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Samstag, 27.05.2017
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Rätsel um „Lucys“ ausgestorbenen Nachfahren

Vormensch Paranthropus flexibler als gedacht

Er lebte vor mehr als einer Million Jahren Seite an Seite mit unseren Vorfahren in Afrika: Paranthropus, ein aufrecht gehender Hominide. Sein enges Nahrungsspektrum war sein Verderben, denn als sich das Klima wandelte, starb er aus – so jedenfalls die bisherige Lehrmeinung. Jetzt aber scheint eine neue, in Science veröffentlichte Studie, diese Theorie zu widerlegen.
Paranthropus gehörte zur Linie der Australopithecinen, Vormenschen, denen auch das berühmte fossile Skelett „Lucy“ angehörte. Sie lebte vor drei Millionen Jahren in der Region des heutigen Äthiopien und gilt als die „Urmutter“ des modernen Menschen. Vor rund 2,5 Millionen Jahren haben sich die Australopithecinen in die Gattungen Homo und Paranthropus gespalten. Während aus ersterer der moderne Mensch hervorging, blieb der andere im Prämenschenstadium stecken und starb schließlich aus.

Paranthropus robustus-Schädel aus Swartkrans, Südafrika

Paranthropus robustus-Schädel aus Swartkrans, Südafrika

Einseitige „Kaumaschine?“


Paranthropus war rund 1,20 Meter groß und wog weniger als 45 Kilogramm. Seine Hüft- und Beinstruktur deutet darauf hin, dass er, wie auch schon Lucy, wahrscheinlich aufrecht ging. Das Gehirn war zwar im Verhältnis zur Körpermasse etwas größer war als bei einem Schimpansen, doch nach Ansicht der Forscher war Paranthropus „kein Geistesriese“. Bisher galt er eher als „Kaumaschine“, als Vormensch, der spezialisiert war auf harte, energiearme Pflanzenkost – eine Kost, die weniger wurde, als sich in Afrika das Klima änderte.

Ein Wissenschaftlerteam mehrerer amerikanischer Universitäten unter der Leitung von Matt Sponheimer, Professor an der Universität von Colorado in Boulder, hat jetzt die Zähne von vier, in Swartkrans in Südafrika gefundenen Paranthropus-Fossilien untersucht. Mithilfe einer neuen Lasertechnik identifizierten sie im Zahnschmelz eingelagerte Kohlenstoffisotope, die Rückschlüsse auf die von den Vormenschen in ihrer Lebenszeit aufgenommene Nahrung erlauben.


Nahrungswechsel innerhalb von Monaten


Das Ergebnis: Paranthropus ernährte sich keineswegs so einseitig, wie bisher vermutet. Die Forscher fanden Belege dafür, dass der Vormensch seine Nahrung über Monate und Jahre hinweg sogar dramatisch änderte. Von Gräsern und Samen zu Früchten und Nüssen und vielleicht sogar Fleisch reichte die Spannbreite. “Dies ist die erste Studie, die zeigt, wie ein früher Hominide seinen Weg durch eine wechselnde Landschaft frisst”, erklärt Sponheimer. „Keiner von uns Wissenschaftlern hätte sich träumen lassen, dass Paranthopus eine so variable Diät über Jahrtausende hinweg gehabt hat, noch viele weniger eine, die sogar innerhalb von Monaten wechselt.“

Möglicherweise, so die Spekulation von Sponheimer, wanderten einige Paranthropus-Individuen zwischen bewaldeten, fruchtreichen Gebieten und dem Grasland der Savanne hin und her. Da die Forscher auch Spuren einer jahreszeitlichen Veränderung der Nahrung in den Zähnen nachweisen konnten, könnten die Wanderungsbewegungen der Vormenschen auch durch die Regenzeiten beeinflusst worden sein. „Wir haben noch niemals zuvor einen Nahrungswechsel innerhalb der Lebenszeit eines einzelnen Individuums nachweisen können“, so der Forscher. „Es ist, als ob wir einen Film über Monate und Jahre abspielen, anstatt wie bisher nur immer ein Stillbild zu haben.“

Rätsel um Paranthropus-Schicksal weiter ungelöst


“Eines von Lucys Kindern führte letztlich zu den modernen Menschen, während das andere eine evolutionäre Sackgasse war”, erklärt Sponheimer. „Da wir jetzt gezeigt haben, dass Paranthropus in seinen Essgewohnheiten sowohl lang- als auch kurzfristig flexibel war, müssen wir wohl nach anderen biologischen, kulturellen oder sozialen Unterschieden suchen, um sein Schicksal zu erklären.“

Was aber könnte dann das Ende von Paranthropus verursacht haben? Nach Ansicht der Forscher käme hier auch eine direkte Konkurrenz mit dem Homo in Frage, der im Laufe der Zeit hohes Geschick in der Nutzung von Knochen und Steinen als Werkzeugen entwickelt hatte. Aber auch andere Gründe, wie beispielsweise eine niedrigere Reproduktionsrate hält Sponheimer für möglich. „Auf jeden Fall glaube ich, dass wir die Ursache des Schicksals von Paranthropus ernsthaft überdenken müssen“, so der Forscher. „Dieses ‚Wer war es’ oder ‚Was war es’-Rätsel wird nicht so bald gelöst werden.“
(University of Colorado, 13.11.2006 - NPO)
 
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