• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Sonntag, 26.03.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

AIDS-Medikament hilft auch gegen Hepatitis

Erbgutveränderungen machen Viren resistent gegen Standardmedikamente

Bisher setzten Mediziner im Kampf gegen die Leberentzündung Hepatitis B vor allem auf das Medikament Adefovir. Doch nicht bei allen Patienten zeigt es Durchschlagskraft. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, warum: Bei manchen Hepatitis B-Viren ist das Erbgut minimal verändert. Dadurch sind sie von Natur aus gegen Adefovir resistent. Als Alternative bietet sich nach Angaben der Forscher ein Medikament an, das bisher hauptsächlich zur Behandlung von AIDS-Patienten eingesetzt wird.
Tabletten

Tabletten

In der Studie drückte es die Konzentration der Virus-DNA im Blut auch bei den Patienten unter die Nachweisgrenze, die auf Adefovir nicht ansprachen. Die Wissenschaftler der Universitäten Gießen und Bonn sowie vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg berichten über ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

Weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 400 Millionen Menschen mit dem Hepatitis B-Virus infiziert. Die Erkrankung wird häufig chronisch, bei Kindern in rund neun von zehn Fällen. Gerade der chronische Verlauf ist gefährlich: Da die Leber immer wieder neuen Entzündungsschüben ausgesetzt ist, entwickeln viele Patienten im Laufe der Zeit eine Leberzirrhose. Eine häufige Spätfolge ist Leberkrebs.

Adefovir verhindert Virusvermehrung


"Es ist nur schwer möglich, eine chronische Leberentzündung zu heilen, da sich das Virus gewissermaßen im Körper versteckt", erklärt der Bonner Virologe Dr. Oliver Schildgen. "Bei der Behandlung kommt es daher vor allem darauf an, den Erreger langfristig an seiner Vermehrung zu hindern." Das macht beispielsweise das Medikament Lamivudin: Es wird von der so genannten "reversen Transkriptase" - einem viralen Protein - bei der Vermehrung des Erregers in dessen Erbinformation eingebaut. Dies führt dazu, dass sich keine vollständige neue Virus-DNA mehr bilden kann.


Gegen Lamiduvin entwickelt der Erreger jedoch häufig Resistenzen, so dass die Ärzte nach einiger Zeit meist auf einen anderen Wirkstoff zurückgreifen müssen. Als Alternative der Wahl galt bislang das Medikament Adefovir. Es verhindert ebenfalls die Virusvermehrung und führt nur selten zu neuen Resistenzen. "Einige Hepatitis-B-Virusstämme scheinen aber von Natur aus nicht auf Adefovir anzusprechen", sagt Schildgen.

Zusammen mit der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Wolfram Gerlich von der Universität Gießen hat der Bonner Wissenschaftler drei Patienten genauer untersucht, bei denen die Therapie mit Adefovir ohne Erfolg verlaufen war. Allen Testpersonen hatte man bereits vor Beginn der Behandlung eine Blutprobe entnommen und die Hepatitis B-Viren darin untersucht. "Bei allen drei Patienten wies die Virus-DNA an ein und demselben Punkt eine Mutation auf", fasst Gerlich das Ergebnis zusammen. "Diese Veränderung im Erbgut scheint den Erreger natürlicherweise gegen Adefovir resistent zu machen." Das wurde im Labor durch Dr. Hüseyin Sirma und Professor Dr. Hans Will vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg durch Zellkultur-Studien bestätigt.

AIDS-Medikament als Alternative


Auch das AIDS-Virus verfügt über eine reverse Transkriptase, an die beispielsweise das AIDS-Medikament Tenofovir angreift. Da sie der reversen Transkriptase aus dem Hepatitis B-Virus ähnelt, wirkt Tenofovir auch gegen den Erreger der Leberentzündung. Bislang ist das Medikament aber nicht zur Behandlung von Hepatitis-Patienten zugelassen. Wenn Adefovir versagt, sollte Tenofovir zudem ebenfalls nicht helfen - so zumindest die Erwartung der Fachleute. Experten sprechen von einer "Kreuzresistenz".

Bei den drei Patienten der Studie versuchten die behandelnden Ärzte auch auf Anraten des Bonner Infektiologen Professor Dr. Jürgen Rockstroh dennoch die Therapie mit Tenofovir. Sie funktionierte hervorragend: Bis zu 500 Millionen Kopien Hepatitis B-DNA pro Milliliter fanden die Forscher nach Ende der erfolglosen Adefovir-Therapie im Blut ihrer Probanden. Die Tenofovir-Therapie drückte diesen Wert innerhalb von ein bis zwei Jahren unter die Nachweisschwelle von 30 Kopien pro Milliliter. "Seit einem Jahr finden wir im Blut unserer Patienten keine Virus-DNA mehr", sagt Gerlich. Dass das Virus komplett eliminiert wurde, hält er dennoch für unwahrscheinlich. "Wenn wir die Therapie beenden, wird sich der Erreger wahrscheinlich wieder vermehren."

Hepatitis B nicht gleich Hepatitis B?


Diese Erkenntnisse überraschten die Forscher, da bei zwei großen klinischen Studien des Herstellers von Adefovir mit jeweils 400 Patienten keine solchen "primären" Resistenzen festgestellt worden waren. Es ist lediglich der Aufmerksamkeit zweier niedergelassener Ärzte zu verdanken, Professor Heinz Hartmann in Herne und Martin Helm in Nürnberg, dass sie das unerwartete Therapieversagen bemerkten und die Proben der Patienten zur genaueren Untersuchung an die Laboratorien von Gerlich und Dr. Schildgen sandten.

Aus Schildgens Sicht zeigt die Studie, wie wichtig eine differenzierte Diagnose vor Beginn der Behandlung ist. "Hepatitis B ist nicht gleich Hepatitis B. Was gegen den einen Erregerstamm wirkt, kann gegen einen anderen völlig ohne Erfolg bleiben." Mit einer Sequenzuntersuchung der Erreger-DNA könne man schon im Vorfeld abchecken, welche Behandlungsoption am Erfolg versprechendsten sei - und damit auch jede Menge Geld sparen.
(idw - Universität Bonn, 27.04.2006 - DLO)
 
Printer IconShare Icon