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Freitag, 20.10.2017
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Erste Klimaflüchtlinge am Bodensee

Immer mehr südliche Vogelarten in Mitteleuropa heimisch

Der Klimawandel macht sich immer stärker auch in der Tierwelt bemerkbar: Am Bodensee breiten sich ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatete Vogelarten immer weiter aus, „alte“ Bodensee-Arten verlagern ihre Brutgebiete nach Norden. Das zeigt eine neue Studie Mainzer Ornithologen.
Ursprünglich am Mittelmeer beheimatet: die Zippammer

Ursprünglich am Mittelmeer beheimatet: die Zippammer

In der unter der Leitung von Professor Katrin Böhning-Gaese vom Institut für Zoologie der Universität Mainz durchgeführten Untersuchung wird erstmals nachgewiesen, dass die Klimaveränderung die entscheidende Ursache für die Veränderung des Vogelbestands in Mitteleuropa darstellt. "Wir haben dank der hervorragenden Arbeit von Amateurwissenschaftlern am Bodensee einen sehr guten Überblick über die Bestandsentwicklung im Verlauf von 23 Jahren und sehen teilweise drastische Entwicklungen, die allein auf die globale Erwärmung zurückgehen", erläutert Böhning-Gaese.

Klima löst Landwirtschaft als wichtigsten Einflussfaktor ab


Unter dem Dach der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee in Konstanz haben sogenannte Citizen Scientists in drei Zeiträumen jeweils zu Beginn der 80er und 90er Jahre sowie zu Beginn dieses Jahrhunderts die Vogelpopulation um den Bodensee auf deutschem, schweizerischem und österreichischem Gebiet erfasst. Dabei kartieren die Hobbyornithologen am frühen Morgen mit der besten Methodik, die derzeit zur Verfügung steht, jeweils Gebiete von vier Quadratkilometern Größe und notieren anhand von Aussehen und Stimme die Art und Häufigkeit der vorkommenden Vogelarten. "Diese Daten sind für uns von großem Wert, da wir ansonsten keinen zuverlässigen Überblick über die Bestände hätten", erläutert Böhning-Gaese.

Zusammen mit ihrer Doktorandin Nicole Lemoine sowie Hans-Günther Bauer und Markus Peintinger vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell hat die Mainzer Biologieprofessorin diese Daten ausgewertet und Unerwartetes festgestellt: Während seit Endes des Krieges war die Intensivierung der Landwirtschaft der wichtigste Faktor bei der Veränderung der Vogelbestände war, wird jetzt dieser Einflussfaktor erstmals durch den Klimafaktor weit übertroffen. "Die Entwicklung ist so signifikant, dass es uns schon sehr überrascht hat, wie drastisch das Klima bei uns in Mitteleuropa die Vogelpopulationen beeinflusst."


Mehr als zwei Grad wärmer


Es zeigt sich, dass südliche Arten, die üblicherweise im Mittelmeerraum heimisch sind, neu einwandern oder in ihren Beständen zunehmen, während nördliche Arten, die ursprünglich am Bodensee zu Hause waren, zurückgehen und die Vögel ihre Brutgebiete in den Norden verlagern. Diese Entwicklung dürfte auch in Zukunft anhalten: "Ich erwarte, dass noch weit mehr Klimaflüchtlinge aus dem Mittelmeerraum hier auftauchen", so Böhning-Gaese. Die Studie über die Auswirkungen von Klima und Landnutzung auf den Vogelbestand wird in der renommierten Fachzeitschrift Conservation Biology publiziert.

Die Temperatur am Bodensee hat in dem Untersuchungszeitraum zwischen 1980 und 2002 im Winter um 2,7 Grad Celsius und im Frühjahr zur Brutzeit der Vögel um 2,1 Grad Celsius zugenommen. Im Gegensatz zu Pflanzen oder Amphibien sind Vögel aber flexibel und können sich schnell anpassen. Das heißt Arten, die eigentlich nach Südeuropa gehören, wandern ein oder vermehren sich stärker. Arten, die hier ursprünglich heimisch sind, weichen zunehmen nach Norden aus. So sind beispielsweise bei der dritten Kartierung erstmals die Felsenschwalbe, die Zippammer und der Orpheusspötter - alles südliche, mediterrane Arten - gesichtet worden. Seit der ersten Kartierung 1980 hat dagegen der Bestand bei den Uferschnepfen um 84 Prozent und beim Gelbspötter um 74 Prozent abgenommen.

Zusammenhang erstmals eindeutig belegt


Insgesamt ergibt sich vorerst ein Zugewinn an Arten - im Untersuchungszeitraum ist die Artenzahl von 141 auf 154 gestiegen. "Derzeit gehören wir also noch zu den Klimagewinnern", erläutert Böhning-Gaese. Problematisch ist allerdings, dass Arten im nördlichen Skandinavien oder in Hochlagen von Gebirgen schon jetzt kaum noch Ausweichmöglichkeiten haben.

Die weitere Entwicklung dürfte nach Ansicht der Vogelexpertin den bisherigen Trend bestätigen. Es steht zu erwarten, dass noch mehr Klimaflüchtlinge aus dem Mittelmeerraum hier auftauchen und heimische Arten ihr Brutgebiet vermehrt nach Norden verlagern. "Die Vorbereitungen für die nächste Kartierung im Jahr 2010 laufen schon, dann werden wir mehr wissen." Die Wissenschaftler um Böhning-Gaese haben mit ihrer Auswertung der Bodensee-Daten weltweit erstmals den eindeutigen Zusammenhang zwischen Klimaveränderung und Bestandsveränderung nachgewiesen. In anderen Ländern und Regionen wie Großbritannien, Skandinavien und den USA, die ebenfalls über hervorragende Datensätze verfügen, werden diese Fragestellungen derzeit noch bearbeitet.
(Universität Mainz, 05.02.2007 - NPO)
 
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