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Freitag, 10.02.2012
Lernen im Schlaf?
Neue Erkenntnisse über die Mechanismen der Gedächtnisbildung
Wenn ich heute Morgen nicht mehr weiß, wo ich gestern Abend die Autoschlüssel hingelegt habe, hat die Erinnerung mal wieder versagt. Wie sich diese möglicherweise verfestigt, haben nun Wissenschaftler untersucht. Ihre neue Studie bietet den bisher stärksten Beleg dafür, dass neue Informationen während des Schlafs zwischen dem Kurzzeitgedächtnisareal Hippocampus und der Großhirnrinde übertragen werden. Entgegen bisheriger Annahmen steuert nach ihren Erkenntnissen die Großhirnrinde diesen Transfer aktiv.

Interneuron im Hippocampus
Interneuron im Hippocampus
© Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung Interneuron im Hippocampus
Die Forscher entwickelten für ihre Untersuchungen eine neue Technik, die bislang nicht mögliche Einblicke in die noch weitgehend unterforschte Informationsverarbeitung des Gehirns erwarten lässt.

Die Frage, wie das Gehirn Erinnerungen speichert oder verwirft, ist nach wie vor nur ansatzweise geklärt. Viele Hirnforscher halten die Konsolidierungstheorie für den bislang besten Erklärungsansatz. Diese besagt, dass frische Eindrücke zuerst im Hippocampus als Kurzzeitgedächtnis abgelegt werden. Sie sollen dann innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen - vornehmlich während des Tiefschlafs - in die Großhirnrinde und dort ins Langzeitgedächtnis übergehen.

Untersuchungen von Thomas Hahn, Mayank Mehta und Nobelpreisträger Bert Sakmann vom Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung in Heidelberg über die sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Neuroscience berichten, werfen jetzt neues Licht auf die Mechanismen der Gedächtnisbildung. Nach ihren Erkenntnissen arbeiten die Hirnbereiche zwar zusammen, aber möglicherweise anders als bisher angenommen. "Diese technisch ausgefeilte Studie könnte beträchtlichen Einfluss auf unser Verständnis von Nervenzellinteraktion während der Konsolidierung im Schlaf haben", bestätigt auch Edvard Moser, Direktor des Zentrums für Biologie des Gedächtnisses in Trondheim, Norwegen.

Neuer experimenteller Ansatz
Die Vorgänge im Gehirn, die der Gedächtnisbildung zugrunde liegen, sind experimentell bisher schwierig zu untersuchen. Die Heidelberger Wissenschaftler entwickelten eigens einen neuartigen experimentellen Ansatz. Damit gelang es ihnen, bei narkotisierten Mäusen das Membranpotenzial von einzelnen Neuronen, die die Aktivität des Hippocampus hemmen (Interneurone) zu messen.

Gleichzeitig zeichneten sie das Feldpotenzial von tausenden Nervenzellen der Großhirnrinde auf. So konnten sie das Verhalten der einzelnen Nervenzelle in Zusammenhang mit dem der Großhirnrinde stellen. Die Forscher fanden heraus, dass die untersuchten Interneurone nur mit kleinem Verzug, also fast im Gleichtakt mit dem Feldpotenzial der Großhirnrinde aktiv sind - wie ein Echo.

Wichtige Einblicke in die Organisationsprinzipien des Gehirns
Ein überraschender Befund, denn die Interneurone hemmen so gerade in Phasen hoher Aktivität der Großhirnrinde jene Neurone im Hippocampus, welche die Informationen in die Großhirnrinde schreiben sollen. Laut Mayank Mehta kann das Ergebnis auf sehr verschiedene Art und Weise interpretiert werden: "Entweder der Mechanismus trägt zur Gedächtniskonsolidierung bei, oder aber der Informationstransfer vom einen zum anderen Teil des Gehirns findet während des Schlafs gar nicht so statt wie angenommen." Welche mögliche Erklärung zutrifft, wollen die Hirnforscher nun ergründen.

In jedem Fall können die Wissenschaftler mit der neuen experimentellen Methode vielen weiteren offenen Fragen der Hirnforschung nachgehen. Thomas Hahn betont: "Setzt man das Verhalten eines einzelnen Neurons in den Kontext von großräumigen Aktivitätsmustern, verspricht das ganz neue Einblicke in die Organisationsprinzipien unseres Gehirns."
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