversität - also die Artenvielfalt - zum Ziel gesetzt hat; ein Projekt in dem über 200 Wissenschaftler von 67 Institutionen aus 35 Ländern zusammenarbeiten Im Jahr 2010 müssen die europäischen Staaten gemäß der Biodiversitätskonvention über den Zustand der Artenvielfalt in ihren Ländern Bericht erstatten. Aufgrund der sensiblen Reaktion der Tagfalter auf Umweltveränderungen hat die Europäische Umweltagentur in Kopenhagen (EEA) unter anderem für diesen Zweck die Tagfalter neben den Vögeln als Schlüsselindikatoren auf europäischer Ebene ausgewählt.

Wie sieht es in Deutschland aus? - Das Tagfalter-Monitoring Deutschland TMD


Um beim Erfassen der Falter, dem so genannten Monitoring, europaweit standardisiert vorzugehen, wurde 2004 unter Beteiligung des UFZ die Stiftung "Butterfly Conservation Europe" in den Niederlanden gegründet, die gewissermaßen als Dachorganisation die verschiedenen nationalen Initiativen begleiten soll.

In 2005 unterstützte "Butterfly Conservation Europe" dann den Start des Tagfalter-Monitoring Deutschland, als Bestandteil eines europäischen Netzwerkes, das immer mehr Länder erfasst. Das langfristig angelegte Beobachtungsprogramm ist eine gemeinsame Aktion von derzeit ca. 500 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die regelmäßig und nach einer standardisierten Methode Schmetterlinge zählen. Um Änderungen der Artenvielfalt und Artenzusammensetzung, wie sie zum Beispiel derzeit durch den Klimawandel ausgelöst werden, wissenschaftlich fundiert nachweisen und die Daten dann auch entsprechend interpretieren zu können, bedarf es aber noch einiger weiterer Jahre kontinuierlicher Beobachtungen. Jedoch bereits für die 2010 fälligen Berichte auf europäischer Ebene sind hier fundierte Aussagen zu erwarten - und Deutschland könnte damit der Erfüllung seiner Verpflichtungen ein Stück näher kommen.

Insgesamt wurden beim Monitoring bisher in zwei Jahren bereits über 50.000 Datensätze gesammelt und circa 200 Arten tagaktiver Schmetterlinge - darunter etwa 100 Tagfalter - registriert. Am häufigsten begegneten den Schmetterlingszählern der Kleine Kohlweißling, der Grünaderweißling und das Grosse Ochsenauge.

Klimaforschung für alle - die neue Saison startet!


In diesem Jahr beginnt die Zählsaison wieder in der ersten Aprilwoche. An verschiedenen Orten in Deutschland werden von zahlreichen Experten mit Unterstützung des UFZ Infoveranstaltungen und Exkursionen organisiert, mit dem Ziel, neue Freiwillige für das Projekt zu gewinnen. Langfristig soll neben der Erfassung der Trends im Rahmen des Monitorings auch eine solide Basis für die Dokumentation der Verbreitung der Schmetterlinge in Deutschland entstehen.
(idw - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ, 19.03.2007 - DLO)
 
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