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Mittwoch, 20.09.2017
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Bienen vor dem Aus?

Bestäuber und ihre Pflanzen verschwinden gemeinsam

Die Vielfalt der Bienen und der von ihnen bestäubten Blütenpflanzen ist während der letzten 25 Jahre deutlich zurückgegangen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Rahmen des EU-Forschungsprojektes ALARM entstand und in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science veröffentlicht wurde. Die Untersuchung ist der erste wissenschaftliche Beleg für einen weit verbreiteten Rückgang der Bienenarten.
Langhornbiene Eucera nigrescens

Langhornbiene Eucera nigrescens

Bedenken, dass der Verlust der Bestäuber auch gravierende Konsequenzen in ganzen Ökosystemen haben wird, bestehen seit langem. Doch bis vor kurzem waren die meisten Belege hierfür auf einige wenige hoch spezialisierte Arten in ganz spezifischen Lebensräumen begrenzt. Um den generellen Rückgängen nachzugehen, hat ein Team von Wissenschaftlern aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland nun Daten über die biologische Vielfalt von hunderten Lebensräumen zusammengestellt und dabei herausgefunden, dass die Vielfalt an Bienen in fast 80 Prozent dieser Gebiete zurückging. Viele Bienen-Arten sind beispielsweise in Großbritannien seltener geworden oder sogar ausgestorben.

"Wir sind schockiert sowohl über den Rückgang bei den Pflanzen als auch bei den Bienen. Wenn dieses Muster sich anderenorts auch bestätigt, dann droht der Verlust wichtiger "Dienstleistungen" durch unsere Bestäuber, die wir geradezu selbstverständlich in Anspruch nehmen - und damit auch das Verschwinden von Pflanzen, an denen wir uns in der Landschaft erfreuen.", kommentierte Koos Biesmeijer von der Universität Leeds die Studienergebnisse.

Bestäuber sind von großer Bedeutung für die Fortpflanzung vieler Wild- und Kulturpflanzen. Simon Potts von der Universität Reading sagte: "Der ökonomische Wert der Bestäubung wird weltweit auf jährlich 30 bis 60 Milliarden Euro geschätzt."


Das internationale Forscherteam untersuchte Daten von Bestäubern und von Pflanzen in Großbritannien und den Niederlanden. Unterstützt wurden die hauptberuflichen Forscher durch viele Freiwillige, die nahezu unentgeltlich arbeiteten und wichtige Beobachtungen sammelten. In den beiden Ländern gibt es bereits seit mehreren Jahrzehnten langfristige Monitoringprogramme, um die Entwicklung der Artenvielfalt zu untersuchen und den Artengrückgang zu stoppen.

Bienenvielfalt drastisch gesunken


Für ihre Science-Publikation verglichen die Wissenschaftler um Biesmeijer Daten aus der Zeit vor und nach 1980 miteinander. Dabei zeigte sich, dass in beiden Ländern die Bienenvielfalt zurückgegangen ist, während die Vielfalt von Schwebfliegen - einer weiteren Gruppe bestäubender Insekten - in Großbritannien etwa konstant blieb und in den Niederlanden sogar zugenommen hat.

Der Verlust der Bienenvielfalt ist zunächst nicht allzu alarmierend, solange andere bestäubende Insekten mit ähnlichen Eigenschaften überleben und in der Lage sind, dieselben Pflanzenarten zu bestäuben. Dies ist nach den Ergebnissen der Forscher jedoch leider nicht der Fall. Die Studie zeigt, dass sowohl bei den Bienen als auch den Schwebfliegen jeweils "Gewinner" und "Verlierer" ökologisch ähnlich waren. Insekten, die ein begrenztes Spektrum von Pflanzenarten bestäuben oder die spezialisierte Habitatansprüche haben, gingen am häufigsten zurück. Generell hat eine kleine Anzahl von Generalisten eine größere Zahl von selteneren Spezialisten ersetzt.

Großbritannien: Bestäuber immer seltener


Stuart Roberts von der Universität Reading stellt heraus: "In Großbritannien sind die Bestäuber, die früher schon selten waren, meist noch seltener geworden, während die weiter verbreiteten Arten sich noch weiter ausdehnen konnten. Selbst bei den Insekten werden die Armen ärmer und die Reichen reicher."

Parallel wurden Veränderungen in der Pflanzenwelt festgestellt. Ebenso verschwinden Pflanzen, die von der Bestäubung durch ganz bestimmte Bienen abhängig sind. Bill Kunin von der Universität Leeds erklärte: "Wir betrachteten die Veränderungen bei den Pflanzen im Nachgang und waren überrascht zu sehen, wie stark die Trends waren. Als wir unsere niederländischen Kollegen kontaktierten fiel auf, dass sie anfingen, ähnliche Veränderungen bei ihren Wildpflanzen zu beobachten."

In Großbritannien, wo die Bienenvielfalt stark zurückging und Schwebfliegen sich am besten halten konnten, wurden Rückgänge von 70 Prozent der Wildpflanzen beobachtet, die Insekten für die Bestäubung benötigen. Wind- oder selbstbestäubende Pflanzen hingegen blieben gleich häufig oder nahmen sogar zu. Das Muster ist in den Niederlanden etwas abweichend. Dort ging die Anzahl der Bienenarten im Durchschnitt auch zurück, die Schwebfliegen-Vielfalt hingegen stieg an. Hier wurden Rückgänge bei Pflanzen beobachtet, die spezifisch Bienen für die Bestäubung benötigen, jedoch nicht bei Pflanzen, die auch andere bestäubende Insekten nutzen können. Folglich spiegeln die Pflanzenrückgänge sehr deutlich die Rückgänge ihrer Bestäuber wider.

Rückgang von Bestäubern und Pflanzen im Gleichschritt


Dieser Unterschied zwischen den Ländern legt den Schluss nahe, dass der Rückgang der Bestäuber und Pflanzen eng verknüpft ist. Ralf Ohlemüller von der Universität York erklärte: "Die Zusammenhänge der Rückgänge von Wildpflanzen und ihren Bestäubern sind zu eng als dass sie nur zufällig sein könnten."

Unklar ist für die Forscher noch, ob der Bienenschwund die Rückgänge bei Pflanzen verursacht, oder umgekehrt, oder ob nicht sogar beide in einem Teufelskreis miteinander verstrickt sind, in dem sie sich gegenseitig negativ beeinflussen. Die Wissenschaftler kennen auch die ultimativen Ursachen der Rückgänge nicht, wenngleich Landnutzungsveränderungen, landwirtschaftliche Chemikalien und Klimaänderung wichtige Faktoren sein dürften.

Sie wollen diese Fragen in einem nächsten Schritt im Rahmen des EU-Forschungsprojektes ALARM klären. ALARM beschäftigt sich mit den wesentlichen Ursachen des Rückgangs der biologischen Vielfalt: Klimawandel, Verlust an Bestäubern, Schadstoffe und Invasion gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten, sowie deren gegenseitige Abhängigkeit. An ALARM sind derzeit 54 Partner in 26 Ländern beteiligt. Das Großprojekt wird von einem Team um Josef Settele vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) geleitet.

Biesmeijer sagte: "Was auch immer die Ursache ist, die Studie zeigt eine beunruhigende Erklärungsmöglichkeit auf, bei der Rückgänge bei einigen Arten Kaskaden-Effekte lokaler Ausrottungen unter anderen assoziierten Arten auslösen." Die Studie mag noch keinen globalen Rückgang bei der Bestäubung belegen, aber zumindest in zwei Ländern gibt es starke Indizien dafür, dass sowohl natürliche Bestäuber und die von ihnen besuchten Wildpflanzen in ernsthaften Schwierigkeiten stecken.
(idw - Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, 24.07.2006 - DLO)
 
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