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Freitag, 20.01.2017
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Rätsel um „Nachtwanderer“ gelöst?

Störung der körpereigenen Schmerzkontrolle verantwortlich für Restless-Legs-Syndrom

Als "Nachtwanderer" gelten Patienten mit Restless-Legs-Syndrom (RLS). Denn die Erkrankung ist vor allem in Ruhephasen und in der Nacht mit unangenehmen Empfindungen verbunden, die sich nur durch Bewegung lindern lassen. Wie die Krankheit entsteht, war bisher noch unbekannt. Jetzt haben Forscher das Rätsel um RLS gelöst. Danach ist vermutlich eine Störung der körpereigenen Schmerzkontrolle in Gehirn und Rückenmark für die Beschwerden verantwortlich.
Forschungslandschaft Gehirn

Forschungslandschaft Gehirn

Die Patienten sind deshalb empfindlicher für bestimmte Schmerzreize, haben eine geringere Berührungsempfindlichkeit in Händen und Füßen und häufig ein "paradoxes" Temperaturempfinden in den Beinen: kalt wird als heiß empfunden. Medikamente, die das Dopaminsystem des Gehirns unterstützen, bessern nach Angaben der Forscher die Beschwerden.

Häufige neurologische Störungen


RLS ist eine der häufigsten neurologischen Störungen in der Bevölkerung der westlichen Welt: drei bis neun Prozent aller Menschen sind betroffen. Die Häufigkeit steigt dabei mit dem Lebensalter. Weil durch den unkontrollierbaren Bewegungsdrang Schlafstörungen entstehen, leidet die Lebensqualität der Patienten erheblich.

"RLS wird aber oft nicht als neurologische Störung erkannt und ist daher gravierend unterdiagnostiziert", so Dr. Walter Magerl vom Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Mainz, der zusammen mit Kollegen vom Zentrum für Nervenkrankheiten der Universität Marburg an der Studie beteiligt war. Die Entstehung von RLS ist weitgehend ungeklärt. Es existiert ein noch nicht hinreichend verstandener genetischer Hintergrund: Die Erkrankung tritt bei Patienten, bei denen Familienangehörige betroffen sind, bereits ein Jahrzehnt früher auf als bei anderen Patienten. Frauen leiden weitaus häufiger als Männer unter RLS.


Gesteigertes Schmerzempfinden nicht nur in den Beinen


"Seit wenigen Jahren wissen wir, dass das RLS-Syndrom mit schwerwiegenden Störungen der Somatosensorik, das heißt der körperlichen Wahrnehmung einhergeht, insbesondere der Schmerzverarbeitung", erklärte Magerl. Die Mainzer und Marburger Forscher konnten nun zeigen, dass Patienten mit RLS eine dramatisch gesteigerte Schmerzempfindlichkeit aufweisen. Sie sind weitaus schmerzempfindlicher gegen Nadelstich-ähnliche Reize als Gesunde.

Das eindrucksvolle Symptom des Schmerzes durch leichte Berührung, beispielsweise durch Überstreichen der Haut mit einem Wattebausch, das bei anderen Nervenschmerzen wie der Gürtelrose häufig auftritt, zeigen Patienten mit RLS jedoch nicht. Im Gegensatz zur Störung der Motorik, die auf die Beine beschränkt ist, findet sich die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit sowohl in den Armen als auch in den Beinen.

Verarbeitungsproblem im zentralen Nervensystem


Weitere Untersuchungen zur Prüfung somatosensorischer Funktionen, die in einem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten bundesweiten Forschungsnetzwerk entwickelt wurden, zeigen nun, dass diese gesteigerte Schmerzempfindlichkeit nicht für alle Schmerzarten gleichermaßen besteht. Eine größere Schmerzempfindlichkeit findet sich nur für spitze mechanische Reize wie Nadelstiche in den Armen und Beinen mit einer Absenkung der Schmerzschwelle und höheren Schmerzschätzungen für schmerzhafte Reize. Die Empfindlichkeit für thermische Schmerzreize wie Kälte oder Hitze bleibt aber unverändert.

"Dieses Muster legt eine Sensibilisierung des Schmerzsystems im zentralen Nervensystem nahe, die wahrscheinlich bereits bei der Umschaltung der Information im Rückenmark wirksam wird", folgert Magerl. "Neuere Studien unserer Arbeitsgruppen zeigen, dass diese gesteigerte Schmerzwahrnehmung einhergeht mit einem ausgeprägten Verlust der Berührungsempfindlichkeit an Händen und Füßen, sowie dem häufigen Auftreten einer ungewöhnlichen 'paradoxen' Hitzeschmerzempfindung bei Kaltstimulation im Bereich der Beine." Alle anderen Sinnesmodalitäten (warm, kalt, Vibration, stumpfer Druck) sind jedoch unverändert.

Medikamente, die das Dopaminsystem beeinflussen, helfen


In der Vergangenheit wurde häufig die Hypothese geäußert, es handele sich bei RLS um eine Störung der Funktion dünner Nervenfasern. Diese Ansicht wird durch die neuen Daten nicht gestützt. Da es keine generalisierten Empfindungsverluste gibt, ist auch eine Störung der Funktion dicker Nervenfasern unwahrscheinlich. Die Einschränkung der Berührungsempfindlichkeit schätzen die Forscher dagegen als vom Schmerz verursacht ein, da diese Veränderung auch vorübergehend bei gesunden Versuchspersonen durch schmerzhafte Reizung experimentell ausgelöst werden kann.

Das Auftreten paradoxer Hitzeempfindung verweist auf eine zentralnervöse Enthemmung, wie sie auch bei Patienten mit multipler Sklerose gefunden wurde. Die gestörte Schmerzempfindlichkeit, reduzierte taktile Sensitivität und paradoxe Hitzeempfindung werden durch länger dauernde Behandlung mit Substanzen, die an zentralen Dopaminrezeptoren angreifen, weitgehend zurückgebildet, so die Wissenschaftler.

Die Studie wurde auf dem Deutschen Schmerzkongress in Berlin vorgestellt.
(idw - Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS), 16.10.2006 - DLO)
 
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