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Montag, 29.05.2017
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Pandemie-Schutz: Junge und Gesunde zuerst?

Provokante These stellt Prioritäten bei der Impfstoffverteilung auf den Kopf

Eine Vogelgrippe-Pandemie hätte nicht nur verheerende Folgen, sie stellt die Gesundheitsbehörden und Ärzte auch vor schwierige und potenziell tragische Entscheidungen: Wenn Grippe-Impfstoffe knapp sind, wer soll Priorität erhalten? Bisher galt das Prinzip: Kinder und Alte zuerst. Doch in einem Artikel in der Zeitschrift Science argumentieren jetzt zwei Bioethiker für einen alternativen Ansatz.
Impfung

Impfung

Sollte die Vogelgrippe sich von einer Tierseuche zu einer von Mensch zu Mensch übertragbaren Krankheit verändern, könnten Millionen Menschen erkranken. Im ersten Jahr einer Pandemie, so schätzen Experten, wären wegen Engpässen bei der Impfstoffproduktion bis zu 90 Prozent der Bevölkerung ungeschützt. Bei der Verteilung der knappen Impfstoffdosen sollte das oberste Ziel sein, so viele Leben wie möglich zu retten. Nach bisherigen Richtlinien bedeutet dies, dass neben den Beschäftigten im Gesundheitswesen und Katastrophenschützern, Kleinkinder unter zwei Jahren und ältere Menschen ab 65, als erstes mit Impfstoffen versorgt werden müssen.

Verbleibende Lebenszeit als Maßstab?


Doch Alan Wertheimer, Politikprofessor der Universität von Vermont und Ezekiel Emanuel, Leiter der Abteilung für Bioethik der amerikanischen Nationalen Institutes of Health, stellen nun in „Science“ in Frage, ob diese Strategie wirklich die meisten Leben retteten könnte. Ihrer Ansicht nach sollten nicht alte, kranke sondern junge, gesunde Erwachsene mit Priorität behandelt werden. Sie hätten, so die Argumentation, einerseits noch eine höhere Lebenserwartung, andererseits bereits in ihr Leben investiert.

“Die Idee basiert darauf, dass es wichtig ist zu fragen, wessen Leben und an welchem Punkt des Lebens das ist”, erklärt Wertheimer ihr „Lebenszyklus Prinzip“. „Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Retten der meisten Leben und dem der meisten noch zu erwartenden Lebensjahre.“ Ihrer Ansicht nach sollten die Menschen die Möglichkeit erhalten, alle Stadien des Lebens zu durchleben, von Kindheit über die Pubertät, die Reife und die Gründung einer Familie. Aus dieser Perspektive heraus gesehen ist der Tod eines Kindes tragischer als der Tod eines älteren Menschen – nicht weil diese weniger wichtig seien, wohl aber, weil die jüngeren noch keine Chance hatten, alle Lebensphasen zu durchlaufen.

Spiel mit dem Sozialdarwinismus


Würde man nur diesem Prinzip folgen, müssten alle Impfstoffe ausschließlich an Kinder gehen – die aber ohne Hilfe ohnehin nicht überleben könnten. Wertheimer und Emanuel sehen daher als zweites Verteilungsprinzip die Überlegung, wie viele ein Individuum bereits in ihr Leben investiert habe. Ein 20 Jähriger, so ihre Erklärung, habe bereits mehr unerfüllte Interessen, Pläne und Hoffnungen entwickelt als ein Säugling und verdiene daher eine höhere Priorität für die Impfstoffverteilung.


Die beiden Wissenschaftler sind sich der Brisanz ihrer leicht als Sozialdarwinismus auslegbaren Thesen sehr wohl bewusst. Wertheimer räumt ausdrücklich ein, dass diese Art der Berechnung extrem kontrovers und heikel ist: “Menschen stellen sich nicht gerne solchen Fragen wie in dieser Veröffentlichung”, erklärt er. „”Es wäre schön, wenn wir gar nicht erst vor eine solche Entscheidung gestellt werden würden, vielleicht kommt es ja auch nicht dazu. Aber an einem bestimmten Punkt wird es nun mal wahrscheinlich, dass wir mit einer Pandemie oder etwas ähnlichem konfrontiert werden, die uns vor ein solches Dilemma stellt.“
(University of Vermont, 16.05.2006 - NPO)
 
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