Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Erdbeben brachten Seesedimente in „Aufruhr“
Forscher weisen unerwartet starke prähistorische Erdbeben in der Zentralschweiz nach
Geologen der ETH Zürich haben entdeckt, dass drei große vorgeschichtliche Erdbeben in der Zentralschweiz heftige Sedimentrutschungen im Zürichsee auslösten. Die Beben erreichten vermutlich eine Stärke von deutlich über 6,5 und sind damit vergleichbar mit dem schweren Erdbeben von Basel im Jahre 1356.

Region um Vierwaldstättersee und Zürichsee
Region um Vierwaldstättersee und Zürichsee
© Jacques Descloitres / MODIS / NASA/GSFC Region um Vierwaldstättersee und Zürichsee
Starke Erdbeben hinterlassen in der Natur gewöhnlich kaum nennenswerte Spuren. Eine Ausnahme bilden Seesedimente. Ereignet sich in der Nähe eines Sees ein heftiges Erdbeben, können sich am Grund der Seen Sedimente lösen. Untersucht man diese Rutschungen heute im Detail, kann man vorgeschichtliche Erdbeben zeitlich genau einordnen.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Geologischen Instituts und des Schweizerischen Erdbebendienstes der ETH Zürich hat nun im Zürichsee solche Sedimentablagerungen ausfindig gemacht. Wie die Forscher in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Geology" schreiben, gelang es ihnen, mit Hilfe von seismischen Messungen und Radio-Karbon-Datierungen die Spuren von drei Ereignissen präzis zu lokalisieren und zu datieren. Demnach erschütterten vor 2.200, 11.500 und 13.800 Jahren schwere Erdbeben die Region Zürichsee.

Zeitliche Übereinstimmung
In einer früheren Arbeit haben die Wissenschaftler auch im Vierwaldstättersee Seesedimente analysiert. Dabei konnten die Wissenschaftler Spuren von fünf schweren Erdbeben in der Innerschweiz nachweisen. Bemerkenswert ist nun, dass drei dieser Ereignisse zeitlich mit den Rutschungen im Zürichsee übereinstimmen. Da schwere Erdbeben in der Schweiz nur selten vorkommen, handelt es sich wohl um dieselben Ereignisse.

Auf der Basis historisch bekannter Erdbeben haben die Forscher die Stärke dieser drei prähistorischen Ereignisse rekonstruiert. Werden in einem See durch ein Erdbeben Rutschungen ausgelöst, dann erreicht das Beben ungefähr eine makroseismische Intensität der Stufe VII. Bei einem solchen Ereignis treten an Gebäuden deutlich sichtbare Schäden auf. Es muss sich also um ein vergleichbares Ereignisse wie das schwere Erdbeben, das im Jahre 1356 die Stadt Basel heimsuchte handeln. Dass nicht nur die Innerschweiz, sondern auch das Mittelland von so starken Erschütterungen heimgesucht wird, war bis anhin unbekannt.

Epizentrum noch unklar
Wo genau die drei prähistorischen Erdbeben ausgelöst wurden, ist noch nicht restlos geklärt. Geologisch gesehen ist es eher unwahrscheinlich, dass die Beben tatsächlich zwischen den beiden Seen verursacht wurden. Die Forscher gehen vielmehr davon aus, dass die Erschütterungen von einem Herd östlich des Vierwaldstättersees ausgingen. Das bedeutet allerdings, dass die Magnitude einen Wert von deutlich über 6,5 erreicht haben muss, da sonst im Zürichsee keine Rutschungen ausgelöst worden wären.

Mögliche Gefahr für die Region Zürichsee
Diese neuen Erkenntnisse sind wichtig für die Beurteilung der Erdbebengefährdung des Schweizer Mittellandes. Versicherungen stützen sich bei ihren Berechnungen auf Ereignisse mit einer Wiederkehrrate von höchstens 500 Jahren. Ereignisse mit einer größeren Wiederkehrperiode - und dazu gehören die drei nun entdeckten Erdbeben - gelten als Restrisiko. Die neue Studie zeigt, dass für die Region Zürichsee dieses Restrisiko eine reale Größe ist, die auch bei der Planung von kritischen Infrastrukturen beachtet werden muss.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Erdstöße, Seesedimente, Zürichsee, Basel, Magnitude
Weitere News zum Thema
Japan-Beben teuerstes Erdbeben aller Zeiten (12.01.2012)
Naturkatastrophe und ihre Folgen sorgten für 335 Milliarden US-Dollar Schaden
Starkbeben: Ost-Anden gefährdeter als gedacht (09.05.2011)
Neuvermessung der bolivianischen Ost-Anden zeigt Gefahr eines tektonischen Bruchs
Japan-Beben brachte Erde zum Schwingen (16.03.2011)
Geowissenschaftler beobachtet Freie Schwingungen der Erde nach der Naturkatastrophe
Japan-Beben verkürzt Tageslänge (15.03.2011)
Schwerkraftachse der Erde um 17 Zentimeter verschoben
Geowissenschaftler: Auch deutsche Atommeiler in Gefahr (15.03.2011)
Professor Gerhard Jentzsch von der Universität Jena im Interview
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Warten auf das große Beben...
Japan - Ballungsräume auf dem Schleudersitz
100 Jahre Plattentektonik
Alfred Wegener und seine Theorie
Gebirgsbildung
Wenn Berge in den Himmel wachsen
Gebirge als Lebensraum
Bedeutung und Bedrohung
Tsunami
Das Geheimnis der Riesenwellen
Plattentektonik im Zeitraffer
Die Welt am Meeresboden im Wachsmodell
News des Tages
Wir sind unterschiedlicher als gedacht
Einem Peptid bei der Arbeit zugesehen
Erdbeben brachten Seesedimente in „Aufruhr“
Ökomanager des Jahres gekürt
Wie Nervenzellen Informationen weitergeben
Forscher hören „Stille Post“ bei Proteinen ab
Streptokokken trotzen Penicillin
Bücher zum Thema
Erdbeben
Eine Einführung von Bruce A. Bolt
Naturkatastrophen
Vulkane, Beben, Wirbelstürme - Entfesselte Gewalten und ihre Folgen von Harald Frater (Hrsg.)
Der unruhige Planet
von Richard Dikau und Jürgen Weichselgartner
Plattentektonik
Kontinent- verschiebung und Gebirgsbildung von Wolfgang Frisch und Martin Meschede
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes