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Sonntag, 26.03.2017
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Stirnlappen steuert Egoismus

Der vordere Stirnlappen spielt zentrale Rolle bei der Kontrolle egoistischer Impulse

Die Vermutung, dass der vordere Stirnlappen an der Ausübung der Selbstkontrolle beteiligt ist, konnten nun Schweizer Wissenschaftler erstmals bestätigen und berichten hierüber in "Science". Es ist ihnen gelungen, den Stirnlappen mithilfe der Magnetstimulation kurzfristig so zu beeinflussen, dass bei verminderter Erregbarkeit auch die reziproke Fairness der Probanden abnahm. Dies könnte möglicherweise das impulshafte und durch Eigennutz geprägte Handeln von Teenagern erklären, da bei ihnen der vordere Stirnlappen noch nicht seinen vollen Funktionsumfang erreicht hat.
Rätsel Gehirn

Rätsel Gehirn

Wie reguliert das menschliche Gehirn die Kontrolle eigennütziger Impulse? Wie schaffen es die Menschen, durch Selbstkontrolle die ungehemmte Auslebung des Eigennutzes zu verhindern? Welche neuronalen Prozesse liegen der Selbstkontrolle zugrunde? Einem Forschungsteam der Universität Zürich um den Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ernst Fehr und die Hirnforscherin Daria Knoch ist es in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Kollegen Alvaro Pascual-Leone von der Harvard University gelungen, diese Fragen zu beantworten.

Die Zürcher Wissenschaftler bedienten sich dazu der Methode der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS). Diese Methode erlaubt eine schmerzfreie, nicht-invasive, und kurzzeitige Minderung der Erregbarkeit des stimulierten Gehirnrindenareals. Dabei kann das Verhalten von freiwilligen Versuchspersonen untersucht werden, wenn diese vor der Entscheidung stehen, das unfaire Verhalten eines Partners in einem Verhandlungsexperiment auf eigene Kosten zu bestrafen. Da die Bestrafung mit Kosten verbunden ist, muss die Versuchsperson, wenn sie bestrafen will, den materiellen Eigennutz überwinden beziehungsweise unter Kontrolle halten.

Reduzierte Kontrolle


Es zeigte sich, dass Probanden, bei denen die Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens vermindert wurde, ihren Eigennutz weit weniger kontrollieren konnten als Probanden, bei denen die Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens nicht verändert wurde. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass alle Probanden - unabhängig davon ob ihr vorderer Stirnlappen stimuliert wurde oder nicht - das Verhalten des Verhandlungspartners als sehr unfair beurteilten. Die verminderte Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens hat demnach nicht die Fairnessurteile verändert, sondern die Fähigkeit reduziert, den materiellen Eigennutz im Dienste der Fairness zu unterdrücken.


Ernst Fehr, Direktor des universitären Forschungsschwerpunktes zur Erforschung der Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens an der Universität Zürich, stellt daher mit Befriedigung fest: „Mit dieser Studie ist es erstmalig gelungen, die kausale Rolle des vorderen Stirnlappens bei der Implementierung von Fairnessnormen nachzuweisen und die Kontrolle eigennütziger Impulse, die für unser Sozialverhalten eine Schlüsselrolle spielt, durch Magnetstimulation zu modulieren.“

Erklärung für jugendliche Eigennützigkeit


Befürchtungen über eine missbräuchliche Anwendung von rTMS müssen laut der Neurowissenschaftlerin Daria Knoch aber nicht bestehen, da der rTMS-Effekt nur von sehr kurzer Dauer ist und ein Einverständnis der zu stimulierenden Person voraussetzt. Die Resultate sind laut Knoch auch im Lichte der Gehirnentwicklung Heranwachsender interessant. So hat der vordere Stirnlappen bei Teenagern und Jugendlichen seinen vollen Funktionsumfang noch nicht erreicht, was deren oft durch Impulse und unmittelbaren Eigennutz gekennzeichnetes Verhalten erklären könnte.

Zivilisiertes menschliches Zusammenleben setzt die Einhaltung elementarer sozialer Normen wie Fairness, Kooperation, Höflichkeit oder Ehrlichkeit voraus. Die Einhaltung solcher Normen wird unter anderem durch die Zivilcourage der Mitmenschen sichergestellt, die bereit sind, Normverletzern entgegenzutreten und sie gegebenenfalls auch zu bestrafen. Die Einzigartigkeit menschlicher Gesellschaften beruht darauf, dass viele Menschen die Bereitschaft zu reziproker Fairness haben, dass heißt bereit sind, auf die Verletzung von Fairnessnormen mit Sanktionen zu reagieren.

Allerdings ist die Bestrafung unfairen und unkooperativen Verhaltens in aller Regel auch für den Bestrafenden nicht kostenlos. So kann die Kritik unfairer Praktiken eines Geschäftspartners den Verlust profitabler Geschäfte mit sich bringen. Die offene Kritik unethischer Praktiken von Arbeitskollegen kann zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Zivilcourage und faires Verhalten stehen deshalb häufig im Widerspruch zum ökonomischen Eigennutz und verlangen die Kontrolle und Unterdrückung egoistischer Impulse.
(Universität Zürich, 06.10.2006 - AHE)
 
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