Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Santorin: Historischer Vulkanausbruch früher als gedacht
Fehlen in der Zeitrechnung der Antike 100 Jahre?
Schon seit langem gibt der historische Ausbruch des Vulkans auf der Insel Santorin in der Ägäis Archäologen und Naturwissenschaftlern Rätsel auf. Vor allem die genaue Datierung dieses Ereignisses ist bislang umstritten. Ein vor kurzem im verschütteten minoischen Dorf Akrotiri entdecktes Stück Olivenholz, das mit neuen Methoden untersucht wurde, hat jetzt für ein überraschendes Ergebnis gesorgt: Danach fand der Vulkanausbruch zwischen 1627 und 1600 vor Christus statt - 100 Jahre früher statt als bisher gedacht.

Santorin
Santorin
© NASA/GSFC/Aster
Die gewaltige Eruption auf Santorin vor rund 3.500 Jahren bedeckte ein weites Gebiet im östlichen Mittelmeer mit einem Ascheregen und schuf so eine universelle Zeitmarke für die Synchronisierung von Kulturen der späten Bronzezeit in dieser Region. Die verbreitete Tradition einer historischen Datierung des Vulkansausbruchs auf Santorin über Königslisten und astronomische Konstellationen, insbesondere für Ägypten, grenzten die Eruption bisher auf einen Zeitraum zwischen 1530 und 1500 v.Chr. ein.

Demgegenüber standen naturwissenschaftliche Datierungen, darunter Radiokarbondaten. Sie zweifelten dieses Datum an: Schwefel in Eiskernen aus Grönland und Proben aus Samen von der Insel Santorin ließen auf einen Ausbruch im 17. Jahrhundert v. Chr. schließen. Für eine zweifelsfreie Zeitangabe waren die Messungen jedoch nicht zuverlässig genug.

Olivenholz schafft Klarheit
Auf Santorin gefundener Olivenast
Auf Santorin gefundener Olivenast
© Walter Friedrich
Ein Stück Olivenholz konnte jetzt Klarheit schaffen. Der Fund stammt aus der Gegend des minoischen Dorfes Akrotiri, dem "Pompeji der Bronzezeit", das vor über 3.500 Jahren in Vulkanaschen versank. Gefunden wurde es von dem dänischen Geologiestudenten Tom Pfeiffer.

Mit neuen Methoden gelang es einem Forscherteam der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Universitäten Heidelberg, Hohenheim und Aarhus/Dänemark, das exakte Alter des gefundenen Olivenbaums zu bestimmen, der beim Ausbruch eingeschlossen wurde. Ergebnis: Die Archäologen haben sich in ihrer Zeitrechnung bislang um 100 Jahre geirrt.

Prekär ist der Fund des dänischen Geologiestudenten vor allem deshalb, weil der minoische Vulkanausbruch der Insel Santorin ein wichtiges geschichtliches Ereignis mit Auswirkungen bis nach China und Amerika darstellt. Archäologen benutzen diesen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte als Fixpunkt in der Historie des östlichen Mittelmeerraumes.

Den Durchbruch brachte eine Kombination neuer Untersuchungsmethoden: "Bei dem Olivenholz handelt es sich um den Ast eines Baumes, der beim Vulkanausbruch lebend verschüttet wurde", erklärt der Paläobotaniker Michael Friedrich von der Heidelberger Akademie der Wissenschaft, der an der Universität Hohenheim im Institut für Botanik arbeitet. Mit einem Computer-Tomographen, ähnlich wie ihn auch Mediziner benutzen, gelang es den Forschern, mehr als 70 Jahresringe in dem über 3.500 Jahre alten Holz zu unterschieden.

Ergebnisse wichtig für Historiker
"Danach konnten wir aus mehreren Ringen Holzproben nehmen und über die Radiokarbon-Methode datieren", so Friedrich in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science. Dabei wird der Gehalt an C14, einer natürlichen Variante von Kohlenstoff gemessen, dessen Gehalt sich in der Natur im Laufe der Erdgeschichte immer wieder verändert hat. "Da wir wissen, wann der natürliche C14-Gehalt wie hoch war, können wir theoretisch zurückrechnen, wann der entsprechende Jahrring gewachsen ist", erklärt Bernd Kromer von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz am Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg hat.

Bislang scheiterte die Methode daran, dass der Kohlenstoff-Gehalt in den Jahrhunderten um den Ausbruch mehrfach nach oben und unten schwankte, das bedeutet, für jedes Messergebnis gibt es mehrere Alter, die in Frage kommen. "In diesem Fall haben wir erstmals mehrere Messergebnisse aus verschiedenen Ringen, von denen wir exakt wissen, wie weit sie auseinander liegen", erklärt Friedrich. Auf diese Weise erhielten die Forscher ein mehrteiliges Puzzle-Stück, für das nur eine kurzfristige Zeitspanne als Alter in Frage kam.

"Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent können wir das Ende der Siedlung Akrotiri nun auf die Jahre 1627 bis 1600 vor Christus eingrenzen", bestätigt Kromer. "Damit schließen wir von naturwissenschaftlicher Seite aus, dass der Ausbruch über die bisher etablierten Verknüpfungen mit der historischen ägyptischen Chronologie datiert werden kann. Vielmehr müssen die historischen und kulturellen Beziehungen der vielfältigen Kulturen der Spätbronzezeit im östlichen Mittelmeer neu untersucht und interpretiert werden."
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Vulkanismus, Eruption, Dendrochronologie, Akrotiri, Eiskerne, Archäologie, Olivenholz, Radiokarbon-Methode, Computer-Tomographie
Weitere News zum Thema
Supervulkane werden schnell wieder aktiv (02.02.2012)
Erste Anzeichen für eine Eruption erst wenige Jahrzehnte vorher messbar
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Death Valley: Vulkanausbruch möglich (25.01.2012)
Ausreichend Magma und Wasser im Untergrund vorhanden
Größtes Massen-Aussterben dauerte nicht mal 200.000 Jahre (18.11.2011)
Datierung liefert neue Hinweise auf Ursache der Urzeit-Katastrophe
Merkur: Frische Löcher und alten Vulkanismus entdeckt (30.09.2011)
Messenger-Sonde liefert neue Erkenntnisse über den sonnennächsten Planeten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Vulkanismus
Die brodelnde Gefahr
Nie wieder Pompeji?
Frühwarnsysteme bei Vulkanausbrüchen
Dendrochronologie
Der Baum-Code
Die Sieben Weltwunder
Monumente für die Ewigkeit?
Stadtgeschichte(n)
Eine Zeitreise in die Vergangenheit...
News des Tages
Santorin: Historischer Vulkanausbruch früher als gedacht
Drosophila beflügelt Roboter
Kettensägen gegen Heilpflanzen
Neue Waffen im Kampf gegen Seuchen
„Gutes“ Gen unter Krebsverdacht
Kortison schadet bei der Krebstherapie
Bücher zum Thema
Rätsel der Archäologie
Unerwartete Entdeckungen - Unerforschte Monumente von Luc Bürgin
Die Geschichte des Lebens auf der Erde
Vier Milliarden Jahre von Douglas Palmer
Pompeji
Der letzte Tag produziert von der BBC
Der unruhige Planet
von Richard Dikau und Jürgen Weichselgartner
Naturkatastrophen
Vulkane, Beben, Wirbelstürme - Entfesselte Gewalten und ihre Folgen von Harald Frater (Hrsg.)
Krakatau
Der Tag, an dem die Welt zerbrach 27. August 1883 von Simon Winchester und Harald Alfred Stadler (Übersetzer)
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes