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Freitag, 19.03.2010
Depressionen im Doppelpack
Gemeinsame genetische Basis für unterschiedliche Depressionsformen entdeckt
Schon lange ist bekannt, dass Depressionen vererbt werden können. Nun haben jedoch zwei Studien nachgewiesen, dass ein bestimmtes Gen nicht nur eine sondern gleich zwei unterschiedliche Erkrankungen auslösen kann. Bislang galt eine gemeinsame genetische Grundlage für die beiden untersuchten Depressionserkrankungen als ausgeschlossen. Diese Entdeckung eröffnet möglicherweise neue Wege für Therapien, wie die Forscher in der Fachpublikation „Human Molecular Genetics, Advance Online Publication“ berichten.

DNA-Strang
DNA-Strang
© MMCD
Wer an Depressionen leidet, der erlebt immer wieder Episoden mit Symptomen von Traurigkeit und Schwermut. Während sich bei Patienten mit „unipolaren Depressionen“ solche Tiefs mit normalen Zeiten abwechseln, erleben Patienten mit „bipolarer Depression“ zusätzlich Phasen von Manie oder Hypomanie mit stark erhöhter freudiger Erregung bis zu Größenideen und Verschwendungssucht. Dass beide Formen erblich sind, ist seit langem bekannt. Bei bipolarer Depression geht man von einer Vererbung in 83 bis 93 Prozent der Fälle aus; bei unipolarer Depression schwanken die entsprechenden Zahlen zwischen 34 und 75 Prozent.

Zwei Studien – ein Ergebnis
Die Münchner Max-Planck-Forscher vom Institut für Psychiatrie untersuchten nun Gene von 1.000 Patienten mit unipolarer Depression und einer etwa ebenso großen Kontrollgruppe. Ihre Kollegen am CHUL Research Center and Université Laval in Quebec erforschten hingegen die Gene von 213 Patienten mit bipolarer Depression. Dabei hat sich gezeigt, dass etwa 30 Prozent der Patienten mit Depression diese Variation im P2RX7 Gen besitzen. Zudem erhöht sich das Risiko, an einer unipolaren Depression zu erkranken, um 40 Prozent, wenn der heterozygote Genotyp im P2RX7 Gen vorliegt.

Das Gen P2RX7 bestimmt das Aussehen eines Kalzium-Ionenkanals für ATP in der Membran von Nervenzellen verschiedener Hirnregionen. Die gefundene Genvariation verändert den Rezeptor an der Schnittstelle zu anderen Zellen. Daher beeinflusst sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Interaktionen der Zellen und damit die Signalübertragung im Gehirn. Bislang wurde der Rezeptor mit Entzündungsreaktionen des Gehirns in Verbindung gebracht, er ist jedoch auch an Stressreaktionen beteiligt.

Gleicher genetischer Ursprung
Eine gemeinsame genetische Grundlage für beide Depressionsformen wurde bisher ausgeschlossen. Die beiden unabhängigen Studien eröffnen daher völlig neue Wege in der Forschung: „Die identifizierte Assoziation der P2RX7 Nukleotidvariation mit der unipolaren Depression und der bipolaren Depression deutet daraufhin, dass verschiedene psychiatrische Erkrankungen gemeinsame genetische Ursachen teilen“, sagt Bertram Müller-Myhsok vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Weil P2RX7 als Membrankomponente von Molekülen direkt erreichbar ist, bietet sie den idealen Angriffspunkt für zukünftige Antidepressiva, hoffen die Wissenschaftler. Prof. Florian Holsboer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, erklärt dazu: „Die Möglichkeit genetisch bedingte Funktionsänderungen in Nervenzellen gezielt durch Medikamente korrigieren zu können, ist ein Neubeginn in der Depressionstherapie. Wir haben dank der humangenetischen Befunde einen völlig neuartigen Wirkmechanismus für die nächste Generation der Antidepressiva entdeckt. Diese werden vor allem schneller klinisch wirksam sein als die jetzt verfügbaren Medikamente.“
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